Tötungsdelikt in Lampenberg BL – «Ein junger Mann hat seinen Vater erschossen – das ist sehr selten»
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Tötungsdelikt in Lampenberg BL «Ein junger Mann hat seinen Vater erschossen – das ist sehr selten»

Am Montagabend erschoss ein 23-Jähriger in Lampenberg seinen Vater. Welche Rolle spielte der leichte Zugang des wehrdienstpflichtigen Feldschützen zu Waffen? Gewaltforscher Dirk Baier ordnet die bisherigen Erkenntnisse ein.

von
Steve Last
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Am Montagabend kam es nach einer Schussabgabe in Lampenberg zu einem Grosseinsatz von Polizei und Rettung.

Am Montagabend kam es nach einer Schussabgabe in Lampenberg zu einem Grosseinsatz von Polizei und Rettung.

BRK News
Ein 54-jähriger Mann wurde getötet. Die Umstände waren zunächst unklar; dann riefen die Behörden zur Öffentlichkeitsfahndung auf.

Ein 54-jähriger Mann wurde getötet. Die Umstände waren zunächst unklar; dann riefen die Behörden zur Öffentlichkeitsfahndung auf.

BRK News
Wegen des Verdachts auf ein Tötungsdelikt wurde am Dienstagmorgen nach einem jungen Mann gesucht. Im weiteren Verlauf wurde klar, dass es sich um einen Sohn des Getöteten handelt.

Wegen des Verdachts auf ein Tötungsdelikt wurde am Dienstagmorgen nach einem jungen Mann gesucht. Im weiteren Verlauf wurde klar, dass es sich um einen Sohn des Getöteten handelt.

Polizei BL

Darum gehts

  • Ein 54-Jähriger wurde am Montagabend in Lampenberg BL erschossen.

  • Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den 23-jährigen Sohn des Opfers wegen eines Tötungsdelikts.

  • Der Fall ist für Gewaltforscher Dirk Baier untypisch; die Schusswaffe begünstigend, aber nicht notwendig.

Am Montagabend wurde in Lampenberg im Kanton Baselland ein 54-jähriger Mann in seinem Haus erschossen. Unter dringendem Tatverdacht wurde am Dienstag sein 23-jähriger Sohn festgenommen, nachdem er zunächst flüchtig war. Für den renommierten Gewaltforscher Dirk Baier ist der Fall untypisch.

«Häusliche Gewalt- und Tötungsdelikte sind auch in der Schweiz traurige Realität und treffen vor allem Frauen», sagt Gewaltforscher Dirk Baier zu 20 Minuten. «Ein junger Mann hat seinen Vater erschossen – das ist sehr selten», so Baier zu den bisherigen Erkenntnissen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen eines Tötungsdelikts. Was sich an dem Abend in dem Einfamilienhaus der Baselbieter Landgemeinde genau abgespielt hat, werden die Ermittlungen zeigen müssen.

Darum will sich Baier nicht festlegen, auch weil wegen der Seltenheit der Situation keine typischen Ursachen erforscht seien. «Eine Erklärung kann sein, dass der Täter an einer psychischen Krankheit litt», so der Forscher. Eine Form der Schizophrenie, die mit Gewaltfantasien und –bereitschaft einhergehe, könne im Extremfall in einer solchen Tat münden. «Eine andere Erklärung kann darin bestehen, dass ein Sohn stark unter der Dominanz seines Vaters leidet», sagt Baier weiter. Dann sei eine solche Tat «eine Art Befreiung aus einer kränkenden, erniedrigenden Beziehung». Für eine handfeste Beurteilung des konkreten Falles kenne er aber zu wenige Details.

Schütze hatte Zugang zu Waffen

Die Polizei geht davon aus, dass der 54-Jährige an einer Schussverletzung starb. Ob die Tatwaffe am Tatort gefunden wurde oder der Verdächtige sie bei seiner Verhaftung dabei hatte, ist noch unklar. Dem wehrdienstpflichtigen Feldschützen könnte ein Sturmgewehr der Armee zur Verfügung gestanden haben oder – gemäss unbestätigten Aussagen aus dem Umfeld - eine Pistole. Der 23-Jährige galt als Waffennarr und war ein versierter Feldschütze.

Der Zusammenhang zwischen der Verfügbarkeit von Schusswaffen und Tötungsdelikten sowie Suiziden gerade im häuslichen Kontext ist wissenschaftlich erwiesen. So hält das Bundesamt für Statistik etwa fest: «Schusswaffen werden zwar relativ selten eingesetzt – wo sie aber im Spiel sind, ist das Sterberisiko für Opfer höher als bei anderen Waffen.»

Wäre es auch dann zur Tötung gekommen, wenn keine Schusswaffe im Haus gewesen wäre? Definitiv lässt sich das nicht beantworten. Baier hält dazu fest: «Die Verfügbarkeit von Schusswaffen kann eine begünstigende Rolle spielen. Stehen keine zur Verfügung, kann ein Tötungsdelikt jederzeit auch mit anderen Mitteln verübt werden.» Dazu verweist er auf eine Studie des Bundesamts für Statistik (BFS). Laut dieser wird zwar jedes sechste Opfer von Tötungsdelikten im häuslichen Umfeld erschossen. Deutlich häufiger zum Einsatz kommen aber Messer oder rohe körperliche Gewalt. Allerdings: Kommen Schusswaffen zum Einsatz, resultiert dies in mehr vollendeten Tötungsdelikten und weniger Versuchen. Baier hält aber fest: «Schusswaffen sind nicht schuld an der tödlichen Gewalt, sondern immer die Personen, die die Waffen einsetzen.»

Viele Waffen, relativ wenig Schusswaffengewalt

Laut Baier befindet sich gemäss einer repräsentativen Umfrage in jedem vierten Haushalt eine scharfe Schusswaffe, dennoch komme es zu «recht wenig Schusswaffengewalt». Er kommt zum Schluss, dass die Schweizer Bevölkerung sehr gut auf die Gefahr, die von Schusswaffen ausgeht, sensibilisiert ist – ausser im Bereich des Suizids. Zwar nehmen sich in der Schweiz tendenziell immer weniger Menschen das Leben, aber an die 200 Selbsttötungen mit Schusswaffen jährlich veranlassen Baier dazu, grösseres Engagement in dem Bereich zu fordern.

Hast du oder hat jemand, den du kennst, Suizidgedanken? Oder hast du jemanden durch Suizid verloren?

Hier findest du Hilfe:

Pro Mente Sana, Tel. 0848 800 858

Seelsorge.net, Angebot der reformierten und katholischen Kirchen

Muslimische Seelsorge, Tel. 043 205 21 29

Angehörige.ch, Beratung und Anlaufstellen

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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