Aktualisiert 05.07.2017 06:48

Thaibox-Unterricht für Carlos

«Ein Kampfsportler kann gezielter zuschlagen»

Dass Carlos so gefährlich ist, liegt auch am Thaibox-Unterricht, den er besuchen durfte. Das hat zu einem Umdenken geführt: Kampfsport zur Resozialisierung ist mittlerweile passé.

von
ann
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Carlos wurde im März 2017 erneut zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In der Justizvollzugsanstalt Pöschwies hat der 21-Jährige nun sieben Aufseher attackiert. Einer von ihnen musste danach ins Spital gebracht werden.

Carlos wurde im März 2017 erneut zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In der Justizvollzugsanstalt Pöschwies hat der 21-Jährige nun sieben Aufseher attackiert. Einer von ihnen musste danach ins Spital gebracht werden.

Illustration: Robert Honegger
Bereits in der Untersuchungshaft verbreitete er in Pfäffikon ZH Angst und Schrecken bei Aufsehern und Mithäftlingen, was dazu führte, dass man ihn wochenlang kaum noch aus seiner Zelle liess.

Bereits in der Untersuchungshaft verbreitete er in Pfäffikon ZH Angst und Schrecken bei Aufsehern und Mithäftlingen, was dazu führte, dass man ihn wochenlang kaum noch aus seiner Zelle liess.

Keystone
Carlos stiess Todesdrohungen und üble Beschimpfungen aus, verstopfte das WC und das Lüftungsgitter und zwängte seinen Oberkörper zweimal durch die Essklappe. Die Massnahmen gegen Carlos wurden darum aus Sicherheitsgründen verhängt.

Carlos stiess Todesdrohungen und üble Beschimpfungen aus, verstopfte das WC und das Lüftungsgitter und zwängte seinen Oberkörper zweimal durch die Essklappe. Die Massnahmen gegen Carlos wurden darum aus Sicherheitsgründen verhängt.

Keystone/Zeichnung Linda Gaedel

Carlos (21) betrachteten die Aufseher des Gefängnisses Pfäffikon als so gefährlich, dass sie sich nicht trauten, seine Zellentür zu öffnen. Vorher mussten sie ein Polizeiaufgebot hinzuziehen. Die Folge: Der tägliche Hofgang blieb ihm verwehrt. Er litt unter erniedrigenden Haftbedingungen, wie ein am Montag vorgestellter Bericht zeigte. Erst letzte Woche schlug Carlos wieder zu: Er ging in der Strafanstalt Pöschwies gleich auf sieben Aufseher los, einer musste ins Spital.

Doch ausgerechnet die Behörden haben mit dazu beigetragen, dass Carlos so gefährlich ist. Als Carlos 16 Jahre alt war, wurde für ihn in Basel ein Sondersetting organisiert, bei dem er während über einem Jahr Thaiboxen lernte. Typisch an Thaiboxen ist, dass man sowohl Fäuste, Ellbogen als auch die Beine zum Kämpfen einsetzen kann.

Dank des Thaibox-Trainings ist aus Carlos, der jahrelang von Institution zu Institution weitergereicht wurde und an vielen Orten schon als Jugendlicher als untragbar galt, offenbar eine Kampfmaschine geworden.

«Aggressionen kann man nicht mit aggressivem Sport begegnen»

Für Strafrechtsexperte und Kriminologe Martin Killias ist es unverständlich und falsch, straffällig gewordene Jugendliche in Kampfsport zu unterrichten. «Sicher ist, dass so trainierte Personen gezielter zuschlagen können. Sie brauchen also weniger Schläge, um jemanden ausser Gefecht zu setzen.»

Killias plädiert schon lange dafür, dass keine Art von Kampfsport zur Resozialisierung eingesetzt wird. Dass man Aggressionen mit einem aggressiven Sport abreagieren könne, ist aus seiner Sicht eine Fehlüberlegung. Es gebe viele Studien, die beweisen würden, dass dies nicht funktioniere.

«Boxtraining im Gefängnis ist kontraindiziert»

Killias verweist auf eine Langzeitstudie mit Jugendlichen aus Norwegen. Diese habe nachweisen können, dass speziell Sportarten wie Boxen, Kraftsport, Wrestling, Thai- und Kickboxen Aggressionen und asoziales Verhalten verstärkten. Der negative Effekt entstehe einereseits durch den Sport selbst, aber auch durch die an den Trainingsorten gelebten Machoattitüde und die dortigen Normen und Ideale.

Für den Strafrechtsexperten ist es darum unverständlich, dass es immer noch Gefängnisse gibt, in denen man Boxen trainieren kann. «Mir ist bewusst, dass es wenig Platz gibt und Kraft- und Boxtrainig deshalb praktischer sind als andere Sportarten, dennoch ist es extrem kontraindiziert», sagt Killias.

Kein Kampfsporttraining für Jugendliche in einer Massnahme

Offenbar spätestens mit dem Fall Carlos hat diese Haltung auch die Schweizer Haftanstalten erreicht. Beim Berner Amt für Justizvollzug heisst es, dass in keinem Gefängnis Boxkurse angeboten werden. Die Verurteilten dürften lediglich einen Fitnessraum benutzen.

Beim Zürcher Amt für Justizvollzug gibt es auch in keinem Gefängnis ein Boxtraining. Es könne aber sein, dass am einen oder anderen Ort ausnahmsweise mal ein Boxsack für eine halbe Stunde aufgehängt werde – anstelle des üblichen Sportangebots wie Fussballspielen oder anderen sportlichen Aktivitäten. «Die Kampfkompetenz kann auf diese Weise aber nicht gesteigert werden», sagt Sprecherin Rebecca de Silva.

Bei der Zürcher Oberjugendanwaltschaft, die das Sondersetting von Carlos bewilligt hatte, sagt Sprecherin Sarah Reimann: «Kampfsporttrainings bei Jugendlichen, gegen die eine Strafuntersuchung läuft oder die sich in einer Massnahme befinden, sind bewilligungspflichtig.» Zurzeit gebe es keinen Fall von einem Jugendlichen, bei dem ein Kampfsporttraining angeordnet und bewilligt worden sei.

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