Aktualisiert 04.02.2013 11:23

Tödlichster Sniper

Ein Killer ohne Gnade

Chris Kyle, Sohn eines Diakons, tötete im Irak mindestens 160 Menschen. Ausgerechnet sein humanitäres Engagement wurde ihm nun zum Verhängnis.

von
Patrick Toggweiler

Sein erstes Opfer war eine Frau. Irgendwo im Irak lag er auf der Lauer und bewachte eine Gruppe Marines, als sie sich mit einer Granate den Truppen näherte. Chris Kyle wurde befohlen, sie zu erschiessen. Er zauderte. Erst beim zweiten Befehl drückte er ab. Es war das letzte Mal, dass er zögerte, jemanden zu töten.

Danach erschoss Chris Kyle zwischen 2003 und 2009 im Irak 160 feindliche Kämpfer – offiziell. Inoffiziell soll er über 250 Leben auf dem Gewissen haben: «Zuvor habe ich mich gefragt, ob ich dazu fähig bin, einen Menschen zu töten. Kann ich den Abzug ziehen? Ist es moralisch vertretbar und ist diese Person tatsächlich eine schlechte Person?», beschreibt Kyle seine anfänglichen Bedenken in «Texas Monthly».

Vom Cowboy zum Killer

Die Fragen beantwortete er sich selbst. «Nach dem ersten Kill sind die weiteren kein Problem. Ich schaue durch das Zielfernrohr, nehme das Ziel ins Fadenkreuz und erledige meinen Feind, bevor er einen meiner Leute tötet», heisst es in seiner Biografie «American Sniper». Das Buch wurde zum Bestseller. «Du legst deinen Finger nicht an den Abzug, wenn du nicht bereit bist, zu töten.»

Der Sohn eines Diakons und einer Sonntagsschullehrerin erlernte den Umgang mit dem Gewehr bereits in frühen Jahren. Mit einem Luftgewehr schoss er auf Vögel und Eichhörnchen. Mit acht Jahren erhielt er von seinem Vater eine Flinte und ein Schrotgewehr. Ab sofort wurden grössere Tiere gejagt: Fasane, Hirsche, Rehe. Dass er im Umgang mit der Waffe aber derart talentiert war, erkannte der ehemalige Profi-Rodeoreiter erst im Militär.

Satan und Legende

Alleine in der zweiten Schlacht um Fallujah tötete Kyle 40 Menschen. Seine Feinde gaben ihm den Übernamen Satan und setzten ein Kopfgeld von mehreren zehntausend Dollar auf ihn aus. Seine Freunde hingegen nennen den Rekordsniper Legende. Nicht nur wegen seiner zahlreichen Abschüsse, sondern auch, weil er 2008 ausserhalb von Sadr aus einer Entfernung von 1920 Metern einen Mann mit Raketenwerfer ausschaltete: «Gott blies diese Kugel ins Ziel», glaubte der Schütze selbst. Worte, die im Zusammenhang mit seinem eigenen Tod nun wie Hohn wirken.

Nach zehn Jahren im Irak kehrte Chris Kyle der Armee den Rücken. Um seine Ehe zu retten, wie der zweifache Familienvater schrieb. Seinen Killerinstinkt hatte der Familienvater aber nicht im Irak zurückgelassen. Kaum zurück in Texas, wurde Kyle nach eigenen Angaben Opfer einer versuchten Fahrzeugentführung. Die beiden mutmasslichen Täter überlebten das Aufeinandertreffen mit der Killermaschine nicht.

Kyles Geschäft blieb der Tod. Er gründete eine eigene Sicherheitsfirma und unterrichtete zukünftige Scharfschützen. Ausserdem setzte er sich für Kriegsveteranen mit posttraumatischer Belastungsstörung ein. Diesen Job kostete ihn nun das Leben.

Am Samstag besuchte Kyle zusammen mit seinem Nachbarn Chad Littlefield und dem Tatverdächtigen Eddie Routh die Schiessanlage der Rough Creek Lodge. Amerikanische Medien spekulieren derzeit über Rouths Gesundheitszustand – der ehemalige Marine soll unter psychischen Problemen gelitten haben. Fakt ist: Um 15.30 Uhr Ortszeit wurden Kyle und Littlefield erschossen. Routh wird verdächtigt, aus nächster Nähe mit einer halbautomatischen Waffe auf die beiden gefeuert zu haben und danach mit Kyles Ford geflüchtet zu sein.

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