Betroffene Schweizer erzählen - «Ein Kilo Rindshackfleisch kostet im Libanon umgerechnet 100 Franken»
Aktualisiert

Betroffene Schweizer erzählen «Ein Kilo Rindshackfleisch kostet im Libanon umgerechnet 100 Franken»

Am Wochenende war die staatliche Stromversorgung im Libanon für 24 Stunden komplett unterbrochen. Das Blackout ist nur eine der vielen Auswirkungen einer tiefen Krise, in der das Mittelmeerland steckt, sagen Schweizer Betroffene im Land.

von
Gabriela Graber

Alex Spoerndli (27) berichtet aus seinem Alltag im Libanon.

20 Minuten/Gabriela Graber

Darum gehts

  • Am Wochenende ist die staatliche Stromversorgung im Libanon ausgefallen.

  • Schon seit Monaten erhalten Libanesinnen und Libanesen täglich nur ein bis drei Stunden Strom.

  • Das Land steckt in einer schweren Wirtschaftskrise.

  • Der in Beirut lebende Journalist Alex Spoerndli (27) berichtet aus seinem Alltag.

«Der Libanon steckt in einer Krise. Das Benzin ist knapp, du kriegst keine Medikamente, die Inflation ist horrend, die Leute sind arbeitslos. Kurz: Wer kann, flieht aus dem Land – egal wohin.» Das sagt der Schweizer Alex Spoerndli (27), er ist freischaffender Journalist und lebt seit rund zehn Monaten in Beirut.

Die prekäre Situation im Mittelmeerland hat am Wochenende zu einem landesweiten Stromausfall geführt, der 24 Stunden andauerte. Bereits zuvor sei der Strom täglich für maximal zwei bis drei Stunden geflossen, so Spoerndli. «Ich bin in der privilegierten Lage, die finanziellen Mittel für einen privaten Generator aufbringen zu können. So hat mich das Blackout nicht gross tangiert.»

«Man duscht mit Kerzenlicht»

Vor rund zwei Jahren sei das Land in eine schwere Wirtschaftskrise gestürzt, sagt Spoerndli. Die Gründe dafür seien komplex: «Kurz zusammengefasst ist sie wegen einer defizitären Währungspolitik und der Anhäufung von Staatsschulden entstanden.» Das libanesische Pfund habe über 90 Prozent an Wert verloren. Deshalb könnten sich viele Leute private Stromgeneratoren nicht oder nicht mehr leisten. Rund drei Viertel der libanesischen Bevölkerung lebe unter der Armutsgrenze; von extremer Armut seien sogar 34 Prozent betroffen. «Man duscht mit Kerzenlicht und geht auswärts arbeiten: Etwa in die vielen mit Stromgeneratoren betriebenen Cafés, die ihren Gästen Arbeitsplätze und Handy-Ladestationen anbieten.»

Alex Spoerndli (27) ist freischaffender Journalist und lebt in Beirut. 

Alex Spoerndli (27) ist freischaffender Journalist und lebt in Beirut.

Stella Männer

Auch bei den Lebensmittelpreisen spüre man die Inflation: Inzwischen seien viele Nahrungsmittel für grosse Bevölkerungsgruppen unbezahlbar geworden. «So kostet etwa ein Kilo Rindshackfleisch heute umgerechnet 100 bis 120 Franken – früher habe die gleiche Menge 16 Franken zu Buche geschlagen. Auch Käse, Milchprodukte, Kleider – grundsätzlich alles, was importiert werden müsse – sei extrem teuer, so Spoerndli. Um überhaupt durchzukommen, seien viele Menschen zu Familienmitgliedern aufs Land gezogen. «Zum Glück herrscht eine grosse Solidarität.»

Ein grosser Teil der libanesischen Bevölkerung sei von finanzieller Unterstützung von Familienangehörigen aus dem Ausland abhängig, erklärt Spoerndli weiter: «Die meisten haben Verwandte in Ländern wie Frankreich, Grossbritannien oder Südamerika, die ihnen Geld schicken.»

«Du verabredest dich mit einem Dealer zum Geldwechsel»

Wer keine amerikanischen Dollar habe, habe im Libanon einen sehr schweren Stand, sagt die Schweizerin E. M.*, die in Beirut für eine grosse Organisation arbeitet. Das Geschäft auf dem Schwarzmarkt laufe relativ unkompliziert ab: «Du kriegst eine Nummer und verabredest dich mit einem Dealer zum Geldwechsel.» Es gebe sogar Apps, mit welchen Libanesinnen und Libanesen den Kurs des Pfunds auf dem Schwarzmarkt beobachten und bei einem günstigen Kurs zuschlagen könnten. Per Bank oder mit Kreditkarten an Geld zu kommen, sei hingegen «reine Geldverschwendung», da der offizielle Kurs horrend hoch sei, so M. «Etwa für einen Salat, der umgerechnet sechs Dollar kostet, würde ich 70 Dollar ausgeben, wenn ich meine Kreditkarte verwenden würde.»
Die sozialen Spannungen im Land hätten stark zugenommen, sagt M. «Es gibt immer noch viele syrische Flüchtlinge, die im Land Schutz suchen. Zu ihnen ist der Grossteil der internationalen Hilfe bisher geflossen», sagt sie. «Doch angesichts der vielen Krisen im Land haben viele Libanesinnen und Libanesen die Hoffnung verloren und brauchen ebenfalls Hilfe.» Ausserdem mache ihr der bevorstehende Winter Sorgen, sagt M.: «Es wird hier relativ früh dunkel und kalt. Wer keinen Zugang zu Heizöl hat, wird erfrieren.»

*Name der Redaktion bekannt

My 20 Minuten

Als Mitglied wirst du Teil der 20-Minuten-Community und profitierst täglich von tollen Benefits und exklusiven Wettbewerben!

Deine Meinung

68 Kommentare