Künstliche Befruchtung: Ein Kind aus dem Labor
Aktualisiert

Künstliche BefruchtungEin Kind aus dem Labor

Vor 30 Jahren wurde das erste Retortenbaby in England geboren. Seither wurden über eine Million Kinder künstlich gezeugt. In nochmals 30 Jahren braucht es nicht einmal mehr eine Mutter, sind sich Mediziner sicher.

von
Olaf Kunz

Samenzelle trifft auf Eizelle, nistet sich ein, reift heran, und neun Monate später kommt ein Baby zur Welt. Das Konzept der menschlichen Fortpflanzung klingt simpel, und viele Menschen sind erstaunt, mit wie wenig Kenntnissen und mit welch kleinem Aufwand das Wunder des Lebens in Gang gesetzt werden kann. Andere Paare hingegen wünschen sich nichts sehnlicher als Nachwuchs – jedoch jahrelang vergebens. Obwohl sie nichts unversucht lassen, will es mit dem Kinderkriegen einfach nicht klappen. Dabei ist die Palette der medizinischen Reproduktions- und künstlichen Fortpflanzungsmethoden in den letzten Jahren immer grösser geworden - aber auch immer umstrittener.

Im Gläschen gezeugt

Bis in die 70er-Jahre hinein gab es für kinderlose Paare kaum Hoffnung auf eigenen Nachwuchs. Ihnen blieb nur der Umweg über eine Adoption.

Auch die Browns in Oldham, England, hatten den Traum vom gemeinsamen Kind fast schon aufgegeben, und dann klappte es doch noch mit dem «Wunder-Baby», wie es die Eltern formulierten.

Die Geschichte vom «Bio-Babel»

Am 25. Juli 1978 erblickt Louise Joy Brown das Licht der Welt. Sie wiegt 2300 Gramm und ist kerngesund. Die Umstände, die zur Geburt beziehungsweise zur Schwangerschaft geführt haben, sorgen vielerorts für massive Kritik. Die kleine Louise ist nämlich das erste Kind der Welt, das nicht durch einen Geschlechtsakt gezeugt wurde. Dem britischen Gynäkologen Patrick Steptoe und dem Physiologen Robert Edwards war neun Monate zuvor die erste künstliche Befruchtung im Reagenzglas gelungen - eine sogenannte In-Vitro-Fertilisation.

Während Fortpflanzungsmediziner von einem Durchbruch sprechen und viele Paare für ihren Wunsch nach Nachwuchs ein Licht am Horizont wähnen, warnen andere vor dem Eingriff in die Natur und vor unkalkulierbaren Folgen. So schreibt beispielsweise die deutsche Wochenzeitung «Die Zeit» von einem «Bio-Babel», und die Kirchen gehen auf die Barrikaden.

Kein leichtes Prozedere

Trotz aller Widerstände verschiedener gesellschaftlicher Gruppierungen kam es schnell zu weiteren Geburten von Retortenbabys. Dabei ist es gerade bei der In-Vitro-Fertilisation ein langer Weg, bis die Eltern ihr Baby im Arm halten können.

Zunächst einmal müssen verwendbare Eizellen vorliegen. Hierzu ist in vielen Fällen eine Hormonbehandlung notwendig, die dazu führt, dass mehrere Eizellen in den Eierstöcken produziert werden. Gleichzeitig bedarf es qualitativ guter Samenzellen des Mannes. Ei- und Samenzellen müssen zusammengebracht werden und eine Zellteilung muss erfolgen. Schliesslich müssen die sogenannten Embryonen in die Gebärmutter transferiert werden und sich dort einnisten.

Künstliche Befruchtungs erlebt einen Boom

Trotz der Komplexität dieser Behandlung hat die Medizin in den vergangenen 30 Jahren eine enorme Entwicklung vollzogen. Von rund 5000 Behandlungen im Jahre 2006 haben nach Auskunft des Bundesamts für Statistik rund 1500 zu einer tatsächlichen Schwangerschaft geführt. Insgesamt kamen in der Schweiz im selben Jahr 1033 Babys nach einer künstlichen Befruchtung zur Welt.

In der Schweiz ist es erlaubt, Samen- und Eizellen sowie befruchtete Eizellen - sogenannte Zygoten - einzufrieren. Die Dauer jedoch beschränkt sich auf fünf Jahre. Dagegen ist es verboten, Embryonen zu konservieren. Verboten ist ausserdem die Methode der Leihmutter sowie das Klonen. Beim Klonen werden genetisch identische Wesen künstlich erzeugt. Ebenso ausserhalb des gesetzlichen Rahmens liegt der Transfer sogenannter Blastozyten. Bei dieser Methode erfolgt eine Selektion aus einer grösseren Anzahl von Embryonen. Dabei werden diese fünf bis sieben Tage gezüchtet. Dadurch verspricht man sich, dass nur die stärksten und besten transferiert werden und so die Erfolgschancen für eine Schwangerschaft deutlich steigen.

Künstliche Plazentas

Mediziner sind sich darin einig, dass der Eingriff in Zukunft viel sanfter werden wird und auch Einschränkungen aufgrund von ethischen Erwägungen abnehmen dürften. So schreibt zum Beispiel Dr. Davor Solter, Entwicklungsbiologe am Institute of Medical Biology in Singapur in der Zeitschrift Nature: «In 20 bis 30 Jahren werden wir in den Zeitungen lesen, dass jemand 20 000 Embryonen hergestellt und ihre Entwicklung studiert hat, und wir werden es okay finden.» Auch ist er sich sicher, dass es eines Tages künstliche Plazentas geben wird. «Dann kann jede Frau so viele Nachkommen haben, wie sie will.»

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