Mutter mit 64: «Ein Kind ist kein Kuscheltier»
Aktualisiert

Mutter mit 64«Ein Kind ist kein Kuscheltier»

Eltern, die Grosseltern sein könnten, findet Kinderpsychologe Heinrich Nufer keine besonders tolle Sache. Das sei von den Eltern her gedacht – und nicht vom Kind.

von
Joel Bedetti
Heute im «Blick»: Die ältestes Mutter der Schweiz.

Heute im «Blick»: Die ältestes Mutter der Schweiz.

Am Dienstag besuchte der «Blick» die älteste gebärende Frau der Schweiz: Eine 64-jährige Aargauerin hat mit ihrem 60-jährigen Mann dank der Fortpflanzungsmedizin ein Kind gezeugt, nachdem sie vor drei Jahren eine Fehlgeburt erlitten hatte. Möglich war die erneute Schwangerschaft nur durch eine künstliche Befruchtung mit fremden Eizellen. In der Schweiz ist das verboten, deshalb ging das Paar nach Russland. 20 Minuten Online sprach mit dem Kinderpsychologen Heinrich Nufer über Sinn und Unsinn eines solchen Vorhabens.

20 Minuten Online: Herr Nufer, eine 64-jährige Frau liess sich frühpensionieren, um sich ganz auf ihr «Projekt», ein Kind, zu fokussieren. Ist eine Mutter, die ihr Kind so nennt, zwingend eine schlechte Mutter?

Heinrich Nufer: Diese Umschreibung zeigt, dass das «Projekt», die Schwangerschaft, nicht vom Kind her geplant wurde, sondern vom egoistischen Kinderwunsch eines Paares im Grosselternalter. Das Wagnis ist möglich geworden dank eines fortpflanzungsmedizinischen Kniffs. Wer kümmert sich um das Kind, wenn die Eltern gebrechlich werden oder sterben?

Ab wann ist ein Kind oder ein Jugendlicher fähig, mit dem Tod der Eltern umzugehen?

Das kann man nicht sagen. Der Verlust der Eltern ist immer schmerzlich. Entscheidend ist auch, wer die Lücke emotional schliesst.

Die Eltern sind zwar alt, haben aber wenigstens Zeit für das Kind.

Da besteht die Gefahr, dass sie einen Schutzwall um das Kind aufbauen, dass es zu behütet aufwächst. Ein Kind muss mit den sozialen Realitäten konfrontiert werden, mit der Arbeit, mit dem Alltag.

Was für eine Rolle spielt der Altersunterschied an und für sich?

Das Kind wird sich fragen, wieso die Eltern seiner Freunde so viel jünger sind als seine eigenen. Und es wird das nicht verstehen. Ein Freund von mir hatte einen Vater, der sehr viel älter war als er. Es traf ihn jedes Mal tief, wenn jemand fragte: «Ist das dein Grossvater?» Hochbetagte Eltern können sich auch nicht mehr unbefangen auf die Bedürfnisse ihres Kindes einlassen, wenn ihre Spannkraft nachlässt und ihre Gesundheit plötzlich abnimmt.

Sie wären also dagegen, dass man in der Schweiz alten Frauen die Schwangerschaft mit fremden Eizellen ermöglicht?

Ein leibliches Kind im Grosselternalter auf die Welt zu bringen ist nicht nur biologisch ein Risiko, sondern macht auch bezüglich des Kindeswohles keinen Sinn. Ein Kind braucht für seine Entwicklung eine Perspektive von fast zwanzig Jahren. Es ist kein Kuscheltier – dafür wäre ein Hündchen oder eine Katze weniger anspruchsvoll.

Das ist etwas anderes als ein Kind.

Wieso sorgt wohl die Biologie der Frauen dafür, dass man ab einem gewissen Alter keine Kinder kriegen kann? Es macht aus der Lebensspanne heraus keinen Sinn mehr. Nur eine Fortpflanzungsmedizin, die sich nicht für den implantierten Embryo verantwortlich fühlt, übertölpelt diese Einrichtung der Natur. Aber sie verkennt die Lebenssituation, die mit einem biologischen Stadium verknüpft ist. Kinder kriegen sollte die Generation, die mitten im Leben steht. Das heisst natürlich nicht, dass ältere Menschen Kinder nicht zeitweise intensiv betreuen sollen. Sie sollten aber nicht erste Bezugspersonen sein.

Ist ein Kinderwunsch in so einem hohen Alter normal?

Kinder beglücken einen, fordern heraus. Auch ich unternehme gerne mal etwas mit Kindern, gehe in den Zoo oder besuche eine Veranstaltung. Aber deswegen habe ich noch nie einen Gedanken daran verschwendet, in meinem Alter mit meiner Frau zusammen nochmals in die Elternrolle zu wechseln.

Der Kinderpsychologe Heinrich Nufer stand von 1977 bis 2007 dem Marie Meierhofer Institut für das Kind vor. Zudem amtete er als Präsident des Vereins Fachstelle Adoption.

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