Sterbehilfe: «Ein Kind weiss, ob es leben oder sterben will»
Aktualisiert

Sterbehilfe«Ein Kind weiss, ob es leben oder sterben will»

Eva Bergsträsser vom Kinderspital Zürich betreut junge, schwer kranke Patienten. Im Interview erzählt sie, warum sie gegen aktive Sterbehilfe bei Kindern ist.

von
D. Pomper
«Kinder spüren wenn sie sterben», sagt Eva Bergsträsser vom Kompetenzzentrum für Pädiatrische Palliative Care PPC am Kinderspital Zürich.

«Kinder spüren wenn sie sterben», sagt Eva Bergsträsser vom Kompetenzzentrum für Pädiatrische Palliative Care PPC am Kinderspital Zürich.

Frau Bersträsser, an was für Krankheiten leiden die Kinder und Jugendlichen, die Sie mit betreuen?

Das sind Neugeborene, die zu früh oder mit Fehlbildungen zur Welt gekommen sind. Ihr Skelett oder das Gehirn ist beispielsweise nicht richtig angelegt, oder sie leiden an neurologischen Erkrankungen. Es sind aber auch Kinder und Jugendliche mit Stoffwechselkrankheiten, Herzfehlern, Leukämie oder Hirntumoren.

Viele ihrer jungen Patienten haben nicht mehr lange zu leben. Wie gehen Kinder mit dem Tod um?

Die Kinder spüren, wenn sie sterben. Gewisse Kinder sagen sogar, dass sie bald sterben werden. Sie wollen wissen, was auf sie zukommt, oder wie sie in den Himmel kommen. Ich erinnere mich an einen fünfjährigen Jungen mit einem Hirntumor. Bevor er starb, sagte er: «Mama, ich habe dich so lieb.» Ein paar Stunden vor seinem Tod ging er nochmals ins Freie. Es war Herbst und er meinte, wie schön es doch wäre, wen es warm wäre und sie nochmals Grillieren könnten. Diese Tiefgründigkeit kleiner Kinder vor ihrem Tod beeindruckt mich immer wieder. Viele Kinder können trotz der schwierigen Situation auch fröhlich sein. Es ist etwas sehr Besonderes, im Nachhinein zu sehen, wie Kinder versuchen, bei ihren Eltern und Geschwistern etwas Tröstendes zu hinterlassen.

Kommen alle Kinder mit dem bevorstehenden Tod so gut klar?

Nein. Es gibt Kinder, die sind aggressiv und genervt. Viele machen sich auch Vorwürfe. Sie fragen sich, was sie denn falsch gemacht haben, dass sie nun sterben müssen. Warum ausgerechnet ich? Das ist eine Frage, die viele beschäftigt.

Gibt es auch Kinder, die sich dem Tod verweigern?

Oh ja. Ich erinnere mich an einen Jungen, der sich lange gegen Therapien gewehrt hat. Doch plötzlich realisierte er; jetzt geht es um Leben und Tod. Dann hat er angefangen zu kämpfen. Er sagte klar und deutlich, dass er nicht sterben wolle, sondern leben.

Haben Kinder Angst vor dem Sterben?

Je mehr das Kind in den Prozess einbezogen ist und je mehr Fragen beantwortet werden, desto weniger Angst hat das Kind. Ich rate den Eltern, ihrem Kind zu versichern, dass man es nie vergessen werde und es immer Teil der Familie bleiben wird. So nimmt man dem Kind die Angst, verlassen zu werden und für immer alleine zu sein.

Was macht man mit einem sterbenskranken Kind, das riesige Schmerzen leidet?

Hat ein Kind grosse Schmerzen, ist neben einer intensiven Schmerztherapie eine Sedierung erlaubt. Dabei werden dem Patienten Medikamente gegeben, die ihn auf Wunsch in einen künstlichen Schlaf versetzen können. Das Kind darf nur mit der Absicht sediert werden, die Schmerzen zu lindern, und nicht, um seinen Tod herbeizuführen. Es ist auch erlaubt, lebenserhaltende Massnahmen zu beenden, wenn diese nur noch das Leiden verlängern. Die direkte Sterbehilfe bei Kindern dagegen ist in der Schweiz verboten.

Haben Eltern Sie schon einmal darum gebeten, ihr Kind von seinem Leiden zu erlösen?

Das habe ich noch nie erlebt. Eltern haben eine riesige Ehrfurcht vor dem Leben ihres Kindes. Auch Kinder oder Jugendliche haben mich nie gefragt, ob ich ihrem Leben ein Ende setzen könnte. Es ist ein Tabuthema und vielleicht ist das ja auch gut so.

Belgien erlaubt Sterbehilfe für Minderjährige. Kann ein Kind entscheiden, ob es leben oder sterben will, und ist es sich der Tragweite dieses Entscheides bewusst?

Ich denke, ein Kind weiss, ob es leben oder sterben will. Ein Kind, das eine lange Krankheit durchgemacht hat und über Monate hinweg sagt, dass es sterben will, hat eine sehr realistische Vorstellung davon. Ich würde sagen, dass ein Kind ab neun Jahren durchaus urteilsfähig sein kann.

Sollte ein Kind also das Recht haben, sterben zu dürfen, wenn es unsägliche Schmerzen hat?

Es gibt Kinder, die an grässlichen Schmerzen leiden. Kinder, die so stark verschleimt sind, dass sie Atemnot haben oder Angst haben zu ersticken. Deshalb würde ich diese Frage – ob das Kind ein Recht hat – nicht prinzipiell mit Nein beantworten. Aber das hat eine ganz gefährliche Seite und deshalb bleibe ich bei der Antwort: Wir dürfen keine aktive Sterbehilfe bei Kindern leisten.

Warum?

Einerseits wegen des medizinischen Ethos. Andererseits gibt es eine Gefahr der Willkür, auch in unserer Gesellschaft. Willkür besteht beispielsweise dann, wenn eine Definition von «lebenswert» oder «nicht-lebenswert» ohne die Perspektive der Betroffenen erfolgt. Das darf keinesfalls passieren.

Sie begleiten Kinder, die sterben. Was gibt Ihnen Kraft?

Ich habe die Kinder und ihre Eltern einfach sehr gerne. Ihnen gute Momente zu ermöglichen, ist auch für mich ein grosses Geschenk.

Eva Bergsträsser leitet das Kompetenzzentrum für Pädiatrische Palliative Care PPC am Kinderspital Zürich. PPC ist ein ganzheitlicher Betreuungsansatz für Kinder und Jugendliche, die an einer unheilbaren Krankheit leiden, eine verkürzte Lebenserwartung haben und eine intensive Betreuung brauchen.

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