Aktualisiert 29.04.2019 12:57

Schwierige Schüler«Ein Kindergärtler warf einen Stuhl nach mir»

Verhaltensauffällige Kinder machen Lehrpersonen den Alltag zur Hölle. Eine Kindergärtnerin und ein Oberstufenlehrer erzählen.

von
B. Zanni
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«Ich habe in meinen sechs Jahren als Kindergärtnerin bereits mehrere aggressive und gewalttätige Kinder in meinen Klassen erlebt», sagt Kindergärtnerin N. P. (27).

«Ich habe in meinen sechs Jahren als Kindergärtnerin bereits mehrere aggressive und gewalttätige Kinder in meinen Klassen erlebt», sagt Kindergärtnerin N. P. (27).

Privat
Ein Schüler warf einmal einen Stuhl nach Kindergärtnerin N. P. «Ich erlitt eine schmerzhafte Prellung und wurde vom Arzt danach vier Tage krankgeschrieben», sagt P.

Ein Schüler warf einmal einen Stuhl nach Kindergärtnerin N. P. «Ich erlitt eine schmerzhafte Prellung und wurde vom Arzt danach vier Tage krankgeschrieben», sagt P.

Keystone/Christian Beutler
Als die Kindergärtnerin einmal mit den Kindern im Wald war, wies sie einen Jungen zurecht. «Darauf warf er einen handgrossen Stein nach mir.»

Als die Kindergärtnerin einmal mit den Kindern im Wald war, wies sie einen Jungen zurecht. «Darauf warf er einen handgrossen Stein nach mir.»

vm

Jeder fünfte Schüler überspannt den Bogen. Im Schulunterricht sind diese Kinder renitent, werfen Mobiliar durch das Klassenzimmer, beschimpfen Lehrer und Mitschüler. Verhaltensauffällige Schüler sind für 60 Prozent der Klassenlehrer der grösste Belastungsfaktor. Lehrpersonen mit Nerven wie Drahtseil berichten von ihrem täglichen Kampf:

N. P. (27), Kindergärtnerin aus dem Kanton Zürich:

«Ich erlitt eine schmerzhafte Prellung»

«Ich habe in meinen sechs Jahren als Kindergärtnerin bereits mehrere aggressive und gewalttätige Kinder in meinen Klassen erlebt. Ich wurde angespuckt, geschlagen und getreten. Das ist aber noch nicht alles. Als ich mit den Kindern einmal im Wald war, wies ich einen Jungen zurecht, der sich mit einer anderen Kindergärtlerin stritt. Darauf warf er einen handgrossen Stein nach mir.

Einst hatte ich auch einen Jungen in der Klasse, der immer wieder austickte. Einmal sogar warf er einen Stuhl nach mir, der mich am Fuss traf. Ich erlitt eine schmerzhafte Prellung und wurde vom Arzt danach vier Tage krank geschrieben. Mein Schulleiter unterstützte mich dabei kaum. Er sah die Verletzung einfach als Arbeitsunfall.

«Ich war auch schon den Tränen nahe»

In solchen schwierigen Situationen weiss man teilweise nicht mehr weiter und kommt an seine pädagogischen Grenzen. Ich war auch schon den Tränen nahe oder wollte am liebsten einfach den Klassenraum verlassen und in Ruhe durchatmen. Zweifel an der Berufswahl tauchen auf, obwohl man das Unterrichten und die Arbeit mit den Kindern sehr gerne ausführt. Es wundert mich nicht, dass viele Lehrpersonen der Kindergartenstufe an ihre Grenzen kommen und die Freude am Beruf verlieren.

«Für die Eltern ist man teilweise als Lehrperson schuld»

Im System der Schule gibt es kaum Unterstützung oder Entlastung mit solchen Kindern – man ist als Lehrperson ausgeliefert. Man leidet nicht nur selber bei der täglichen Arbeit und kommt an seine Grenzen, sondern die ganze Klasse leidet darunter. In den Augen der Eltern solcher Kinder ist man teilweise als Lehrperson schuld an der Situation.

Regelmässig stehen mühsame Gespräche, Telefonate und Auseinandersetzungen an. Trotz allem ändert sich selten etwas an der Situation. Erst wenn die Eltern ihre Fehler erkennen und annehmen können, kann man auch den Kindern helfen und alle können an einem Strick ziehen.»

C.L.* (32), Oberstufenlehrer aus dem Kanton Aargau:

«Teils wusste ich nicht mehr weiter»

«Aktuell haben wir auf allen Schulstufen, von der Realschule bis zur Bezirksschule, renitente Schüler. Als ich anfing, gab es Momente, in denen ich als Lehrer alleine nicht mehr weiter wusste.

Gerade auch auf der progymnasialen Stufe rechnete man früher nicht mit solch renitenten Schülern. Manche Schüler fliegen deswegen von der Bezirksschule. Teilweise waren sie so passiv, dass sie ein Jahr später in der Realschule landeten.

«Schüler versteckte sich hinter dem Vorhang»

Einst hatte ich sogar einen 14-Jährigen, der sich in der ganzen Stunde hinter dem Vorhang versteckte. Zuvor hatte ich ihn zurechtgewiesen, was er nicht ertrug.

In der Realschulklasse, die ich zurzeit unterrichte, verhält sich die halbe Klasse doof. Während des Unterrichts machen diese Schüler gar nichts, schwatzen mit den Nachbarn und verhalten sich demonstrativ desinteressiert.

«Sie werfen Papierflieger und Gümmeli»

Oft versuchen solche Schüler, mich zu provozieren. Sie werfen in der Stunde Papierflieger, schmeissen einander Gümmeli an und spielen am Natel herum. Manche Schüler erscheinen auch gar nicht im Unterricht. Ob sie wirklich krank sind oder ob sie einfach keine Lust haben, zur Schule zu gehen, weiss ich nicht. Jedenfalls unterschreiben ihre Eltern die Absenzen.»

*Name der Redaktion bekannt.

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