Aktualisiert 19.04.2013 14:12

Ulrich Tilgner

«Ein klarer Hinweis auf Al-Kaida»

Anschläge von Tschetschenen kannte man bisher vor allem aus Russland. Nahost-Experte Ulrich Tilgner glaubt, die Zarnajew-Brüder radikalisierten sich erst in den USA.

von
K. Ramezani

Der Bombenanschlag auf den Boston Marathon könnte auf das Konto von tschetschenischen Terroristen gehen. Sind Sie erstaunt?

Ulrich Tilgner: Völlig, aber es wäre ein klarer Hinweis auf Al-Kaida, denn die Tschetschenen bilden dort eine Hardcore-Fraktion. Ich gehe davon aus, dass es sich um selbsternannte Mitglieder handelt, die unabhängig von der Führung agieren. Dafür spricht die rudimentäre Bauweise der Dampfkochtopf-Bomben. Eine Kommando-Aktion der Al-Kaida hätte mit grosser Wahrscheinlichkeit anders ausgesehen.

Von Tschetschenen ist man sich Anschläge auf russische Ziele gewöhnt. Warum dieses Interesse an den USA?

Die beiden Brüder leben schon länger in den USA und haben sich vermutlich erst dort richtig radikalisiert.

Warum kam der Anschlag jetzt?

Ich würde dem Zeitpunkt keine grosse Bedeutung zumessen. Diese Täter dürften wie gesagt autonom agiert haben und nicht in die Planung der Al-Kaida-Führung eingebunden gewesen sein. Das ist ja auch eine der Stärken der Terrororganisation: Auf der einen Seite sind die Führungskader straff organisiert, auf der anderen Seite kann Al-Kaida als dezentrales Terrornetzwerk auch auf ein Heer von Freiwilligen zählen, die in den jeweiligen Zielländern verankert sind.

Wie werden solche Leute angeworben?

Bei den Tätern von Boston dürften Anbindung und Ausbildung über das Internet erfolgt sein. Normalerweise findet zuvor eine Radikalisierung statt. Wie und warum das geschieht, ist oft unklar und trifft Bekannte und Angehörige völlig unvorbereitet. Der Onkel der beiden Brüder kann es nicht fassen. Erinnern wir uns an Mohammed Atta, den 9/11-Piloten: Dessen Professor in Hamburg fiel auch aus allen Wolken, als Atta eines Tages mit Bart auftauchte.

Wird Boston den Antiterror-Krieg der USA verändern?

Das glaube ich nicht. Wenn überhaupt wird sich US-Präsident Obama in seiner Strategie des Drohnenkriegs bestätigt sehen: Radikale Dschihadisten überall dort zu bekämpfen, wo sie auftreten. Die Intensität der Drohnenschläge in Pakistan war zuletzt aufgrund öffentlichen Drucks zurückgegangen. Hier könnte eine Kehrtwende bevorstehen.

Wie wird Moskau reagieren?

Der Kreml wird sich die Hände reiben, sich mit den USA solidarisieren und den gemeinsamen Kampf gegen den Terror anbieten.

Ulrich Tilgner ist Korrespondent des Schweizer Fernsehens und berichtet seit den 80er Jahren aus dem Nahen Osten. Er beschäftigt sich vor allem mit den politischen Konflikten der Region und ihren wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründen.

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