Fahren ohne Billett: «Ein kleines Problem und man verpasst den Zug»
Aktualisiert

Fahren ohne Billett«Ein kleines Problem und man verpasst den Zug»

Die SBB planen Zugfahrten ohne Billette. Pro Bahn begrüsst den Plan – und würde das Vorhaben schon in zwei Jahren einführen.

von
B. Zanni
Direkt in den Zug und abfahren: Das Lösen eines Tickets könnte für SBB-Kunden bald der Vergangenheit angehören.

Direkt in den Zug und abfahren: Das Lösen eines Tickets könnte für SBB-Kunden bald der Vergangenheit angehören.

Keystone/Lukas Lehmann

Künftig sollen sich die SBB-Kunden den Gang zum Billettautomaten sparen können. Die SBB fassen ein neues Ticketsystem ins Auge. Das sogenannte Bibo-System («be in, be out») würde dem Kunden das Losfahren ohne vorgängigen Ticketkauf ermöglichen. Sensoren in den Zügen registrieren das Ein- und Aussteigen. Gespeichert werden die Informationen auf dem Chip des Swiss Pass der Kunden. Danach erhält der Kunde eine elektronische Abrechnung.

Detaillierte Informationen zur technischen Umsetzung liegen gemäss der SBB noch nicht vor. «Der öffentliche Verkehr hat mit dem Swiss Pass letztes Jahr einen ersten Schritt in die elektronische Welt gemacht», sagt SBB-Sprecherin Rahel Meile. Ein erstes konkretes Projekt haben die SBB bereits im Kanton Zug versucht (siehe Box).

Zug verpassen wegen Automat

Die SBB wollen das System bis spätestens 2025 einführen. Kurt Schreiber, Präsident von Pro Bahn Schweiz, Interessenvertretung der Kunden des öffentlichen Verkehrs, begrüsst das Modell. «Einfach einsteigen und losfahren können ist ein erstrebenswertes Ziel der Kunden», sagt Schreiber. Die Billettautomaten seien für Eilige ein Hindernis. «Ein kleines Problem mit dem Automaten genügt und man verpasst den Zug.»

Schreiber erachtet ein einfach funktionierendes System und gerechte Tarife als wichtig. «Vielfahrer sollen mit Rabatten belohnt werden.» Das sehen auch die SBB vor. Die Abrechnung soll über die Rabattmöglichkeiten informieren. Auch die vorgesehene Obergrenze, die dem Wert eines Generalabonnements entspricht, deckt sich mit den Forderungen von Pro Bahn.

Pro Bahn fordert saubere Lösung

Das Erfassen der Kunden ist aus Datenschutzgründen eine Knacknuss. Kürzlich haben der Verband öffentlicher Verkehr und die SBB nach Kritik des eidgenössischen Datenschutzbeauftragten die Kontrolldaten auf dem Swiss Pass gelöscht. Die grösste Herausforderung sei, dass man für die Berechnung der Preise die Fahrten der Passagiere zurückverfolgen müsse, sagte Jeannine Pilloud, Chefin Personenverkehr bei den SBB in der Berner Zeitung. «Für das dafür nötige Tracking müsste erst die gesetzliche Grundlage geschaffen werden.»

Kurt Schreiber fordert ein aus datenschützerischer Sicht sauber gelöstes System. «Die Kunden fürchten sich davor, dass ihr Bewegungsprofil von den SBB genau aufgezeichnet wird.» Aus diesem Grund sei wichtig, dass die SBB die Kundendaten nach kurzer Zeit löschen.

Wünschenswert wäre für Schreiber, wenn das neue Ticketsystem bereits 2018 eingeführt würde. Die herkömmlichen Billette will er aber nicht ganz verbannen. Er rechne damit, dass das neue System nicht jedem Kunden entsprechen werde. «Man soll immer auch noch am Schalter oder Automaten ein Ticket lösen können.» Laut Jeannine Pilloud wäre dies weiterhin der Fall.

Wie das Zugfahren ohne Ticket funktionieren könnte

Im Kanton Zug hätte eine Chipkarte das normale Ticket auf einzelnen Busstrecken ersetzen sollen. Aus Spargründen wurde das Projekt in Zusammenarbeit mit den SBB aber auf Eis gelegt. Die Zugerland Verkehrsbetriebe AG beschrieb das System so: Betritt der Kunde ein Fahrzeug, wird die Bibo-Karte vom Erfassungssystem des Fahrzeugs erkannt. Erst während der Fahrt erfasst das System, jeweils zwischen zwei Haltestellen, die Anwesenheit der Karte und damit des Kunden.

Die erfassten Daten werden an die Zentrale gesendet. Dort werden die Daten zusammengefügt, Start und Ziel der entsprechenden Reise ermittelt und anschliessend der Fahrpreis der Reise bestimmt. Der Kundenaccount zeigt den Preis der Reise an. Um sicherzustellen, dass der Reisende tatsächlich auch der Besitzer der Karte ist, führen Kundenberater stichprobenweise Identitätskontrollen durch.

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