Katar hilft Rebellen: Ein Kleinstaat lässt die Muskeln spielen
Aktualisiert

Katar hilft RebellenEin Kleinstaat lässt die Muskeln spielen

Das Emirat Katar unterstützt die libyschen Rebellen mehr als jedes andere Land. Es liefert ihnen Waffen und verkauft ihnen Öl. Was steckt hinter diesem Engagement?

von
Peter Blunschi
Eine katarische Mirage 2000 auf dem Stützpunkt Souda auf der griechischen Insel Kreta.

Eine katarische Mirage 2000 auf dem Stützpunkt Souda auf der griechischen Insel Kreta.

Barack Obama war des Lobes voll: «Wir wären nicht fähig gewesen, eine derart breite Koalition zu bilden ohne die Führungsqualitäten des Emirs», sagte der US-Präsident am Donnerstag bei einem Empfang für Scheich Hamad bin Chalifa al Thani, das Staatsoberhaupt von Katar. Dieser sei «angetrieben von der Überzeugung, dass das libysche Volk die gleichen Rechte und Freiheiten haben soll wie alle Menschen».

Obamas Worte irritieren angesichts der Tatsache, dass es sich beim Emir um einen absoluten Monarchen handelt. In der Hauptstadt Doha gibt es ein Parlamentsgebäude, aber kein Parlament. Und doch unterstützt kein Land die Aufständische so aktiv wie Katar. Der winzige, aber schwerreiche Inselstaat hat den nationalen Übergangsrat in Bengasi als einziges arabisches Land als legitime Regierung anerkannt. Er beteiligt sich mit sechs Mirage-Kampfflugzeugen an den Luftangriffen auf die Gaddafi-Truppen.

Gaddafi-Regime ist empört

Am Donnerstag wurde bekannt, dass Katar die Rebellen mit französischen Panzerabwehr-Raketen vom Typ «Milan» ausrüstet. Die UNO-Resolution zu Libyen erlaube die Lieferung von «Verteidigungswaffen», rechtfertigte sich Scheich Hamad bin Jassem, der katarische Premier- und Aussenminister in Personalunion. Tags zuvor hatte die Regierung in Doha zudem bestätigt, dass sie den Rebellen beim Verkauf von einer Million Fass Öl geholfen und den unter Benzinknappheit leidenden Aufständischen Treibstoff geliefert hat.

Das Engagement Katars ist für die internationale Koalition ein Segen, liefert es ihr doch die dringend nötige Legitimation in der arabischen Welt. In Tripolis stösst es entsprechend auf heftige Ablehnung. Mehrfach hat sich die Gaddafi-Regierung bereits darüber beschwert. Katar sei «keine echte Nation, sondern mehr ein Ölunternehmen», lästerte Sprecher Ibrahim Mussa. Der Emir sei zudem «ein Diktator, der keine liberalen Werte verkörpert» – eine Aussage, die man angesichts des Urhebers als Realsatire einstufen muss.

Schutz des Gasreichtums

Was aber steckt hinter dem Engagement des Kleinstaats? Zum einen reflektiert es das gewachsene Selbstvertrauen Katars. Das Emirat hat sich gerade erst die Fussball-Weltmeisterschaft 2022 gesichert. Es beherbergt den Fernsehsender Al Jazeera, der für die Revolutionen in der arabischen Welt wohl eine grössere Bedeutung hat als das viel gepriesene Internet. Finanziert wird der Sender vom Emir, ein Indiz für das relativ liberale Klima in einem Land, das ansonsten von konservativ-islamischen Werten geprägt ist.

Katar wolle sich trotz seiner geringen Grösse als Mitspieler auf der Weltbühne etablieren, meinen Kenner der Region gemäss der «New York Times». Daneben gebe es ein zweites, seit langem angestrebtes Ziel: Die katarische Führung wolle «aus dem Schatten von mächtigeren Nachbarn wie Saudi-Arabien und Iran treten», so der Historiker Toby Jones von der amerikanischen Rutgers-Universität. Dabei geht es um handfeste Interessen: Den Schutz von Katars Souveränität und seines Gasreichtums.

In der Abhängigkeit vom Erdgas liege «der Schlüssel zu Katars Macht und seinen politischen Strategien, aber auch seine Verwundbarkeit», schreibt die «New York Times». Das Emirat verfügt über rund 14 Prozent der weltweiten Gasreserven. Der grösste Teil befindet sich in einem Feld, das die Kataris mit dem Iran teilen. Ihre grösste Sorge ist, dass die Iraner eines Tages versuchen könnten, die Kontrolle über das gesamte Gasfeld zu übernehmen. Deshalb wird Katar nach Ansicht von Experten «alles tun, um das Feld zu schützen».

Mit Truppen nach Bahrain

Dieses Bestreben liefert eine mögliche Erklärung für ein Engagement, das in krassem Gegensatz steht zur Unterstützung der libyschen Rebellen. An der von Saudi-Arabien geführten Niederschlagung der schiitischen Protestbewegung im Nachbarland Bahrain hat sich auch Katar mit Truppen beteiligt. Man sei durch die Mitgliedschaft im Golf-Kooperationsrat zur Teilnahme verpflichtet gewesen, verteidigen sich die Behörden.

Auch das Engagement in Libyen beinhaltet Risiken, vor allem wenn sich der internationale Einsatz in die Länge zieht. In diesem Fall könnte sich die Stimmung in der arabischen Welt gegen Katar wenden. Doch neben echter Empörung über Gaddafis brutales Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung und dem Wunsch, die Modernisierung der Region voranzutreiben, dürfte die katarische Führung vor allem ein Motiv haben: Die Möglichkeit, «Pluspunkte beim Westen zu sammeln», so Schadi Hamid, Forschungsdirektor des Brookings Doha Center in Katar. Unter dem Aspekt von Katars Souveränität ein nicht zu unterschätzender Faktor.

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