Benimm-Unterricht: «Ein Knigge-Schulfach ist dringend nötig»
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Benimm-Unterricht«Ein Knigge-Schulfach ist dringend nötig»

In einer Umfrage sprachen sich drei Viertel der befragten Deutschen für ein Schulfach «Benehmen» aus. Auch Schweizer Knigge-Experten sehen Handlungsbedarf.

von
P. Michel
An dieser Grundschule in Oklahoma mussten ältere Mitschüler unter Aufsicht der Lehrerin bei den Jüngsten die Sauberkeit der Hände prüfen. So weit soll der Benimm-Unterricht wohl nicht mehr gehen.  (Undatierte Aufnahme aus der Jahrhundertwende.)

An dieser Grundschule in Oklahoma mussten ältere Mitschüler unter Aufsicht der Lehrerin bei den Jüngsten die Sauberkeit der Hände prüfen. So weit soll der Benimm-Unterricht wohl nicht mehr gehen. (Undatierte Aufnahme aus der Jahrhundertwende.)

Der Knigge-Kurs als Schulfach: Dafür sprachen sich drei von vier Deutschen in einer Umfrage aus. Auch ein Grossteil der 20-Minuten-Leser befürwortet die Idee: 66 Prozent unterstützen das Vorhaben.

Bei Schweizer Experten stösst der Vorschlag ebenfalls auf Zuspruch. «Ein Knigge-Schulfach ist eine grossartige Idee und dringend nötig», sagt Lucia Bleuler, Benimm-Trainerin aus Zürich. Bei ihren Kursen stellt sie fest: «Die Defizite bei Kindern und Jugendlichen sind gross, es fehlt an den Grundlagen.» Dazu brauche man sich nur das Littering in den öffentlichen Verkehrsmitteln anzuschauen: Herumliegendes Essen und Dosen überall, sagt Bleuler. «Das ist absolut grässlich!»

Aber auch bei den Tischregeln hapert es: «Vom Messerablecken bis hin zur unmöglichsten Sitzhaltung – einige liegen fast unter dem Tisch oder hängen über dem Teller – ist alles dabei», sagt Bleuler. Das Unwissen über die Benimmregeln könne zu Karrierenachteilen führen: «Unter Umständen entscheidet das korrekte Benehmen einmal, ob man einen Job erhält oder nicht.»

«Schule ist nicht Reparaturwerkstatt der Nation»

Die Forderung nach einem neuen Schulfach kommt bei Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbands, nicht gut an. Natürlich sei das Erlernen von korrekten Umgangsformen wichtig, sagt er. «Wenn jedoch für jedes gesellschaftliche Problem ein Schulfach eingeführt würde, hätten wir zwanzig neue Fächer im Lehrplan: Ein Schulfach Glück oder Jass-Unterricht wurden ja auch schon gefordert.» Zemp ist überzeugt: «Schon heute fördern die Lehrpersonen an unseren Schulen das korrekte Benehmen.» Im Klassenlager oder auf Exkursionen werde den Schülern vermittelt, wie sie sich in der Gruppe verhalten sollten.

Lilo Lätzsch vom Zürcher Lehrerverband doppelt nach. «Die Schule ist nicht die Reparaturwerkstatt der Nation», sagt sie. Die Forderung müsste ihrer Meinung nach genau in die entgegengesetzte Richtung gehen: «Statt an die Schule Forderungen zu stellen, müssten die Eltern mehr in die Pflicht genommen werden.» Sandra Wirz, Benimm-Coach aus Obwalden, pflichtet bei: «Knigge-Kurse, wie ich sie anbiete, können nur als Zusatzangebote dienen, wenn die Benimmregeln im Elternhaus vernachlässigt wurden.»

Auch Lehrer müssten geschult werden

Lucia Bleuler bleibt dabei: «Ein Schulfach ‹Benehmen› würde der heutigen Gesellschaft sehr guttun.» In ihren Kursen stelle sie fest, dass die Kinder Freude daran hätten, korrektes Benehmen zu erlernen. Das Nichtwissen sei jedoch nicht nur die Schuld der Kinder: «Es gibt Eltern, die es ihnen nie beigebracht haben. Vor allem die Generation der 68er, die jegliche Benimmregeln ablehnte, hat ihren Kindern nie korrektes Verhalten beigebracht.» Bevor ein Benimm-Schulfach eingeführt werde, sagt Bleuler, müssten aber auch erst die Lehrer geschult werden: «Sie müssen selbst auch Vorbilder sein.»

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