Experte zum Atomtest: «Ein korruptes Regime will sich selbst erhalten»

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Experte zum Atomtest«Ein korruptes Regime will sich selbst erhalten»

Mit seinem fünften Atomtest kommt Nordkorea seinem Ziel näher, eine Nuklearmacht zu werden. Der Experte Karl-Heinz Kamp sagt, welche Gefahren drohen.

von
Mareike Rehberg
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Kim Jong-un will Nordkorea zur Atommacht aufrüsten. Sollte ihm das gelingen, will Südkorea den Machthaber beseitigen.

Kim Jong-un will Nordkorea zur Atommacht aufrüsten. Sollte ihm das gelingen, will Südkorea den Machthaber beseitigen.

AP/Wong Maye-e
In Seoul verfolgte man die Berichte vom fünften Atomtest Nordkoreas am 9. September 2016 voller Sorge. Südkorea und die USA befürchten, dass Nordkorea mit jedem Atomtest und mit erfolgreichen Tests ballistischer Raketen seinen Zielen näher kommt.

In Seoul verfolgte man die Berichte vom fünften Atomtest Nordkoreas am 9. September 2016 voller Sorge. Südkorea und die USA befürchten, dass Nordkorea mit jedem Atomtest und mit erfolgreichen Tests ballistischer Raketen seinen Zielen näher kommt.

AP/Ahn Young-joon
Am Freitagmorgen hatten internationale Erdbebenwarten Erdstösse der Stärke 5,3 im Bereich des nordkoreanischen Atomtestgeländes Punggye-ri registriert. Ein «nuklearer Atomsprengkopf» sei mit Erfolg zur Explosion gebracht worden, berichtete das nordkoreanische Staatsfernsehen.

Am Freitagmorgen hatten internationale Erdbebenwarten Erdstösse der Stärke 5,3 im Bereich des nordkoreanischen Atomtestgeländes Punggye-ri registriert. Ein «nuklearer Atomsprengkopf» sei mit Erfolg zur Explosion gebracht worden, berichtete das nordkoreanische Staatsfernsehen.

epa/Franck Robichon

Nordkorea hat am Tag seiner Staatsgründung erneut die Muskeln spielen lassen und die internationale Gemeinschaft mit seinem fünften Atomtest in Sorge versetzt. Der Sicherheitsexperte Karl-Heinz Kamp erläutert, welche Sorgen begründet sind.

Nordkoreas nukleare Machtdemonstrationen erfolgen in immer kürzeren Abständen. Welche Strategie verfolgt Kim Jong-un damit?

Nordkorea-Experten nennen das Land häufig einen Zombie-Staat – er kann weder überleben noch sterben. Das liegt unter anderem daran, dass keiner diesen Staat sterben lassen will, auch China nicht – wahrscheinlich, weil die Folgen noch wesentlich dramatischer wären. Pyongyang hat zwei Interessen: Zum einen den eigenen Machterhalt. Zum anderen die Steigerung des Drohpotenzials, was wiederum dem Machterhalt dient. Dazu dienen Nukleartests. Damit glaubt Nordkorea, in einer anderen Liga zu spielen, was ja auch stimmt. Ausserdem hat es so die Aufmerksamkeit der Welt. Die würde sich sonst um Nordkorea wenig scheren.

Sind die Tests also nur Imponiergehabe?

Ja, aber dieses Imponiergehabe ist sehr gefährlich. Der Test ist die eine Sache. Eine Anlage wird irgendwo im Boden vergraben und eine nukleare Reaktion wird hervorgerufen. Das ist schon schwierig genug. Der nächste Schritt ist die sogenannte Weaponization – also eine Bombe zu bauen, oder eine Waffe, die man auf eine Rakete schrauben kann. Die Trägersysteme für Raketen hat das Land. Wie weit Nordkorea mit der Waffe ist, weiss man nicht.

Und was, wenn Nordkorea so weit ist?

Die grosse Frage lautet: Kann man Kim Jong-un abschrecken, etwa wie es mit der Sowjetunion im Kalten Krieg gemacht wurde? Abschreckung erfordert einen rationalen Gegner. Er muss rational einschätzen können, dass die Gefahr, die Atomwaffen zu starten, viel zu gross ist. Wenn Sie ein offenbar wenig rationales Regime haben, ist die Frage, ob Abschreckung noch etwas nützt. Das ist die Gefahr.

Was wären weitere Optionen?

Man kann versuchen, das Regime mit Sanktionen von seiner Nuklearpolitik abzubringen. Das Problem ist, dass der einzige Staat, der noch Einfluss auf Nordkorea hat, China ist. Aber China bestreitet seinen Einfluss. Es hätte Möglichkeiten, über die Stromversorgung und Warenlieferungen die Daumenschrauben anzuziehen. Daran hat China aber kein Interesse, weil es das Regime nicht destabilisieren will.

Aber selbst China verurteilt den Test. Lässt sich Nordkorea von niemandem stoppen?

Verurteilen alleine reicht nicht. Das machen die Europäer und Amerikaner ja auch. Sie haben nur geringe Möglichkeiten, über Sanktionen etwas zu erreichen. China würde als einziges Land am längeren Hebel sitzen. Das Land hat Nordkorea vor mehreren Jahren auch schon einmal den Strom abgestellt. Das macht man heute nicht mehr, weil man Angst hat, dass das Regime kippt. Aus chinesischer Sicht sind die Gefahren, die ein Kippen des Regimes mit sich bringen, noch grösser als die jetzigen.

Kim Jong-un hat mehrfach gedroht, New York auszulöschen. Ende August drohte er Südkorea und den USA mit einem atomaren Erstschlag. Welchen Schaden könnte er im Ernstfall anrichten?

Das Auslöschen der USA oder Europas erfordert Interkontinentalraketen. Ausser den USA, China, Russland und Indien gibt es keine Länder, die diese haben. So weit ist Nordkorea noch nicht. Das Land ist aber faktisch eine Nuklearmacht. Das war nach dem ersten Atomtest 2006 noch strittig. Verheerenden Schaden kann Nordkorea in Japan und Südkorea anrichten. An einer Auslöschung ganzer Länder kann Nordkorea aber nicht gelegen sein, denn das würde die Auslöschung des nordkoreanischen Regimes bedeuten. Herr Kim Jong-un pflegt alle 14 Tage anzudeuten, dass er die Welt mit Feuer und Tod überziehen werde. Warum hat er es dann noch nicht gemacht? Eben, weil ein hochkorruptes Regime wie Nordkorea nicht selbstzerstörerisch ist und sich selbst erhalten will.

Wie ist die Nuklearmacht Nordkorea im Vergleich zu anderen Ländern einzuordnen?

Es gibt die fünf erklärten Nuklearmächte USA, Frankreich, Grossbritannien, China sowie Russland und zusätzlich Indien, Pakistan, Israel und eventuell Iran. Nordkorea ist wohl deutlich besser als Iran aufgestellt, liegt aber ansonsten deutlich unter den anderen Atommächten – allein schon, was die Zahl der Sprengköpfe angeht. Ob Nordkorea überhaupt über eine funktionstüchtige Atomwaffe verfügt, ist ja nicht sicher. Aber auszuschliessen ist es nicht.

Karl-Heinz Kamp ist Präsident der deutschen Bundesakademie für Sicherheitspolitik. Der Politikwissenschaftler ist Experte zu Sicherheits- und militärpolitischen Fragen und zu Nuklearfragen. (Foto: BAKS)

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