Fiat-Boss Marchionne: Ein kreativer Zerstörer
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Fiat-Boss MarchionneEin kreativer Zerstörer

Als Sergio Marchionne vor fünf Jahren den Fiat-Chefposten übernahm, hatten einige Topmanager des Konzerns Angst um ihre Karriere. Mit Recht, wie sich nach jeweils 20-minütigen Gesprächen herausstellte.

Der Neue fand schnell heraus, ob die Führungsetage die Fähigkeiten hatte, den traditionell-patriarchalisch geführten Konzern umzukrempeln. Gefragt waren «Tempo, Geradlinigkeit und Selbstvertrauen». Nicht jeder habe das geschafft, erinnerte sich Marchionne später.

Der heute 56-Jährige sorgte für eine deutlich flachere Managementstruktur. Er hat für die Beteiligung an Chrysler bereits ähnliche Entscheidungen angekündigt. Der marode amerikanische Autobauer weist genau die Struktur auf, aus der Marchionne etwas machen kann. Der Mann, der die kanadische und die italienische Staatsbürgerschaft besitzt, tritt auch mal im Pulli vor die Kameras. Am Montag fuhr er mit einem Maserati Quattroporte bei Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg vor.

Stellen gestrichen, Aktienkurs verdoppelt

Marchionne hat sich als Sanierer, der mit dem Blick von aussen den ganzen Laden aufmischt, in der Schweiz bereits einen Namen gemacht. «Er hat eine Art genetischen Impuls», sagt Klaus Stoehlker, Schweizer Managementberater, der den Aufstieg Marchionnes vom Controller an die Führungsspitze des Konzerns Alusuisse Lonza und dann über das Prüf- und Forschungsunternehmen SGS hin zu Fiat binnen zwölf Jahren verfolgt hat. Jedesmal traf er anfangs auf ein schwaches Management und räumte auf. Stoehlker hält das nicht für rücksichtslos, sondern für wohlüberdacht. «Seine Priorität sind die Aktionäre. Er weiss, wem er zu dienen hat.»

Mit dieser Ausrichtung hatte Marchionne seinerzeit die Aufmerksamkeit der Agnelli-Familie erregt, die die Geschicke von Fiat kontrolliert und auch bei SGS Aktien hält. Dort hatte Marchionne Stellen und Ausgaben gestrichen, das Management verschlankt und den Aktienkurs mehr als verdoppelt.

30 Allianzen geschmiedet

Marchionne kam im Mai 2003 in den Vorstand, vier Monate nach dem Tod des Übervaters Gianni Agnelli, der jahrzehntelang den Konzern dirigierte. Vorstandchef wurde er im Juni 2004 nach dem Tod von Giannis Bruder und Fiat-Vorsitzenden Umberto Agnelli.

Marchionne holte Aussenstehende in Schlüsselpositionen. Bei der Produktpalette erbte er den Grande Punto und den Panda, beides krisengerechte, gutgehende Kleinwagen, und trieb die Marktreife des neuen, alten 500 ebenso voran wie die des Fiat Bravo, der als Beweis für Kompetenz in der Mittelklasse gilt. Marchionne unterschrieb mehr als 30 Allianzen, mit denen Fiat sich Zugang zu neuen Technologien und Märkten verschaffte.

Akzentfrei Italienisch und Englisch

Marchionne, der akzentfrei Englisch und Italienisch spricht, gewann das Vertrauen der Analysten mit klaren Zielen und offenen Worten. Er hat etwas von einem Wirtschaftsprofessor, ist mehr Führer als Manager. Er zitiert Adam Smith und die Theorie der «kreativen Zerstörung» des österreichischen Wirtschafts- und Politikwissenschaftlers Joseph Schumpeter und Lewis Carrolls «Red Queen»-Hypothese («Du musst so schnell rennen wie du kannst, um am gleichen Fleck zu bleiben») in einer einzigen Rede.

Sieben-Tage-Arbeitswochen sind ihm durchaus vertraut. Vergleichbares erwartet er auch von seinem Team. Auch das veranlasste einige Manager zum Wechsel der Arbeitsstätte. «Wenn er einen Fehler hat, dann den, dass er mit Stress führt. Das hält nicht jeder über zwei, drei Jahre aus», sagte Giuseppe Volpato von der Ca' Foscari Universität in Venedig.

Stoehlker verglich den Charakter Marchionnes mit dem des Entdeckers Fridtjof Nansen, der 1893 eine Nordpolexpedition überlebte, in dem er von Eisscholle zu Eisscholle sprang. «Er versucht, Gewinn daraus zu ziehen. Jetzt springt er auf die Scholle von Chrysler.» (dapd)

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