Aktualisiert 26.07.2011 15:38

Dürre und Bürgerkrieg

Ein Land im Chaos

Zum seit 20 Jahre andauernden Bürgerkrieg kommt für die Bewohner Somalias jetzt noch die verheerende Dürre und eine Hungersnot hinzu. Allein in diesem Jahr mussten fast 300 000 Menschen flüchten.

Seit dem Sturz des Regimes von Präsident Siad Barre 1991 gibt es im grössten Teil Somalias keine funktionierenden staatlichen Strukturen mehr. Die Machtkämpfe zwischen den verschiedenen Warlords stürzten das Land in einen seitdem anhaltenden Bürgerkrieg. Einzig im Norden herrscht in der proklamierten, aber nicht international anerkannten unabhängigen Republik Somaliland und der halbautonomen, selbst regierten Region Puntland einigermassen Stabilität.

Die übrigen der knapp zehn Millionen Somalier leben grösstenteils in Armut und unter ständiger Gefahr für ihr Leben. Die Kämpfe und die diesjährige Dürre haben in diesem Jahr alleine nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR 270 000 Somalier dazu getrieben, ihre Heimat zu verlassen. Während die meisten innerhalb Somalias Unterschlupf fanden, flohen 70 000 ins benachbarte Ausland, 60 000 davon nach Kenia in das weltgrösste Flüchtlingslager Dadaab.

Das Fehlen einer staatlichen Ordnungsmacht erschwert die Hilfe für die vom Hungertod bedrohten Menschen massiv. Nicht erst die Verteilung der Hilfsgüter an Land wird durch die verschiedenen Kriegsfraktionen erschwert. Piraten bedrohen die Hilfslieferungen bereits auf See und verteuern die Hilfe.

UN-Missionen konnten das Land nicht befrieden

Die 1992 aufgelegte UNOSOM-Mission der Vereinten Nationen und ihre Nachfolgemissionen konnten das Land nicht befrieden. Und auch die im Jahr 2000 formierte Übergangsregierung blieb ohne Einfluss.

Im Jahr 2006 gelang es der radikalislamischen Union islamistischer Gerichte (UIC), weite Teile des Landes unter ihre Herrschaft zu bringen und ein gewisses Mass an Ordnung zu etablieren. Eine von den USA unterstützte Intervention äthiopischer Truppen bereitete ihrer Herrschaft jedoch ein Ende. Unter dem Schutz ausländischer Truppen zog die Übergangsregierung von Staatspräsident Abdullahi Jusuf Ahmed in Mogadischu ein. Die Afrikanische Union entsandte Anfang 2007 ein bis zu 8000 Mann starkes Kontingent zum Schutz der Regierung.

«Zehntausende sind schon gestorben»

Aus der geschlagenen UCI ging die mit Al-Kaida verbündete radikalislamische Miliz Al-Schabab hervor, die weiter grosse Teile Süd- und Zentralsomalias beherrscht und einen blutigen Krieg gegen die Übergangsregierung führt. Mitte 2009 verwies die Miliz alle Hilfsorganisationen aus ihrem Machtbereich. Angesichts der grossen Not erlaubte sie ihnen vor Kurzem die Rückkehr.

Islamistische Milizen mächtigste Gegner der Regierung

2009 einigte sich die Übergangsregierung mit der Allianz zur Wiederbefreiung Somalias auf deren Regierungsbeteiligung. Voraussetzung dafür war der kurz zuvor erfolgte Abzug der äthiopischen Interventionstruppen. Teile der ASR führten als radikalislamische Miliz Hisbul-Islam den Kampf gegen die Übergangsregierung fort. Nach einer kurzlebigen Allianz mit Al-Schabab zerstritten sich die beiden Milizen und kämpfen seitdem auch gegeneinander.

Die Übergangsregierung behauptet mithilfe der AU-Truppen ihre Herrschaft über Teile Mogadischus. Jenseits davon herrschen Al-Schabab, Hisbul-Islam und andere Milizen. In den vergangenen sechs Jahren verabschiedete das 2000 etablierte Übergangsparlament kein einziges Gesetz. Als grösster Erfolg gilt die Wiederherstellung des Parlamentsgebäudes. Im Februar verlängerte das Parlament die eigentlich im August auslaufende Legislaturperiode um drei Jahre. (dapd)

Spendenaufruf der Glückskette

Die Glückskette hat am Freitag ihren vor zehn Tagen lancierten Spendenaufruf verstärkt. Die Hungersnot habe sich in einem Teil Ostafrikas noch verschärft. Die Bedürfnisse seien unermesslich, teilte die Glückskette mit. Die Glückskette stützt sich auf Abklärungen ihrer Schweizer Partnerhilfswerke und auf die UNO, welche am Mittwoch in zwei südsomalische Regionen offiziell eine Hungersnot ausrief. Deshalb verstärke die Glückskette nun ihren Spendenaufruf in den Medien, namentlich im Radio, wie Glückskette-Sprecherin Priska Spörri auf Anfrage erklärte.

Bis Freitag seien 2'294'624 Franken an Spenden gesammelt worden. Bereits in Äthiopien, Kenia, Somalia und Somaliland Nothilfe leistend sind folgende sieben Partnerhilfswerke der Glückskette: ADRA, Ärzte ohne Grenzen, Caritas, Christoffel Blindenmission, HEKS, Medair und das Schweizerische Rote Kreuz. Weitere Hilfswerke prüften ihre Einsatzmöglichkeiten in der Region.

Die Glückskette nimmt Spenden auf dem Postkonto 10-15000-6 mit dem Vermerk «Afrika» oder online auf www.glueckskette.ch entgegen.

Chávez kündigt Hilfe an

Der venezolanische Staatspräsident Hugo Chávez hat Soforthilfe in Höhe von fünf Millionen Dollar (3,5 Millionen Euro) für das von einer Hungersnot betroffene Somalia angekündigt. Die Hilfszahlungen würden eingesetzt, um «schnell Lebensmittel zu kaufen», sagte Chávez am Freitag im einem im Staatsfernsehen übertragenen Telefongespräch. Venezuela beabsichtige auch, Lebensmittellieferungen per Flugzeug zu senden. Zudem werde sich sein Land auch an anderen Projekten beteiligen, die von der Welternährungsorganisation (FAO) koordiniert würden, erklärte der venezolanische Präsident. (dapd)

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