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Corona-Impfung im VergleichEin Land ist Impf-Champion – der Rest Impf-Bummler

In der Schweiz gibt es Kritik an einem zu langsamen Anlauf der Corona-Impfungen, doch auch in der EU läuft es nur schleppend. Ein einziges Land legt los wie die Feuerwehr.

von
Karin Leuthold
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Ein weltweiter Vergleich der Corona-Impfungen pro Land: Israel ist einsame Spitze.

Ein weltweiter Vergleich der Corona-Impfungen pro Land: Israel ist einsame Spitze.

Screenshot ourworldindata.org/covid-vaccinations
Platz Nummer 1 bei den Corona-Impfungen: Israel. Dort haben bereits mehr als eine Million Menschen eine Corona-Impfung erhalten.

Platz Nummer 1 bei den Corona-Impfungen: Israel. Dort haben bereits mehr als eine Million Menschen eine Corona-Impfung erhalten.

AFP
Grossbritannien – auf Platz 2 – stehen vom Oxford-Impfstoff gut eine halbe Million Dosen zur Verfügung, die in Hunderten Spitälern und Arztpraxen ab dieser Woche gespritzt werden sollen.

Grossbritannien – auf Platz 2 – stehen vom Oxford-Impfstoff gut eine halbe Million Dosen zur Verfügung, die in Hunderten Spitälern und Arztpraxen ab dieser Woche gespritzt werden sollen.

Getty Images

Darum gehts

  • Die Schweiz erntet Kritik für seine Impfstoffbeschaffung.

  • Im internationalen Vergleich sticht allerdings nur ein einziges Land besonders heraus: Israel.

  • In Frankreich hingegen wird die Impfstrategie als «Staatsskandal» bezeichnet.

Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) steht in der Kritik, zu spät und zu wenig Impfstoff bestellt zu haben. Die Schweiz habe Verträge für die Impfstoffbeschaffung nicht nur zu spät unterzeichnet, sondern auch nicht genug Impfdosen für die Gesamtbevölkerung bestellt, kritisiert Andreas Faller, bis 2012 Vizedirektor des BAG, in einem Interview mit der SonntagsZeitung.

Das BAG wehrte sich gegen Fallers Vorwürfe: Der Bund habe seit Beginn eine gezielte und diversifizierte Strategie verfolgt, da die Impfstoffentwicklung und -verfügbarkeit viele Unsicherheiten berge, erklärte BAG-Sprecherin Katrin Holenstein gegenüber 20 Minuten.

Die Schweiz steht mit diesem Problem nicht allein da. Betrachtet man die Immunisierungs-Kampagnen anderer Länder, ist nur einer der absolute Impf-Weltmeister. Ein Überblick über die Länder.

  • Israel ist einsame Spitze

In Israel haben bereits mehr als eine Million Menschen eine Corona-Impfung erhalten. Der Website «Our World in Data» zufolge sind das 12,59 Geimpfte pro 100 Einwohner (Stand 2. Januar). Zum Vergleich: Als nächstes Land folgt Bahrain mit 3.57 Geimpfte pro 100 Einwohner und erst dann der europäische Anführer Grossbritannien mit 1,39.

«Bis Ende Januar werden wir zwei Millionen Einwohner geimpft haben, darunter meist ältere», sagte der Generaldirektor des israelischen Gesundheitsministeriums, Hezi Levy, dem öffentlich-rechtlichen Sender Kan. Dies entspricht mehr als einem Fünftel der israelischen Gesamtbevölkerung von etwa 9,2 Millionen Menschen.

Regierungschef Benjamin Netanjahu hatte bereits am Freitag betont, Israel breche alle Rekorde. «Wir laufen der gesamten Welt davon», sagte er in Bezug auf die israelische Impf-Strategie. Er wurde bereits am 19. Dezember geimpft. Geimpfte erhalten nach der Immunisierung einen «grünen Pass», der ihnen mehr Freiheiten erlauben soll.

  • Grossbritannien auf Platz 3

Grossbritannien setzt seit dem 4. Januar zwei Impfmittel im Kampf gegen die Ausbreitung der Corona-Pandemie ein. Am Montag wurde der 82 Jahre alte Dialyse-Patient Brian Pinker als erster mit dem Vakzin der Uni Oxford und des Pharmakonzerns Astrazeneca geimpft. Bereits seit vier Wochen wird der Impfstoff des Mainzer Unternehmens Biontech und des US-Konzerns Pfizer eingesetzt. Dem Land stehen vom Oxford-Impfstoff gut eine halbe Million Dosen zur Verfügung, die in hunderten Spitälern und Arztpraxen ab dieser Woche gespritzt werden sollen.

  • USA

Trotz des Starts der Impfkampagne Mitte Dezember gerieten die USA bei der Bekämpfung des Virus noch weiter ins Straucheln: Viele Spitäler sind überlastet und bei der Verteilung des Impfstoffs traten logistische Probleme auf. Bislang haben mehr als 4,2 Millionen Menschen in den USA eine erste Impfdosis erhalten – weitaus weniger als die von Präsident Donald Trump ursprünglich bis zum Jahresende versprochenen 20 Millionen.

Pro 100 Einwohner sind das 1,28 Impfungen. Das bringt die USA dennoch an vierter Stelle des weltweiten Rankings.

  • Dänemark

Bis am 1. Januar wurden 30'000 der 5,8 Millionen Dänen mit dem Impfstoff der Mainzer Firma Biontech und ihres US-Partners Pfizer geimpft. Königin Margrethe II. liess sich vergangenen Freitag gegen Covid-19 impfen. Margrethe II. hatte im vergangenen Jahr ihren 80. Geburtstag gefeiert und war deshalb in der ersten Gruppe derjenigen, die geimpft werden. Nach den USA ist Dänemark an 5. Stelle mit 0.7 Impfungen pro 100 Einwohner.

  • Deutschland

Auch in Deutschland wird Kritik über die Impfstrategie der Regierung immer lauter. Bislang wurden dort 1,3 Millionen Dosen des Impfstoffes der Mainzer Firma Biontech an die Bundesländer geliefert. Damit werden zunächst Bewohner von Alten- und Pflegeheimen, Menschen über 80 Jahre sowie Pflegekräfte und besonders gefährdetes Gesundheitspersonal versorgt.

Nach Angaben des Robert Koch-Instituts (RKI) sind bislang rund 265'000 Menschen in Deutschland gegen Covid-19 geimpft worden. Der landesweite Durchschnitt liegt demnach bei 0.32 Impfungen pro 100 Einwohner. Deutschland hat rund 83 Millionen Einwohner.

Bis einschliesslich 1. Februar sollen weitere 2,68 Millionen Impfdosen an die Bundesländer verteilt werden. Die Kritiker halten das für zu wenig, Deutschland hätte aus ihrer Sicht jenseits der europäischen Vereinbarungen eine grössere Menge des Impfstoffes separat sichern sollen.

Berlin weist diesen Vorwurf zurück. Regierungssprecher Steffen Seibert verteidigte am Montag die Entscheidung für eine Beschaffung des Corona-Impfstoffs durch die EU. Die Bundesregierung stehe hinter dieser «Grundsatzentscheidung», sagte er. «Wir sind überzeugt, dass das der richtige Weg war und ist.» Kanzlerin Merkel wird am Dienstag Gespräche mit den Ministerpräsidenten der Bundesländer über das weitere Vorgehen in der Corona-Krise führen.

  • Italien

In Italien war der Impfstart nach der symbolischen Verabreichung von wenigen Tausend Spritzen Ende Dezember zunächst schleppend angelaufen. Kurz nach Impfbeginn hatte das Land mit rund 60 Millionen Einwohnern knapp 470'000 Corona-Impfstoffe von Pfizer-Biontech erhalten. Die Ampullen werden an knapp 300 Standorte im gesamten Land verteilt.

Mit Stand von Montagmorgen waren laut Gesundheitsministerium etwas mehr als 118'500 Impfungen verabreicht worden. Die meisten gingen an Personal im Gesundheitsbereich. Das sind 0.19 Geimpfte pro 100 Einwohner. Somit ist das Land an 11. Stelle der Statistik von «Our World in Data».

  • Spanien

In dem besonders hart von der Corona-Krise getroffenen Land hat vor einer Woche die Impfkampagne gegen Covid-19 begonnen. Für die kommenden zwölf Wochen rechnet die Regierung in Madrid mit insgesamt rund 4,6 Millionen weiteren Impfdosen, mit denen knapp 2,3 Millionen der 47 Millionen Bürger Spaniens geimpft werden sollen. Bis zum Sommer soll das Gros der Bevölkerung immunisiert sein.

  • Frankreich

In den ersten sechs Tagen nach dem Impfstart sind in dem 67-Millionen-Einwohner-Land bloss 516 Menschen geimpft worden. «Geimpft zu werden, ist komplizierter als ein Auto zu kaufen», kritisierte der Präsident der Region Grand-Est im Osten Frankreichs, Jean Rottner, die Impfstrategie gegenüber «Le Figaro». Gemäss den Berechnungen der Website «Contrepoints» würde es mit diesem Tempo bis am 9. Mai des Jahres 3855 dauern, um alle Franzosen zu impfen.

Als Gründe für den langsamen Impfstart werden einerseits falsches Management und zu wenig Personal in den Ferien zwischen den Jahren angegeben. Zugleich wird aber auch eine komplexe Konsensregelung verantwortlich gemacht, die der weit verbreiteten Skepsis gegenüber Impfungen in der französischen Gesellschaft entgegenkommen soll.

Präsident Emmanuel Macron berief am Montagnachmittag eine Sondersitzung mit hochrangigen Regierungsmitgliedern ein, um die Impfstrategie und andere Entwicklungen in der Pandemie zu besprechen.

  • Niederlande

Als letztes Land in der EU beginnen die Niederlande am Mittwoch mit den Corona-Impfungen. In einem ersten Schritt soll das Klinikpersonal mit Kontakt zu Corona-Patienten immunisiert werden. Zudem sollen Mitarbeiter eines Pflegeheims in Veghel eine Impfung erhalten.

Die niederländische Regierung war wegen der Verzögerung bei der Verteilung des Impfstoffs unter Druck geraten. Die Behörde hatte dies mit logistischen Schwierigkeiten und der Notwendigkeit einer nationalen Zulassung des Biontech-Pfizer-Impfstoffs begründet. Gesundheitsminister Hugo de Jonge muss sich am Dienstag im Parlament den Fragen der Abgeordneten zu dem verspäteten Impfstart stellen.

  • Brasilien

Im Land mit den meisten Corona-Toten in Lateinamerika ist noch kein Start der Impfkampagne gegen Covid-19 in Sicht. Gründe sind Chaos bei der Zulassung – und ein Präsident, der sich über sämtliche Impfstoffe skeptisch äusserte – obwohl sich seine Regierung zugleich bemüht, diese zu bekommen. Präsident Jair Bolsonaro kündigte an, sich selbst nicht impfen lassen zu wollen und scherzte, dass Nebeneffekte Menschen in Krokodile oder bärtige Frauen verwandeln könnten.

Die offizielle Impfkampagne kann vermutlich frühestens in drei bis vier Wochen starten. Argentinien, Chile, Mexiko, Costa Rica und andere Länder in der Region dagegen haben schon damit begonnen. Argentinien ist Vorreiter mit 0.07 Geimpften pro 100 Einwohner.

  • Indien

Indien hat am Sonntag Notfall-Zulassungen für den Impfstoff von Astrazeneca und ein vor Ort entwickeltes Vakzin gegen das Coronavirus erteilt. Sowohl der von Astrazeneca und der Oxford University gemeinsam entwickelte Impfstoff als auch der von Bharat Biotech würden in zwei Dosen verabreicht, sagte Dr. Venugopal Somani, der in Indien für die Medikamentenüberwachung zuständig ist.

Das Land mit knapp 1,4 Milliarden Einwohnern plant, bis August 300 Millionen Menschen zu impfen, darunter Personal des Gesundheitswesens, Polizeikräfte und Personen, die wegen ihres Alters oder Vorerkrankungen als besonders gefährdet gelten. Insgesamt hat es in dem Land bislang mehr als 10,3 Millionen bestätigte Covid-19-Fälle gegeben. Der indische Premierminister Narendra Modi sagte, die Zulassung der Impfstoffe sei «ein entscheidender Wendepunkt, um einen energischen Kampf zu stärken».

  • China

In China wird bereits seit dem Sommer geimpft. Nach Schätzungen wurden über Notfallzulassungen bereits weit mehr als eine Million Menschen gepiekst. Peking setzt zunächst auf eine eigene Entwicklungen: So wurde erst am Freitag dem Impfstoff vom Pharmahersteller Sinopharm eine «bedingte Zulassung» erteilt. Seither seien bereits mehr als 73’000 Menschen geimpft worden, berichteten Staatsmedien am Sonntag.

Sinopharm hatte zuvor mitgeteilt, dass sein Impfstoff einen mehr als 79-prozentigen Schutz vor Covid-19 (79,34 Prozent) bieten soll. In China gibt es neben Sinopharm mit Anhui Zhifei Longcom, CanSino, und Sinovac noch drei weitere Unternehmen, die sich in der Endphase der Impfstoff-Entwicklung befinden. China hatte das Ziel ausgegeben, bis Ende des Jahres 600 Millionen Dosen auf den Markt bringen zu können.

Insbesondere während des chinesischen Neujahrsfestes sollen in der Volksrepublik massenhaft Menschen geimpft werden. In Peking standen am Montag tausende Menschen für das Vakzin von Sinopharm Schlange, wie auf Bildern des staatlichen Fernsehsenders CCTV zu sehen war.

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318 Kommentare
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Peter Tobler

05.01.2021, 22:52

Wir haben zwar noch keinen Impfstoff für alle, dafür haben wir weltweit die höchsten Krankenkassenprämien!!!!!

Herr Schleck

05.01.2021, 21:16

Was es wohl bei Irina Beller zum Nachtisch gab?

Manni der Libero

05.01.2021, 15:52

Covid-19 ist die erste Pandemie in der Menschheitsgeschichte die mit Impfkampagnen bekämpft wird. Die früher obligatorische Pockenschutzimpfung richtete sich gegen eine jahrtausende alte Krankheit die erfolgreich ausgerottet wurde. Das hatte aber nichts mit der Bekämpfung eines neuartigen Virus zu tun. Was man kritisieren kann ist das es seit 2012 eine von der deutschen Regierung in Auftrag gegebenen Studie zu Massnahmen gegen ein imaginäres, neuartiges Virus hat. Diese Studie wurde weltweit gelesen und analysiert. Ihre Schlussfolgerungen und Handlungsempfehlungen sind klar und logisch. Nur hatte sich kaum jemand Gedanken darüber gemacht das es einmal wirklich zu so einer Lage kommen würde. Das ist ein Übel unserer Zeit, man hat das amerikanische Best-Case-Scenario - Denken übernommen, diese kindliche Naivität das schon alles so einfach wie möglich lösbar sei, dieses "keep it simple" - Planen das viele Lücken und Versäumnisse enthält.