Aktualisiert 24.06.2011 16:29

Eishockey-Youngster Bärtschi

Ein Langenthaler Bub auf dem Weg zum Millionär

Eishockey-Stürmer Sven Bärtschi (18) ist vom scheuen Bürolehrbuben zum selbstbewussten Jungprofi gereift. Jetzt steht der Berner vor dem grossen Durchbruch.

von
Klaus Zaugg
Sven Bärtschi dürfte der nächste Schweizer Top-Draft in der NHL werden. (Bild: Walter Bieri)

Sven Bärtschi dürfte der nächste Schweizer Top-Draft in der NHL werden. (Bild: Walter Bieri)

Sven Bärtschi ist in seinem Jahrgang (1992) einer der besten Stürmer der Welt und kann an diesem Wochenende beim NHL-Draft den ersten Schritt zu einer Millionärs-Karriere machen.

Als Treffpunkt schlägt er das Sekretariat des SC Langenthal vor. Er hat nicht vergessen, dass er bei diesem Sportverein ausgebildet worden ist. Auf dem Eis und im Büro. Beim SCL hat er seine zweijährige Bürolehre gemacht und vor dem Aufbruch zum grossen Amerika-Abenteuer erfolgreich abgeschlossen.

Erinnerungen an den Tag, welcher sein Leben veränderte

Inzwischen ist Sven Bärtschi schon viel weiter gekommen als alle Junioren, die beim SC Langenthal gross geworden sind: Nämlich bis nach Amerika. Genauer bis nach Portland (knapp 600 000 Einwohner) an der Westküste. Dort ist er bei den Portland Winterhawks in der Western Hockey League (WHL), der härtesten Juniorenliga der Welt, im Laufe der letzten Saison ein Star geworden.

Er erinnert sich gegenüber 20 Minuten Online noch gut an den Tag, der sein Leben verändern sollte: «André Rufener hat mich 2009 zu einem Spiel der Russen an der WM in Bern eingeladen. Ich ging hin, hörte mir an, was er mir zu sagen hatte und bald war mir klar, dass er der richtige Mann für mich ist.» Der ehemalige NLA-Stürmer André Rufener (40) ist NHL-Spieleragent und hat bereits Luca Sbisa in die NHL gebracht und Nino Niederreiter zu einem Erstrundendraft und einem NHL-Vertrag verholfen. Kein Schweizer Agent hat so gute Beziehungen nach Nordamerika. Er gilt darüber hinaus als smarter Talentsucher und wusste also sehr wohl, warum er Bärtschi im Frühjahr 2009 zu einem WM-Spiel in Bern eingeladen hatte.

Richtiger Entscheid mit Langenthal

Rufener hat sich nicht getäuscht. Sein Langenthaler Klient ist in seiner ersten Saison in Portland rasch ein Star geworden. «Nach drei oder vier Wochen hatte ich mich an das kleinere Eisfeld gewöhnt und fühlte mich wohl», erzählt Bärtschi. Er hätte schon ein Jahr früher, im Herbst 2009, nach Nordamerika wechseln können. «Aber ich wollte zuerst meine Bürolehre abschliessen. Rückblickend hat sich gezeigt, dass dieser Entscheid richtig war. Ich konnte eine Saison mit Langenthal in der NLB spielen und dort musste ich mich in einer Mannschaft mit Erwachsenen auch mal mit einer Rolle in der vierten Linie zufrieden geben. Das hat mir geholfen.»

Die Gefahr von Starallüren ist im nordamerikanischen Juniorenhockey sowieso gering. Es hat Zeiten gegeben, da sind viele Junioren, fern ihrem Elternhaus, «abgestürzt». Das führte zu politischen Vorstössen in Kanada und heute ist das Juniorenhockey in Nordamerika strenger geregelt als ein Klosterleben. Die Jungs wohnen bei Gastfamilien und um 23.00 Uhr muss jeder daheim sein. «Wenn wir nach Hause kommen, müssen wir einem der Assistenztrainer eine SMS-Mitteilung schicken und stichprobeweise wird kontrolliert, ob man dann tatsächlich zu Hause ist.» Verstösse gegen die strengen Sitten können bis zum Teamausschluss führen. Bärtschi sagt, er wohne zusammen mit einem Teamkollegen bei einer wunderbaren Gastfamilie. «Rick und Barbara Rankins kennen Europa. Rick arbeitet für die US-Army und war auch schon im Irak. Für uns wird gesorgt, als seien wir ihre Söhne.»

Eine Hockeyfamilie

Langenthals möglicher NHL-Spieler stammt aus einer Hockeyfamilie. Sein Vater Hansruedi stürmte nicht nur für den SC Langenthal. Sondern auch zwei Jahre für den SC Langnau (1984 bis 86, 58 Spiele/13 Tore). Inzwischen zeichnet sich ab, dass es sein Bub noch weiter bringen wird. Sven Bärtschi wirkt wie ein Kanadier, der perfekt Berndeutsch spricht. Er hat in einem Jahr in Portland enorm an Selbstsicherheit zugelegt und trägt die Baseballmütze in der Art der coolen nordamerikanischen Jungs. In seiner Selbstsicherheit ist keine Spur von Arroganz. Es ist einfach das gesunde Selbstvertrauen eines jungen Mannes, der genau weiss, was er will: In die National Hockey League (NHL), die beste Liga der Welt. Dort, wo das Durschnittsalär bei 1,6 Millionen Dollar liegt.

Am Wochenende wird Bärtschi junior den ersten offiziellen Schritt Richtung NHL machen. Beim NHL-Draft in Minneapolis. Beim Draft sichern sich die 30 NHL-Klubs die Rechte an den noch nicht in der NHL unter Vertrag stehenden Spielern. In umgekehrter Reihenfolge zur Klassierung der letzten Saison dürfen sie auswählen. So haben die schwächsten Teams Zugriff auf die besten Jungen. Je früher einer ausgewählt wird, desto höher wird er eingeschätzt.

Als Nummer 8 eingestuft

Sven Bärtschi gehört zu den weltweit besten Stürmern seines Jahrganges (1992). Die nordamerikanische Hockey-Bibel «The Hockey News» stuft ihn als Nummer 8 ein. Damit sich die Klubmanager ein Bild von den jungen Spielern machen können, werden die kommenden Stars vor dem Draft nach Toronto eingeladen. In einem Hotel hat jeder Klub in einem Zimmer sein Büro eingerichtet und unterzieht die Jungs einem Kreuzverhör. Einige werden von ihren Agenten begleitet und intensiv auf alle möglichen Fragen vorbereitet. Bärtschi hat die Interviews ohne seinen Agenten gemacht. «Er hat mir einfach gesagt, ich solle mich selber sein und bestimmt und höflich antworten.»

Das hat funktioniert. 28 von 30 Klubs haben in Toronto mit Bärtschi ausführliche Gespräche geführt (Montreal und Detroit haben verzichtet) und der Manager von Buffalo war so angetan, dass er Bärtschi gleich für zwei Tage nach Buffalo mitgenommen und ihm Stadion und Umfeld gezeigt hat. «Auch andere Klubs wollten mich einladen. Aber ich wollte vor dem Draft noch einmal nach Hause.»

Nach den Interviews ist er von Toronto heim nach Langenthal gekommen. Am Mittwoch ist er nun zusammen mit seinen Eltern, seinem Bruder Kevin, Langenthals Sportchef Reto Kläy und Agent André Rufener bereits wieder weggeflogen. Zum Draft nach Minneapolis. In die Stadt, in der am Wochenende seine NHL-Karriere beginnt.

Fakten zum NHL Draft 2011

Zulassung

Zum NHL-Draft zugelassen sind grundsätzlich alle Eishockeyspieler, die vor dem 15. September des Draftjahres 18 Jahre alt wurden.

Die Schweizer

Das Central Scouting Büro, das weltweit Spieler, die zum Draft zugelassen sind beobachtet, hat in der abgelaufenen Saison über die folgenden Schweizer Spielerfichen geführt: Sven Bärtschi (Portland Winterhawks / WHL), Dario Trutmann (Plymouth Whalers / OHL), Gregory Hofmann, Daniele Grassi, Inti Pestoni (alle HCAP), Alessio Bertaggia (HCL), Tristan Scherwey, Joel Vermin (beide SCB), Samuel Guerra (HCD), Gaetan Haas (EHCB), Dean Kukan, Sven Andrighetto, Cédric Hächler, Eric Arnold (alle GCK), Luca Boltshauser (ZSC), Dominic Lammer, Christian Marti (beide Kloten), Alban Rexha (SCLT), Dominic Nyffeler und Richard Tanner (beide Rapperswil).

Berechtigte Hoffnungen auf einen NHL Draft haben aber nur folgende Schweizer:

- Sven Bärtschi (erste Draftrunde)

- Gregory Hofmann (ab der vierten Draftrunde)

- Alessio Bertaggia (ab der fünften Draftrunde)

- Dario Trutmann (ab der sechsten Draftrunde)

- Benjamin Conz (Aussenseiterchancen, wurde nur an der U20 WM beobachtet)

Die Reihenfolge

Die Reihenfolge am NHL-Draft wird durch die sportliche Leistung der Teams in der abgelaufenen Saison beeinflusst. Ganz einfach gesagt gilt: Das schlechteste Team der abgelaufenen Saison draftet zuerst, der Stanley Cup Sieger zuletzt. Ein NHL-Draft dauert sieben Runden, jedes Team hat pro Runde ein Draftrecht. Draftrechte sind so wertvoll wie ausgebildete Eishockeyspieler, weshalb das Draftrecht oft als Kompensation für einen Spieler gilt. Solche Transfers führen zu einer neuen Draftreihenfolge.

Darum geht es

Ein Draft ist kein NHL-Vertrag sondern lediglich das exklusive Recht, dem Spieler während den kommenden zwei Jahren einen NHL-Vertrag anzubieten.

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