Indiens Eunuchen: Ein Leben als Aussenseiter
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Indiens EunuchenEin Leben als Aussenseiter

Bei einem Brand in Neu-Delhi sind mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen. Die Opfer waren Eunuchen, sogenannte Hijras. Menschen, die am Rande der indischen Gesellschaft leben.

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Das diesjährige Eunuchen-Treffen in Neu-Delhi endete in einer Tragödie. Bei einem Brand in einer Kongresshalle sind am Sonntagabend mindestens 15 Menschen ums Leben gekommen. Mehr als 36 weitere sind mit teils schweren Verbrennungen in Spitäler gebracht worden. Ersten Ermittlungen zufolge hat ein Kurzschluss das Feuer in einem Festzelt ausgelöst.

Die Opfer waren für ein dreitägiges Eunuchen-Treffen nach Neu-Delhi gekommen, an dem mehr als 2000 Transsexuelle aus Indien, Nepal und Bangladesch teilnahmen. Die sogenannten Hijras gehören in vielen Städten Indiens zum Strassenbild, sind jedoch gesellschaftlich isoliert. Das jährliche Eunuchenfestival ist ein Highlight im Leben der Hijras.

Bei den eigenen Familien unerwünscht

Als Männer geboren, führen die indischen Eunuchen ein Leben als Frauen: Sie tragen Saris und verhalten sich weiblich. Sie nehmen sogar weibliche Vornamen an. Obwohl die meisten von ihnen kastriert sind, ist Erotik und Sexualität ein wichtiger Teil ihres Lebens. Viele arbeiten abends als Prostituierte, andere als Tänzerinnen in Striplokalen. Tagsüber betteln sie vor den Tempeln und segnen Neugeborene mit einem langen Leben. Zudem glauben viele Inder, dass Hijras - obwohl sie nicht fruchtbar sind - die Gabe haben, Fruchtbarkeit zu spenden.

Abgesehen von diesen «Dienstleistungen» leben Indiens Eunuchen als Aussenseiter am Rande der Gesellschaft: Sie gelten gemeinhin als schmutzig. Sie gehören auch keiner Kaste an, weil es im Wesen einer Kaste liegt, dass man in sie hineingeboren wird. Hijras kommen mehr oder weniger freiwillig zu der Gemeinschaft. Meistens ist es der Wunsch der eigenen Angehörigen, dass das andersartige Mitglied die Familie verlässt, um die Heiratschancen der Geschwister nicht zu «verderben».

Um in die Gemeinschaft eintreten zu dürfen, schliesst sich der junge Mann als Chela (Schülerin) einem Guru an, schreibt die Autorin Eva Fels in ihrem Buch «Auf der Suche nach dem dritten Geschlecht». Der Guru übernimmt die Rolle der Mutter und die anderen Schülerinnen sind wie Schwestern für die neue Chela. Während einer Probezeit erlernen sie Tanz und Gesänge und werden in das Leben als Transvestit eingeführt. Erst dann erfolgt oft die Operation, die als Wiedergeburt gesehen wird, in der eine Frau mit der Kraft der Göttin entsteht.

Eigene Religion, eigene Regeln

Besonders paradox ist allerdings, dass das sogenannte «dritte Geschlecht», obwohl es ausserhalb der traditionellen Ordnung steht, für das Gleichgewicht der indischen Gesellschaft als «notwendig» gehalten wird. Im ganzen Land leben schätzungsweise 1,5 Millionen Hijras, in Mumbai alleine bis zu 100 000. Offizielle Zahlen gibt es jedoch nicht, weil man sich nach indischer Gesetzgebung entweder als Mann oder als Frau zu registrieren hat.

Nicht immer waren Kastrierte gesellschaftlich so unterprivilegiert wie jetzt. Ihre Existenz wird bereits in den alten indischen Schriften, im Ramayana, erwähnt. Damals galten die Hijras aufgrund ihrer Ambiguität als Mittler zwischen der Macht der Götter und den Menschen. Die Inder glaubten, dass sie über Mächte verfügten, die Normalsterblichen versagt waren. In der heiligen Erzählung trifft Rama eine Gruppe von Kastrierten und segnet sie. Er sagt ihnen, sie würden Könige der Welt werden.

Zur Zeit der muslimischen Mogulherrscher nahmen Eunuchen eine wichtige Rolle als Hofbedienstete ein und waren zum Teil sehr einflussreich. In den Dörfern hatten sie sogar das Recht auf eigenes Land – was ihnen unter der britischen Besatzung dann wieder genommen wurde.

Heute leben die Hijras in «Königreichen», geographischen Gebieten, die ihrerseits in sieben «Häuser» eingeteilt sind. Die «Häuser» funktionieren dabei wie Clans. Jedem Haus steht eine «Rani» vor, eine Art Gemeindeoberhaupt, das sogar über Leben und Tod richtet. Dazu hat jedes Haus einen «Panyajat», einen Ältestenrat nach Kastenvorbild. Ihre Probleme regeln Hijras lieber untereinander. Es verstösst gegen den Kodex, Probleme mit der Polizei zu regeln, alles wird über den Ältestenrat abgewickelt – am Rande der Gesellschaft.

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