Riesenkrater: Ein Loch kommt selten allein
Aktualisiert

RiesenkraterEin Loch kommt selten allein

Das gigantische Loch mitten in Guatemala-Stadt, in dem ein ganzes Haus verschwand, ist nicht das erste dieser Art. Schon 2007 tat sich dort die Erde auf.

von
Daniel Huber

Mitten auf einer Kreuzung in der guatemaltekischen Hauptstadt klafft die Erde: Kreisrund, als ob ein gigantischer Bohrer am Werk gewesen wäre, gähnt ein Krater mit 20 Meter Breite und 30 Meter Tiefe.

In dem Riesenkrater, dessen Wände von oben wie ausgefräst erscheinen, verschwand ein dreistöckiges Gebäude, in dem sich eine Kleiderfabrik befand (siehe Infobox). Mindestens ein Anwohner fand dabei den Tod. Inzwischen wurden rund 50 Familien aus dem Gefahrenbereich evakuiert, wie die guatemaltekische Zeitung «Siglo XXI» schreibt.

Rätselhaftes Loch

Ein Loch solchen Ausmasses lässt Fragen offen: Was hat diesen massiven Einsturz bewirkt? Geologen sagten am Dienstag gemäss der Nachrichtenagentur AP, die runde Form deute darauf hin, dass sich dort eine Höhle befunden habe. Doch was genau der Grund für die Kraterbildung war, konnte zunächst niemand sagen. Für David Moterroso, Geophysiker der nationalen Katastrophenhilfe, ist das Loch laut AP ein Rätsel: «Ich kann sagen, was es nicht ist: Es ist keine Verwerfung und es ist nicht das Ergebnis eines Erdbebens. Das ist alles, was wir wissen.»

Sicher ist immerhin, dass es mit den massiven Regenfällen zu tun hat, mit denen der verheerende Tropensturm Agatha das Land überzogen hat. In Guatemala-Stadt fiel so viel Regen wie normalerweise in einem ganzen Monat: 10,8 Zentimeter – so viel wie seit 1949 nicht mehr. Diese enormen Wassermengen haben wohl als unterirdischer Strom den Boden unterhalb der Stelle, wo jetzt der Krater klafft, unterspült. So konnte das darüberliegende Erdreich schlagartig in den neu geschaffenen Hohlraum darunter versinken.

Marode Kanalisation

Dieser Vorfall ist für die Einwohner von Guatemala-Stadt nichts Neues: Schon im Februar 2007 öffnete sich nur fünf Kilometer entfernt die Erde. Damals verschwanden drei Menschen und mehrere Häuser in dem noch grösseren Loch, das auf den ersten Blick dem aktuellen Krater zum Verwechseln ähnlich sieht. Dieses Loch war rund 60 Meter tief und beinahe 40 Meter breit. Damals hatten ein undichtes Abflussrohr und Regenfälle das Erdreich ausgespült. Es sei noch viel zu früh, um zu beurteilen, ob das auch diesmal die Ursache gewesen sei, sagte Moterroso.

Dennoch sind die Anwohner heute wütend, wie «Siglo XXI» berichtet: Die Warnungen nach dem Einsturz von 2007, die 36 Jahre alte Kanalisation gründlich zu überprüfen, seien von den Behörden in den Wind geschlagen worden. Unter der Erdoberfläche könnten in Guatemala-Stadt noch viele solche Hohlräume gähnen, fürchten die Leute.

Tagesbrüche und «alte Männer»

Auch in unseren Breitengraden kann es zu solchen plötzlichen Erdbewegungen kommen. Im Juli 2009 beispielsweise stürzten im deutschen Nachterstedt zwei Häuser in den Concordia-Tagebausee (20 Minuten Online berichtete). Drei Bewohner starben. Ursache war dort wohl, dass das lockere Erdreich des Abraums aus dem Tagebau durch den Anstieg des Grundwassers aufgeweicht wurde und dadurch abrutschte. Gerade in den ehemaligen Bergbaugebieten, vor allem im Ruhrgebiet, kann der Untergrund heute noch zu unangenehmen Überraschungen führen.

Tagesbrüche heissen die gefürchteten Erdabsenkungen im Fachjargon. Im Jahr 2000 bildete sich in Bochum-Wattenscheid innerhalb eines Tages ein Krater von 500 Quadratmetern Grösse mitten in einem Wohngebiet. Zwei Garagen wurden verschluckt; zwölf Familien mussten zeitweise evakuiert werden. Ursache war wohl ein uralter Kohleflöz, ein so genannter «alter Mann», der zugeschüttet wurde und nicht mehr bekannt war. Wenn Regen und Grundwasser die Füllung im Laufe der Zeit ausschwemmen, wird es über Tage gefährlich.

Nicht nur in den Bergbaugebieten allerdings: Im September 1994 stürzte in Trudering bei München ein Bus in einen grossen Krater in der Strasse. Drei Personen kamen ums Leben, mehrere wurden verletzt. Hier lag die Ursache im U-Bahn-Bau. Ein Wassereinbruch führte dann dazu, dass das Erdreich über dem künstlichen Hohlraum nachgab. Ähnliche Faktoren führten im März 2009 zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs, wo allerdings kein Krater entstand.

Video: Das Loch in Guatemala-Stadt

Video: Das Loch von 2007

Video: So entstand das Loch

Kleiderfabrik versunken

In dem Loch ist eine ganze Kleiderfabrik, die in einem dreistöckigen Gebäude untergebracht war, versunken. Keiner der Arbeiter in der Fabrik wurde getötet. Sie hätten eine Stunde vor dem Einsturz am Sonntagabend Feierabend gemacht, erklärten sie. Und wegen des Sturms war auch der Nachtwächter nach Hause gegangen, um sein Haus gegen das Unwetter zu schützen.

(ap)

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