Angriff auf Flughafen: «Ein Machtkampf innerhalb der Taliban»

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Angriff auf Flughafen«Ein Machtkampf innerhalb der Taliban»

Pakistanische Taliban greifen zum zweiten Mal den internationalen Flughafen von Karatschi an. Was wollen sie? 20 Minuten fragte Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network.

von
gux

Nur zwei Tage nach ihrem blutigen Überfall auf den Flughafen von Karatschi haben die pakistanischen Taliban dort erneut zugeschlagen. Ihr Angriff auf ein Trainingszentrum des Airports wurde aber am Dienstag rasch abgewehrt. Die zwei bis drei Angreifer flohen.

In der Nacht zum Montag hatten zehn Talibankämpfer einen Terminal des internationalen Airports der grössten pakistanischen Wirtschaftsmetropole angegriffen. Erst nach Stunden errangen Sicherheitskräfte wieder die Kontrolle über das Gebäude. Am Ende waren mindestens 36 Menschen tot – die zehn Angreifer sowie 26 Opfer, die erst nach und nach in dem zerstörten Gebäude gefunden wurden.

Die radikalislamischen Taliban liefern sich seit etwa zwei Jahrzehnten einen blutigen Kampf mit der pakistanischen Regierung. Der Konflikt hat Zehntausende Menschen das Leben gekostet. Der seit einem Jahr amtierende Ministerpräsident Sharif hat eine Friedenslösung versprochen und Verhandlungen begonnen. Doch die scheinen nun vor dem Aus.

Wie gehts es weiter mit den Taliban in Pakistan? Was wollen sie eigentlich? 20 Minuten fragte Thomas Ruttig, Ko-Direktor des Afghanistan Analysts Network mit Sitz in Berlin und Kabul.

Herr Ruttig, was wollen die Angreifer?

Sie wollten sich «zurückmelden». Der Dachverband der pakistanischen Taliban (TTP) hat sich Ende Mai gespalten, vereinfacht gesagt in einen Nord- und einen Südflügel. Der Nordflügel lehnt Verhandlungen mit der pakistanischen Regierung ab, der Südflügel will sie weiterführen. Beide Flügel sind in Karatschi, dem Wirtschaftszentrum des Landes, in dem fast 20 Millionen Menschen leben, vertreten, treiben dort «Steuern» ein und kämpfen um Einfluss. Der Südflügel ist dort stärker, also wollte der Nordflügel – der sich zu den Angriffen bekannt hat – auch Präsenz zeigen. Und gleichzeitig auch dem pakistanischen Militär, das im Grunde die bestimmende Instanz im Lande ist, deutlich machen, dass er immer noch zu spektakulären Aktionen fähig ist.

Was bedeuten diese Angriffe für die Friedensverhandlungen mit der Regierung in Islamabad?

Der Nordflügel ist daran ja sowieso nicht interessiert, will aber möglicherweise das Militär provozieren, alle Gespräche abzubrechen und damit auch den Südflügel wieder zum Angriffsziel zu machen. Der Angriff ist also auch Ablenkungsmanöver und Machtkampf zwischen den verschiedenen Taliban-Gruppen. Diese zu spalten scheint auch die Taktik des Militärs und seines Geheimdienstes ISI zu sein. Es unterscheidet zwischen «schlechten» Taliban, die die Regierung angreifen (zur Zeit der Nordflügel) und «guten» Taliban – die das nicht tun. Dazu gehören auch die afghanischen Taliban, die organisatorisch von den pakistanischen getrennt sind, aber eher dem Südflügel nahestehen.

Kann man von einer Erstarkung der Taliban in Pakistan sprechen?

Nein, die pakistanischen Taliban waren ja nie weg. Viele ihrer im Landesinnern verübten Taten – wie die Anschläge am gleichen Tag auf schiitische Pilgerbusse – werden bei uns aber kaum gemeldet. In einigen Gebieten Pakistans herrscht ein täglicher blutiger Krieg, zu dem ein breites Spektrum weiterer Terrorgruppen beiträgt, die ursprünglich vom pakistanischen Geheimdienst ISI zum Kampf gegen Indien geschaffen worden und inzwischen teilweise ausser Kontrolle geraten sind.

Was für eine Rolle spielt der pakistanische Geheimdienst ISI?

Man sollte eigentlich gar nicht so viel vom ISI sprechen, denn er ist eine Einrichtung der drei Waffengattungen des pakistanischen Militärs. Er spielt eine sehr zwielichtige Rolle. Einige seiner ehemaligen Chefs sind das Bindeglied zwischen den Taliban, anderen Terrorgruppen und legalen, aber zum Teil extremistischen islamistischen Parteien. Dass die Militärs solche Leute gewähren lässt, ist für mich ein Zeichen, dass ihnen manches, was diese Leute tun, gar nicht unrecht ist, aber sie sich damit nicht die Hände schmutzig machen wollen. Das wird Strategie des «plausiblen Abstreitens» genannt. Es ist ja eindeutig, dass sich Pakistans Militär die afghanischen Taliban weiter für die künftige Entwicklung Afghanistans als Partner warmhält.

Was unterscheidet die Taliban von Dschihadisten anderswo?

Die pakistanischen und noch eindeutiger die afghanischen Taliban verfolgen eine rein nationale Agenda. Sie wollen die Macht in ihren Ländern übernehmen, sind weniger am weltweiten Dschihad interessiert. Al Kaida versucht, solche «national-dschihadistischen Organisationen» an sich zu binden und für ihre Ziele einzuspannen, was ihnen in Afghanistan und Pakistan – nach dem 11. September – nur sehr begrenzt gelungen ist. In Pakistan gibt es vor allem unter Nicht-Taliban-Terrorgruppen aber einige, die Al Kaida sehr nahestehen. Man darf auch nicht vergessen, dass alle Taliban sowie viele pakistanische Gruppen – die auch alle keine Araber sind! – älter sind als Al Kaida und sich von den Newcomern nicht gern sagen lassen, was zu tun ist.

Muss künftig mit mehr Taliban-Angriffen gerechnet werden – und hat das möglicherweise Folgen für den weltweiten Terror?

Ich würde sagen, dass in Pakistan mit weiteren Angriffen gerechnet werden muss. Das Gewaltniveau ist ja schon sehr hoch. Die Frage ist dann, inwieweit es Al Kaida oder anderen Dschihadisten gelingt, an diese Gruppen anzudocken. Das muss man natürlich im Auge behalten. Aber weltweiter Terror, der aus Afghanistan oder Pakistan kommt, ist bisher eine rare Ausnahme. Syrien, Irak, auch die Sahara haben meiner Ansicht nach ein grösseres Ausbreitungspotenzial, weil Al Kaida dort stärker verankert ist. Syrien zieht im Moment viel eher europäische und russisch-kaukasische Dschihadisten an als Pakistaner oder Afghanen. Im Gegenteil, wohl in Iran rekrutierte Afghanen kämpfen sogar auf Seiten Assads in Syrien.

Thomas Ruttig ist Ko-Direktor des «Afghanistan Analysts Network» mit Sitz in Berlin und Kabul. Er hat in den vergangenen Jahren die UNO, die EU und die deutsche Botschaft in Kabul beraten. Zudem hat er zahlreiche Publikationen zum Konflikt in Afghanistan veröffentlicht.

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