Nanny-Vermittlung: Ein Mami auf Abruf
Aktualisiert

Nanny-VermittlungEin Mami auf Abruf

Sind beide Eltern berufstätig – gewollt oder ungewollt – ist der Alltag mit Kindern eine echte Herausforderung. Ohne familienergänzende Betreuungsangebote ginge es oftmals nicht. Nun gibt es für Eltern eine neue Alternative: die Nannyvermittlung.

von
Rupen Boyadjian

Grosseltern, Tagesmutter, Kinderkrippe – oder neu ein Nanny von der Nannyvermittlung «Poppins und Co.»? Dieses neue familienergänzende Betreuungsangebot hilft erwerbstätigen Eltern, ihren Alltag noch besser zu meistern. Die immer breitere Palette ermöglicht es, «die individuell beste Lösung zum Wohl der Kinder zu finden», sagt Karin aus Hallau SH. Sie selbst ist Nanny bei «Poppins und Co.», also eine «Kinderfrau», die zur Familie nach Hause kommt.

Karin ist selber Mutter. Ihre zwei Töchter sind 13 und 16 Jahre alt und damit schon recht selbständig. Seit einem halben Jahr dachte die 39-Jährige deshalb darüber nach, wieder mehr zu arbeiten. Sie hätte ihr 20-Prozent-Pensum als Praxisassistentin ausbauen oder im Detailhandel etwas suchen können. Doch interessiert hat sie sich für etwas anderes. Denn: «Am liebsten beschäftige ich mich mit Kindern», sagt Karin.

Durch einen Bericht in der Zeitschrift «Annabelle» wird Karin auf «Poppins & Co.» aufmerksam. Die von drei Juristinnen gegründete Firma betreibt seit Februar eine Nannyvermittlung im Internet. «Es war früher schwierig und mühsam, jemanden zu finden, der die Kinder tagsüber betreut», erklärt Karolina Kuprecht, eine der Initiantinnen. Das habe die drei Freundinnen geärgert und sie angespornt, Poppins & Co. zu gründen, die sie in viel Abend- und Wochenend-Arbeit aufgebaut haben. «Wir wollen mit unserer Firma auch zur Aufwertung der Kinderbetreuung beitragen», sagt Kuprecht.

Gründliches Auswahlverfahren

Es existieren bereits andere Vermittlungsplattformen. Diese beruhen aber auf Inseraten und damit auf Selbstdeklarationen. «Poppins & Co.» hat sich zum Ziel gesetzt, den aufwändigen Auswahlprozess für eine Betreuerin zu vereinfachen und professioneller zu gestalten. Mit Hilfe einer Pädagogin haben sie ein standardisiertes Verfahren geschaffen.

Die Fachstelle für Pflegekinder der Stadt Zürich hat es geprüft und für gut befunden, «besonders im Hinblick auf das Kinderwohl», betont Kuprecht. Zürich empfiehlt deshalb die Nannyvermittlung. Eltern, die ein solches Angebot suchen, seien meist Doppelverdiener, darunter viele Akademiker. Angesichts der hohen Krippentarife könne sich eine Nanny für Gutsituierte bereits ab zwei Kindern lohnen.

Aber der finanzielle Aspekt ist nur einer von mehreren. «Die Krippen haben den Vorteil, dass die Kinder mit vielen andern zusammen sind und sie so Sozialkompetenz erwerben können», sagt Karin. Viele Eltern wollten ihre Kinder aber nicht von Montag bis Freitag in einer Krippe abliefern. Ausserdem sei es gerade für Leute in Kaderpositionen oft fast unmöglich, ihre Sprösslinge jeden Tag bereits um 5 oder 6 Uhr abends wieder abzuholen.

Karin hat sich als Nanny auf der Vermittlungsplattform eingetragen. Sie strebt ein 40-Prozent-Pensum an. Zusätzlich ist sie Assessorin geworden. Das heisst, sie wählt anhand des standardisierten Verfahrens potentielle Nannys aus.

Karin hat keine spezifische Ausbildung im Bereich der Kinderbetreuung. «Aber das ist nicht zwingend nötig», ist Karolina Kuprecht von Poppins & Co. überzeugt. «Wir haben zwar viele Nannys mit Ausbildung als Kleinkindbetreuerin oder mit Berufserfahrung in Krippen.» Wer eigene Kinder grossgezogen habe und ein besonderes Interesse an Kinderbetreuung habe, könne aber auch geeignet sein.

Nannys und Eltern zufrieden

Susanna, 21, aus Winterthur hat eben ihr Diplom als Kleinkinder-Erzieherin erworben. Sie ist an einem 100-Prozent-Pensum oder an zwei 50-Prozent-Engagements interessiert. Sie fand das Assessment der Nannyvermittlung nicht mühsam. «Es ist sehr professionell gemacht», sagt sie. Sie schätze es auch sehr, dass sie ein persönliches Gespräch mit Repräsentanten der Nannyvermittlung gehabt habe.

Auch Sheila, 50, beurteilt das Assessment positiv. Bei Poppins & Co. werde man mit Fragen konfrontiert, die einen zur Selbstreflexion animierten. «Man weiss danach, wo man persönlich steht», sagt die Hombrechtikerin. Sheila hatte eine Krippe geleitet, möchte nun aber gerne «mehr in die Familie schauen».

Bisher habe sich niemand beschwert, es sei eine «falsche» Nanny vermittelt worden, sagt Kuprecht. Wenn es nicht klappte, habe es daran gelegen, dass die gewünschte Betreuerin in der Zwischenzeit ein anderes Angebot angenommen habe oder dass Eltern und Nanny während der persönlichen Begegnung keine Sympathie füreinander entwickeln konnten.

Viele Vorstellungen, was eine Nanny leisten soll

Für Sheila wäre ein Einsatz als Nanny familienergänzend. Die Eltern bleiben die Hauptbezugspersonen. «Ich will nicht von aussen kommen und etwas ganz anderes machen.» Sie wolle die Kultur, die in der Familie herrsche, abfragen und sich danach richten. Dennoch gebe sie den Eltern gerne Rückmeldungen darüber, was sie beobachte. «Viele Eltern schätzen das», sagt Sheila.

Und Karin präzisiert: «Es gibt ganz unterschiedliche Auffassungen davon, was eine Nanny zu leisten hat.» Man könne sich die Sache relativ einfach machen und die Kinder oft vor den Fernseher setzen. «Es ist dann die Sache der Eltern zu entscheiden, ob sie drei Franken pro Stunde mehr bezahlen wollen und dafür auch eine intensivere Betreuung wünschen», sagt die Schaffhauserin.

Die Nannyvermittlung

Auf der Internetplattform sind die wichtigsten Angaben zu den Betreuerinnen in annonymisierter Form allgemein zugänglich. Interessierte erhalten für 20 Franken pro Dossier die vollständigen Angaben. Diese enthalten auch eine Einschätzung der Nannys durch Poppins & Co. Die Eltern entscheiden, was sie wollen. In die Kindererziehung mischt sich die Nannyvermittlung nicht ein.

Auch nicht in die Entlöhnung. Es wird lediglich die Empfehlung eines Mindestansatzes von 25 Franken pro Stunde abgegeben. Die Lohnverhandlung bleibt Sache der Eltern und der Nannys. Die Juristinnen und Firmeninhaberinnen sind aber bestens geeignet, um bei Arbeitsverträgen oder der Abrechnung von Sozialversicherungsbeiträgen Hilfe zu leisten.

Meist suchten die Nannys Arbeitspensen von 40 bis 50 Prozent, sagt Kuprecht. Die Spanne reiche jedoch von 20 bis 100 Prozent. Darunter sei es wenig sinnvoll, denn die Vermittlungsgebühr beträgt ein Monatsgehalt oder mindestens 1000 Franken.

Zu Beginn hatte Poppins & Co. nur eine Assessorin. In den letzten Wochen sind neun weitere ausgebildet worden. Die Zahl vermittelbarer Betreuerinnen werde deshalb in nächster Zeit steigen. Zur Zeit sind etwa 50 Profile abrufbar. «Unsere Nannys sind vor allem in den Regionen Zürich, Basel, St. Gallen und Ostschweiz sowie Aargau und Zug einsatzbereit», erklärt Karolina Kuprecht. Poppins & Co. wolle aber ein gesamtschweizerisches Angebot schaffen. Noch stehe der Schritt in die Romandie und das Tessin nicht unmittelbar bevor.

Eine englischsprachige Version der Homepage werde in nächster Zeit aufgeschaltet. Denn, so Kuprecht: «Es besteht eine grosse Nachfrage nach Nannys mit Englischkenntnissen.» Es gebe viele Anfragen von Schweizern, die von ihrer Firma ins Ausland geschickt werden und eine hiesige Betreuerin für ihre Kinder mitnehmen wollten.

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