«Spectre»: Ein Mann für alle Fälle
Aktualisiert

«Spectre»Ein Mann für alle Fälle

Im Auftrag Ihrer Majestät zerlegt ein Schweizer ein halbes Dorf, fräst eine Schneise in einen Wald – und forstet hinterher auf.

von
Roland Schäfli

Wengen, der autofreie Kurort im Berner Oberland, ist in der Filmbranche für zwei Dinge bekannt: Hier lernte Robert Redford für «Downhill Racer» 1968 Ski fahren. Und hier nimmt Stefan Zürcher den Hörer ab, wenn James Bond anruft. «Also, Bond ist in diesem Super-Spa in einem alpinen Hotel. Seine Freundin wird von einem Range Rover gekidnappt. Bond schnappt sich ein Flugzeug und verfolgt den Range Rover, über Pisten und durch Wälder und alles. Und dann geht die Verfolgungsjagd quer durchs Dorf weiter.» Etwa so hat man Stefan Zürcher ein Jahr vor Drehbeginn von «Spectre» am Telefon seinen Job erklärt. Nach 10 Bond-Assignments kann ihn auch ein aberwitziger Job nicht mehr schrecken. Schliesslich schoss er 007 schon auf einem Töff vom Tellistock. Wenn im meist erst rudimentären Filmtreatment Szenen in Schnee und Eis anstehen, dann sagt die Produzentin der 007-Reihe, Barbara Broccoli: «Call Stefan.»

Auf der Suche nach dem passenden Drehort für diese wüste Jagd klapperte Zürcher mögliche Locations in Frankreich und Österreich ab. Sogar Mürren und Grindelwald – die schon im Schilthorn-Abenteuer die alpine Kulisse abgaben – standen für kurze Zeit auf der Short-List. Sie schieden aus. Ebenso Bettmeralp und Riederalp. «Ich kann keine 30 Sattelschlepper in einen Kurort bringen», erklärt Zürcher. «Und unsere Bergdörfer sind meist zu steil, die Gassen zu eng für eine Autoverfolgungsjagd.»

Nachdem der Schweizer Location-Scout verschiedene potentielle Drehorte auf ihre Tauglichkeit geprüft hatte, fiel die Entscheidung im Londoner Office der Eon-Productions: Sölden im Tirol sollte es sein. Mit diesem Entschluss fing die eigentliche Arbeit für Stefan Zürcher, den Location Manger, jedoch erst an. Erstmals in Bonds Diensten stand er als 23-Jähriger. Als Skifahrer, der sich mit dem Agenten eine infernale Verfolgungsjagd entlang den Flanken des Schilthorns liefert. Von da an ging es für den «Bergbub aus Wengen» nur noch auf berufliche Gipfel. Erst in die deutschen Bavaria-Studios, wo er am Oscar-gekrönten «Cabaret» mitwirkte. Schliesslich nach Hollywood, wo er 12 Jahre mit notorischen Säufer wie Peter O'Toole und Maniacs wie Marlon Brando arbeitete.

Bis zu 600 Personen im Einsatz

Verrücktheiten ist er vom Filmbetrieb also gewohnt. Mit dem logistischen Monstrum von «Spectre» sollte er ganze eineinhalb Jahre ringen. Zuerst sorgte er für die Unterbringungsmöglichkeiten. Keine leichte Sache, wenn bei einer Bond-Produktion bis zu 600 Personen gleichzeitig versorgt sein wollen. «Beim Schilthorn-Dreh waren wir maximal 150», erinnert er sich. 80 Kilometer im Umkreis von Sölden wurden alle Hotelrechnungen auf James Bond ausgestellt. 80 VW-Busse koordinierte er für die Personentransporte, nochmal 50 Privatwagen, einige mit Chauffeur. 30 Lastwagen transportierten insgesamt 2500 Wagenladungen Material. Dafür liess er 35 000 Quadratmeter Parkfläche aus Textilfolien anbauen. Für die 40-Tönner mussten zusätzlich 40 cm Schotter ausgelegt werden. Ach ja, und 12 Flugzeuge waren auch noch mit dabei.

Eine 20 Meter breite Schneise musste her

Bonds grösster Challenge im Film wurde denn auch Zürchers grösste Herausforderung in der Realität: die Verfolgungsjagd zwischen Range Rover und einem Sportflugzeug. Dessen Flügel sollten nämlich ganze Bäume abrasieren. Zürcher liess eine 20 Meter breite Schneise anlegen, in der 120-Tonnen-Krane installiert wurden. Damit nicht genug. Der Range Rover musste durch echte Häuser brechen. «Hinten rein, vorne raus», lautete Zürchers schlichte Arbeitsanweisung. «Die üblichen Attrappenhäuser hätten den sieben Metern Schnee im Tirol nicht standgehalten». Die Bond-Produzenten liessen sich nicht lumpen. Es wurden tatsächlich ältere Häuser ab- und am Drehort wieder aufgebaut. Nur, um dann endgültig in Schutt verwandelt zu werden. Als dieser «Zirkus», wie Zürcher die Bond-Truppe halb liebevoll, halb zynisch, nennt, wieder abgezogen war, blieb er zurück. Baute den Parkplatz zurück, forstete die Waldschneise auf. Und fand für das Bruchholz der Trümmerhäuser sogar noch einen Abnehmer. Zürcher, der Generalist, könnte auch Landschaftsgärtner sein. Wer heute in Sölden nach Bonds Spuren forscht, kann lange suchen.

«Von der Logistik her war mein zehnter Einsatz klar mein grösster Bond bisher.» Nicht, dass die bisherigen klein gewesen wären. 1985 verwandelte er für Roger Moore einen Schweizer Gletscher in eine russische Eiswüste. 1987 hinterliess Timothy Dalton Spuren im Schnee des Schweizers. 1999 fuhr er mit Pierce Brosnan Schlitten. Und machte 2008 mit Daniel Craig Bregenz unsicher. 007-Darsteller George Lazenby hat er jüngst wiedergesehen – als sie gemeinsam auf dem Piz Gloria ihre Handabdrücke für die Ewigkeit hinterlassen durften. Doch die Ewigkeit ist dem rüstigen 70 Jährigen noch viel zu früh. Für seine «James-Bond-Familie» würde Zürcher wieder aktiv werden, wenn beim nächsten Mal in Wengen sein Telefon klingeln sollte. In der Zwischenzeit arbeitet er in Interlaken an seinem Golf-Handicap.

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