Attentat auf Synagoge: «Ein Mann mit grossem Messer drehte durch»
Aktualisiert

Attentat auf Synagoge«Ein Mann mit grossem Messer drehte durch»

Nach dem Anschlag in Jerusalem will Israels Ministerpräsident die Häuser der Attentäter zerstören lassen. Ein Augenzeuge beschreibt die schlimmsten Momente seines Lebens.

von
kko
1 / 16
Maskierte Palästinenser mit Beil, Messer und Pistole feiern die Attentäter am 18. November 2014.

Maskierte Palästinenser mit Beil, Messer und Pistole feiern die Attentäter am 18. November 2014.

AFP/Said Khatib
Ein Verwandter zeigt die Bilder der beiden von der Polizei erschossenen Attentäter: Ghassan (r.) und Oday Abu Jamal waren Cousins.

Ein Verwandter zeigt die Bilder der beiden von der Polizei erschossenen Attentäter: Ghassan (r.) und Oday Abu Jamal waren Cousins.

Keystone/AP/Mahmoud Illean
Ein Mitglied der «Volksfront zur Befreiung Palästinas» verteilt Süssigkeiten, um den Anschlag auf die Synagoge zu feiern.

Ein Mitglied der «Volksfront zur Befreiung Palästinas» verteilt Süssigkeiten, um den Anschlag auf die Synagoge zu feiern.

Keystone/AP/Mohammed Zaatari

Der Nahe Osten kommt nicht zur Ruhe. Im Gegenteil: Der Anschlag auf eine Synagoge in Jerusalem könnte die ohnehin aufgewiegelte Stimmung zwischen Israelis und Palästinensern erneut zum Eskalieren bringen. Netanjahu und Abbas senden wütende Worte an die Gegner.

Nach dem aus israelischer Sicht schlimmsten Anschlag im Land seit sechs Jahren mit insgesamt sieben Toten wächst die Angst vor einer weiteren Eskalation des Nahostkonflikts. Israel kündigte bereits wenige Stunden nach der Attacke auf eine Synagoge in Jerusalem am Dienstag an, mit Entschlossenheit darauf zu reagieren. Ein Polizist, der mit Kollegen die beiden palästinensischen Angreifer stoppte, erlag Stunden nach der Attacke seinen Verletzungen.

Israelis sollen sich selbst verteidigen

Netanjahu sagte, er werde die Häuser der Attentäter niederreissen lassen und forderte Strafen für deren Familien.

Weiter werde die Regierung das Gesetz für das Tragen von Waffen lockern – so sollen sich die Israelis selbst verteidigen können. Sämtliche Waffenscheininhaber, Armeeoffiziere und Wachleute sollten ihre Feuerwaffen ständig bei sich haben dürfen.

In Ostjerusalem wurde bereits in der Nacht zum Mittwoch das Haus eines mutmasslichen Gewalttäters abgerissen, der allerdings mit dem aktuellen Fall nichts zu tun hatte. Ein 21-jähriger Hausbewohner hatte im Oktober mit seinem Auto in Jerusalem Wartende überfahren. Die Familie des Palästinensers floh aus ihrem vierstöckigen Haus vor der nächtlichen Sprengung und kam provisorisch bei Angehörigen unter.

Papst Franziskus appellierte derweil eindringlich an Israelis und Palästinenser, einen Weg zum Frieden zu suchen. «Frieden aufzubauen ist schwierig, aber ohne Frieden zu leben ist eine Qual», sagte der Papst in Rom. Er sei sehr besorgt über die wachsenden Spannungen im Heiligen Land.

Unterdessen hat die israelische Stadtverwaltung von Jerusalem am Mittwoch den Bau von 78 neuen Siedlungseinheiten im besetzten Osten der Stadt genehmigt. 50 neue Wohnungen würden in der Siedlung Har Homa angelegt, 28 Wohnungen in der Siedlung Ramot, sagte ein Rathaussprecher der Nachrichtenagentur AFP.

«Jemand erschoss aus nächster Nähe Menschen»

Die beiden Palästinenser seien Cousins gewesen, berichtete der israelische Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Die Angreifer waren nach Angaben der Polizei mit Messern, Äxten und Schusswaffen in das Gotteshaus im ultraorthodoxen Viertel Har Nof im Westen Jerusalems eingedrungen. Sie töteten vier Gelehrte mit doppelter Staatsbürgerschaft, die ursprünglich aus den USA und Grossbritannien stammten. Die Attentäter konnten fünf weitere Menschen verletzen, ehe die Polizei sie erschoss.

Augenzeuge Josef Posternak sagte im israelischen Radio, etwa 25 Menschen seien ins Gebet vertieft gewesen, als plötzlich Schüsse in der Synagoge abgefeuert worden seien. «Ich schaute hoch und sah, wie jemand aus nächster Nähe Menschen erschoss.» Dann sei ein zweiter Mann hereingekommen, mit einem grossen Messer, und «er drehte durch».

Drei der Opfer waren auch US-Bürger

Das israelische Aussenministerium bezeichnete die vier in der Synagoge getöteten Gläubigen als «Rabbis» mit doppelter Staatsbürgerschaft. Drei von ihnen stammten ursprünglich aus den USA. Sie waren 43, 55 und 59 Jahre alt. Der vierte Tote sei ein 68-Jähriger, der 1993 aus Grossbritannien nach Israel einwanderte.

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, bei dem Anschlag seien «unschuldige und reine Juden» ermordet worden. Er machte die Palästinenserorganisation Hamas und den Palästinenserpräsidenten der Fatah-Partei, Mahmud Abbas, für den «grausamen Mord» mitverantwortlich, weil sie zur Gewalt angestachelt hätten. Die Attentäter hatte er zuvor als «Tiere in Menschengestalt» bezeichnet.

Jubelnde Menschen im Gazastreifen

Abbas verurteilte die Tat und mahnte zur Ruhe. Doch warf er Israel seinerseits «Provokationen» und «Aufwiegelung» vor. Israel müsse das Eindringen von Juden auf den Tempelberg stoppen. US-Präsident Barack Obama forderte Politiker und Bürger beider Seiten auf, zusammenzuarbeiten, um Spannungen abzubauen.

Sowohl Israel als auch die Palästinenser versuchten, den Mord als Propaganda für sich zu nutzen. Israel veröffentlichte ein Foto eines Beils, das vom Tatort stamme. Die Aufnahmen zeigten zudem blutüberströmte Gebetsbücher und -schals in der Synagoge. Die radikalislamische Hamas lobte den Mord, im Gazastreifen zogen Dutzende Menschen jubelnd durch die Strassen.

Am Mittwoch sind jüdische Gläubige in das Gotteshaus zurückgekehrt. Sie suchten Trost in einem Gebet.

Papst verurteilt tödlichen Anschlag auf Jerusalemer Synagoge

Papst Franziskus hat den tödlichen Anschlag auf eine Synagoge in Jerusalem verurteilt und zum Dialog im Nahen Osten aufgerufen.

Das Oberhaupt der katholischen Kirche richtete am Mittwoch einen Appell an Israelis und Palästinenser, den «Zyklus von Hass und Gewalt» zu beenden und «mutige Entscheidungen für die Versöhnung und den Frieden» zu treffen.

Er habe die «alarmierende Zunahme der Spannungen in Jerusalem und anderer Gebiete des Heiligen Landes mit Sorge verfolgt», sagte der Pontifex maximus bei seiner wöchentlichen Generalaudienz.

Die Gewaltvorfälle, von denen nicht einmal Gotteshäuser verschont blieben, seien «unannehmbar», erklärte der Papst. Frieden zu schaffen sei schwierig, aber ohne Frieden sei das Leben eine «Qual». (SDA)

Deine Meinung