«Time-Out»: Ein Meisterteam in den Playouts?
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«Time-Out»Ein Meisterteam in den Playouts?

Verrücktes Finale der Qualifikation: Die Kloten Flyers sind inzwischen gut genug, um den Titel zu holen. Aber es ist nicht sicher, dass sie die Playoffs noch schaffen.

von
Klaus Zaugg

Der Mann ist 60 Jahre alt. Aber er sieht aus wie 40. Und er hat Hockey-Weltgeschichte geschrieben: Am 14. Oktober 1979 gab Brett Callighen im Spiel gegen Vancouver in der 19. Minute im Powerplay den Pass zu Wayne Gretzkys erstem Tor in der NHL.

Der Kanadier arbeitet heute erfolgreich als Spieleragent. In dieser Funktion kommt er viel in der Welt herum und er hat viel gesehen. Und doch staunte er am Dienstag im Zürcher Hallenstadion. Nach der 2:4-Niederlage der Kloten Flyers gegen die ZSC Lions sagte er: «Fast nicht zu glauben, dass dieses Kloten um die Playoffs zittern muss.» Eigentlich, so Callighen, müssten diese Klotener um den Titel spielen. Er ist ein neutraler Beobachter. Gerade deshalb ist seine Einschätzung nach diesem intensiven, hochklassigen Zürcher Derby interessant.

Eines der besten Teams der Liga

Der Hockey-Weltreisende aus Toronto hat recht. Die Kloten Flyers haben zurzeit auf dem Papier eines der besten, wenn nicht gar das beste Team der Liga. In der Abwehr vor dem mehrfachen Meister- und Nationalgoalie Ronnie Rüeger steht in jedem der drei Verteidigerpaare mindestens ein Nationalverteidiger oder ein Ausländer. Und in allen vier Sturmlinien fräst mindestens ein Nationalstürmer. Wenn Michael Liniger zurück ist, wird Kloten über vier Linien verfügen, die so gut sind wie der erste oder zweite Sturm in Bern, Fribourg oder bei den ZSC Lions.

Der SC Bern ist in der Abwehr durch Verletzungspech arg geschwächt. Der HC Davos und der HC Lugano befinden sich in einer Phase des Umbruchs. Zug hat halt schon ein wenig eine Lotterabwehr. Fribourg-Gottéron hat selbst mit Slawa Bykow und Andrej Chomutow im Titelkampf immer versagt. Die ZSC Lions sind in der Schlussphase der Qualifikation das einzige Spitzenteam ohne Sorgen. Das bedeutet: Die Kloten Flyers haben jetzt das Talent, die Erfahrung, die Tiefe im Kader und die taktische Reife, um die Meisterschaft zu gewinnen.

Logik des Scheiterns nicht durchbrochen

Aber es ist noch nicht einmal sicher, dass die Klotener die Playoffs erreichen. Nach wie vor ist es ihnen nämlich nicht gelungen, die Logik des Scheiterns zu durchbrechen. Diese Logik hatten wir nach der Nationalmannschaftspause für den Qualifikations-Schlussspurt so definiert:

15. Februar

Biel-Ambri

Davos-Kloten

Biel gewinnt, Kloten verliert.

8. Biel 63 Punkte

9. Kloten 62 Punkte.

16. Februar

Bern-Biel

Kloten-Lakers

Biel verliert, Kloten gewinnt

8. Kloten 65 Punkte

9. Biel 63 Punkte.

19. Februar

ZSC Lions-Kloten

Kloten verliert

8. Kloten 65 Punkte

9. Biel 63 Punkte

Bisher ist es genauso gelaufen, wie von uns vorausgesagt. Nun sind noch drei Partien zu spielen und unsere Prognose lautete so:

22. Februar

Fribourg-Kloten

Biel-ZSC Lions

Kloten verliert, Biel verliert.

8. Kloten 65 Punkte

9. Biel 63 Punkte.

23. Februar

SCL Tigers-Biel

Kloten-Servette

Biel gewinnt, Kloten gewinnt

8. Kloten 68 Punkte

9. Biel 66 Punkte

26. Februar

Biel-Zug

Lugano-Kloten

Biel gewinnt, Kloten verliert

8. Biel 69 Punkte

9. Kloten 68 Punkte.

Biel in den Playoffs, Kloten in den Playouts.

Die Manager in Bern, Zürich, Fribourg und sonstwo sollten den Hockeygöttern auf den Knien danken, wenn diese logische Prognose am Ende stimmt. Dann nämlich ist zum ersten Mal in der Geschichte unserer Playoffs (seit der Saison 1985/86) eine Mannschaft in die Playouts verbannt, die den Titel gewinnen könnte.

Diese ganz besonders reizvolle Ausgangslage verdanken wir dem Strategie-Wechsel der Kloten Flyers. Dieser spektakulärste Kurswechsel unserer neueren Hockeygeschichte lässt sich in einem Satz erklären. Die Kloten Flyers begannen die Saison mit zwei Ausländern. Gegen die ZSC Lions hatten sie am Dienstag zwei überzählige Ausländer auf der Tribüne.

Nach Turbulenzen erstaunlich stabil

Trainer Tomas Tamfal hat die Mannschaft während einer stürmischen Qualifikation auf Kurs gehalten. Und die Spieler haben sich zusammengerauft. Mit ziemlicher Sicherheit hätte keine andere Mannschaft die monatelangen Turbulenzen im Kern unbeschadet überstanden.

Die Frage ist erlaubt: Wo würden die Klotener stehen, wenn sie von allem Anfang an vier starke Ausländer und nicht so viel Verletzungspech gehabt hätten? Mit ziemlicher Sicherheit irgendwo zwischen Platz zwei und fünf. «Das sind reine Spekulationen», sagt Trainer Tomas Tamfal gegenüber 20 Minuten Online. «Wenn wir die Playoffs erreichen wollen, dann dürfen wir uns nicht ablenken lassen und müssen alles ausblenden, was unsere Konzentration aufs Spiel stört. Wir müssen vorwärtsblicken.» Er ahnt: Jetzt zurückblicken und mit dem Schicksal hadern hätte ähnliche Folgen wie der Blick zurück auf Sodom und Gomorrha für Lots Weib. Sie erstarrte zur Salzsäule. Blicken die Klotener jetzt zurück, erstarren sie zu Playoutisten.

Tamfal mit wichtiger Rolle

Was wir hingegen jetzt schon wissen: Tomas Tamfal ist ein Kandidat für den Titel «Trainer des Jahres». Er war genau der richtige Bandengeneral in diesen turbulenten Monaten. Der fachlich hoch qualifizierte «Hockey-Technokrat» ohne Charisma hat sich durch die Vorgänge neben dem Eis nie ablenken lassen und sich in der Öffentlichkeit nur zu hockeytechnischen Dingen geäussert. So hat er die Spieler und sich selbst weitgehend von Polemik verschont. Der perfekte Übergangstrainer. Es ist mehr als fraglich, ob der charismatische Leitwolf Felix Hollenstein diese schwierigen Zeiten unbeschadet überstanden hätte. Es ist besser, wenn er erst nach Kloten zurückkehrt (so er denn zurückkehr), wenn sich der Pulverdampf verzogen, wenn der Macht- und Strategiewechsel vollzogen ist. Und letztlich hat sich auch Wolfgang Schickli (voraussichtlich nächste Saison Langnaus Manager) mit seiner Unbeirrbarkeit als der richtige Übergangsmanager erwiesen. Nun kommen andere Zeiten und die erfordern andere Männer.

Jetzt, da es in die letzten Spiele der Qualifikation geht, ist das Hockeyunternehmen der Kloten Flyers nicht nur wirtschaftlich längst saniert, sondern auch in einer erstaunlich guten sportlichen Verfassung. Es wäre zwar unlogisch, aber es wäre kein Hockeywunder, wenn die Playoffs erreicht und dort der Vorstoss bis ins Halbfinale gelingen würde.

Der Vertrag von Trainer Tomas Tamfal ist jederzeit auf drei Monate kündbar. Aber er hat die Kündigung noch nicht erhalten. Trotzdem gibt es für ihn bei den Kloten Flyers keine Zukunft mehr. Doch nach allem, was er in dieser Saison in Kloten geleistet hat, dürfte für ihn bei einem anderen Hockeyunternehmen eine Tür aufgehen und sein Wunsch in Erfüllung gehen, weiterhin in der Schweiz arbeiten zu können.

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