Von Athleten gelernt: Ein Missionar macht Kenias Läufern Beine
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Von Athleten gelerntEin Missionar macht Kenias Läufern Beine

David Rudisha stellte beim 800-Meter-Lauf einen Weltrekord auf. Hinter dem Erfolg steht der irische Ordensbruder Colm O'Connell. Von Leichtathletik verstand der anfangs nichts.

von
Senta Keller

Der Kenianer David Rudisha überraschte am Donnerstag alle im Olympiastadion. Er ist nicht nur der erste Mensch, der die 800 Meter unter 1:41 Minuten lief – 1,40,91 leuchtete nach seinem Wunderlauf auf der Anzeigetafel auf. Die Leistung des 23-Jährigen ist damit der einzige bisher in London aufgestellte Weltrekord. Auch sein Start-Ziel-Sieg in höchst überlegener Manier sucht seinesgleichen. Nicht ganz unschuldig am Erfolg Rudishas ist ausgerechnet ein Mann, der äusserlich nicht grade als Sportskanone durchgeht und als Missionar auch nicht unbedingt mit Top-Athleten in Verbindung gebracht würde: Die Rede ist von seinem Trainer, dem 63-jährigen Colm O'Connell.

Der irische Ordensbruder ist ein kleiner Brillenträger, hat rote Wangen und ein dezentes Bäuchlein. Doch wie so oft – die Optik täuscht. Der Missionar hat fünf Olympiasieger und 25 Weltmeister hervorgebracht. Er gilt als erfolgreichster Strecken-Trainer der Welt. Und das, obwohl er ursprünglich keine Ahnung von Leichtathletik hatte.

Als Geographie-Lehrer angefangen

1976 kam das Mitglied des Patrizierordens nach Kenia und liess sich im 2400 Meter über Meer gelegenen Iten nieder. An der St. Patrick Highschool trat er einen Job als Geographie-Lehrer an. Er mochte Leichtathletik, mehr nicht. An freien Nachmittagen half er den Turnlehrern, die Schüler zu beschäftigen. Als Peter Foster, der Bruder des britischen Athleten Brendan Foster, das Training des athletischen Programms abgab, übernahm O'Connell. «Ich hatte einen Dreijahres-Vertrag. Jetzt nach 35 Jahren bin ich immer noch hier», sagte er im Januar 2012 dem «Independent».

Der Erfolg liess nicht lange auf sich warten. Bruder Colm trainierte seine Athleten für regionale und nationale Schülermeisterschaften. 1986 sollte er das kenianische Team für die Junioren-Weltmeisterschaften in Athen zusammenstellen. Er wählte neun Läufer aus. Sieben von der St. Patrick Highschool. Mit neun Medaillen kamen sie nach Hause, davon vier Goldenen. «Damals habe ich realisiert, dass wir etwas Besonderes haben», sagte er dem «Telegraph». 1988 coachte er mit Peter Rono, dem 1500-Meter-Läufer, seinen ersten olympischen Goldmedaillen-Gewinner.

Von den Athleten gelernt

Bruder Colm ist zu einem grossen Teil dafür verantwortlich, dass die kenianischen Strecken-Läufer in den vergangenen Jahren immer besser wurden. Bei den Weltmeisterschaften in Deagu im Jahr 2011 gewannen die Kenianer 17 Medaillen. Zehn der Gewinner durchliefen ihre Ausbildung in St. Patrick. «Ich hatte keine Ahnung, als ich anfing. Aber ich lernte von den Athleten», erklärte O'Connell vor einem Jahr dem «Guardian». Er habe ihr Training beobachtet und mit ihnen besprochen, was funktioniert. «Ich habe auch ein paar wenige Bücher über Coaching gelesen und mit einigen anderen Trainern gesprochen, die ich bei Wettkämpfen traf. Erst fünf Jahre später habe ich angefangen, Technisches über den Sport zu lernen.»

Mit den Erfolgen kamen die Wissenschaftler, die das Geheimnis der kenianischen Läufer ergründen wollten. «Es wurde schon so viel geforscht. Physiologie, Klima, Höhe, Ernährung und Genetik wurden untersucht.» Aber niemand scheint eine zufriedenstellende Antwort gefunden zu haben.» «Die Menschen kommen hierher, um ein Geheimnis zu finden, aber wissen Sie, was das Geheimnis ist? Dass man denkt, es gibt ein Geheimnis. Aber es gibt keines», sagte O'Connell gegenüber einem Journalisten des «Guardian». Es gebe keine Unterwasser-Laufbänder und keine Eisbäder in St. Patrick. Sein Erfolg liege allein in der harten Schinderei der Athleten und dem Wunsch der jüngeren Schüler, den erfolgreichen Athleten nachzueifern.

Hinzu komme, dass in dieser Region eine positive Renn-Kultur geschaffen worden sei – wer den Sport professionell ausübe, komme nach St. Patrick, um zu trainieren. Ausserdem habe er stets junge Athleten gefördert. Zentral für die Erfolgsgeschichte von St. Patrick sei auch das einfache Leben in Iten, die klösterliche Arbeitsethik der Läufer, die auch auf rotem staubigem Boden Spitzengeschwindigkeiten hinlegen.

Bruder Colm bleibt in Iten

O'Connells Erfolg führte dazu, dass neben St. Patrick das erste Höhen-Trainingscenter in Kenia aufgebaut wurde. Erst nur für Frauen, jetzt auch für Männer wie Rudisha. Seit 1994 arbeitet Bruder Colm nicht mehr als Lehrer. Aber er lebt noch immer in einem Haus auf dem St. Patrick Grundstück und geht seiner Arbeit als Coach nach. Bezahlt wird er dafür nicht. Als Bruder des Patrizierordens dürfen nur seine Unkosten gedeckt werden. Geldbesitz ist nicht erlaubt.

Das abgeschiedene Iten verlässt er selten. Er ist kaum je mit an die internationalen Wettkämpfe gereist. «Nein, ich war noch nie bei Olympischen Spielen oder einer Weltmeisterschaft dabei», sagt er. Das sei nie eine seiner Prioritäten gewesen. «Ich bin damit aufgewachsen, nicht mit dem kenianischen Team mitzureisen. Damals begleiteten wenig Menschen ihre Teams. Ich schaue mir das ganze im Fernsehen an», sagte er im Januar 2012 gegenüber dem «Telegraph». Er wird gestern mit seinem Athleten zufrieden gewesen sein.

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