Prozess: Ein Mord aus Hass
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ProzessEin Mord aus Hass

Zum Auftakt des Prozesses um den Mord an der Ägypterin Marwa al-Sherbini im Landgericht Dresden hat die Anklage die Heimtücke und die niederen Beweggründe der fremdenfeindlichen Tat betont: «Es war blosser Hass auf Nichteuropäer und Muslime», sagt Oberstaatsanwalt Frank Heinrich.

Der Angeklagte Alex W. habe die schwangere Frau und ihren Ehemann am 1. Juli im Landgericht angegriffen, «um sie zu töten», und weil er Nichteuropäern und Muslimen kein Lebensrecht zubillige, sagte der Oberstaatsanwalt weiter.

Der 28 Jahre alte Russlanddeutsche war damals wegen Beleidigung angeklagt. Er soll Marwa al-Sherbini wegen ihres Kopftuchs als «Terroristin», «Islamistin» und «Schlampe» beschimpft haben. Nun muss er sich wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Ihm droht eine lebenslange Haftstrafe.

Sicherheit gross geschrieben

200 Polizisten, Scharfschützen, Panzerglas im Gericht - der Prozess, der international für Aufsehen sorgt, begann unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Das Gericht glich einer Festung. Das Medieninteresse war enorm.

Nach einer Unterbrechung wegen eines Befangenheitsantrags der Verteidigung sagte der Ehemann der getöteten Ägypterin aus. Der 32- jährige Elwy Ali Okaz schilderte das Geschehen weitgehend klar und gefasst in arabischer Sprache.

Demnach hatte das Paar mit seinem dreijährigen Sohn gerade den Gerichtssaal verlassen wollen, als Alex W. angriff. Es sei eine Sache von Minuten gewesen. Zunächst sei seine Frau geschlagen und geschubst worden. Als er sie verteidigen wollte, habe auch er zunächst Schläge abbekommen.

Elwy Ali Okaz bemerkte das Messer erst, als der Täter schon mehrfach zugestossen hatte. Dann seien Leute in den Saal gekommen und ein Schuss gefallen. Kurz darauf habe er das Bewusstsein verloren.

Messerstiche und ein Polizeischuss

Al-Sherbini und ihr Mann erlitten jeweils mindestens 16 Messerstiche. Den Schuss gab ein Beamter der Bundespolizei irrtümlich ab, er hatte den Ehemann für den Angreifer gehalten und ihm ins Bein geschossen. Elwy Ali Okaz stellte klar, dass seine Frau Alex W. nicht selbst angezeigt hatte. Offenkundig wurde von Amts wegen ermittelt, denn die Frau hatte damals die Polizei gerufen.

Alex W. verweigerte zu Beginn des Prozesses alle Auskünfte. Er war an Händen und Füssen gefesselt in den Gerichtssaal gebracht worden. Sein Gesicht verdeckte er mit einer Kapuze und einer Sonnenbrille. Er lebt seit 2003 in Deutschland und war zuletzt arbeitslos. Laut Gutachten ist er voll schuldfähig.

Weltweites Entsetzen

Der Mord im Gerichtssaal hatte weltweit Entsetzen ausgelöst, in der arabischen Welt waren Rufe nach Vergeltung laut geworden. Im Vorfeld des Prozesses gab es einen Mordaufruf gegen den Angeklagten.

Unter den Prozessbeobachtern am Montag war auch Ägyptens Botschafter in Deutschland, Ramzy Ezzeldin Ramzy. Er erwartet einen fairen Prozess: «Ich habe grosses Vertrauen in die deutsche Justiz.»

Der Mord an Al-Sherbini habe das Verhältnis der Deutschen zur arabischen und islamischen Welt sehr getrübt, sagte der Zentralratspräsident Ayyub Axel Köhler, der Nachrichtenagentur dpa. «Deutschlands Ruf hat sehr gelitten. Die Politik verdrängt die Islamfeindlichkeit, sie verdrängt die Folgen solcher Erscheinungen.»

Richterin: Kein politisches Verfahren

Die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand machte zu Prozessbeginn deutlich, dass es sich um kein politisches Verfahren handle. Alle Beteiligten sollten dem Rechnung tragen. Es gehe darum, den Tod einer jungen Frau aufzuklären, «deren Würde in diesem Verfahren auch gewahrt werden muss», mahnte sie zudem.

(sda)

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