Frankreich: Ein Nazi-Film verängstigt die Kinobetreiber
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FrankreichEin Nazi-Film verängstigt die Kinobetreiber

Kinobetreiber in ganz Frankreich nehmen den sozialkritischen Film «Un Français» aus dem Programm. Was steckt dahinter? 20 Minuten hat nachgefragt.

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Der französische Regisseur Patrick Asté alias Diastème ist «verblüfft» und «wütend». Eine Woche vor der Erstaufführung seines Films «Un Français» haben 42 von 50 Kinobetreibern in Frankreich die Aufführung abgeblasen – aus Angst.

«Un Français» ist das französische Pendant zum US-Drama «American History X». Die Geschichte handelt von Skinhead Marco, «einem Saukerl, der sich vom Hass und der Gewalt befreit und sich in einen guten Menschen verwandelt», beschreibt Regisseur Diastème sein Werk. Das Drehbuch stützt sich auf die wahre Geschichte des 18-jährigen Clément Méric, Mitglied einer Linksbewegung, der am 5. Juni 2013 von drei Skinheads am Pariser Bahnhof Saint-Lazare zu Tode geprügelt wurde.

Angst vor Vergeltungsaktionen?

Die Erstaufführung am 2. Juni war in 50 Kinosälen in ganz Frankreich geplant. Nach der Ausstrahlung des Films hätten Debatten mit lokalen Organisationen stattfinden sollen.

Doch dann kippte die Mehrheit der Kinobetreiber die Veranstaltung aus dem Programm – und die Produktionsfirma Mars Films glaubt zu wissen, wieso: In den letzten Wochen hatten anonyme Nutzer auf sozialen Netzwerken eine «böswillige Hetzkampagne gegen den Film geführt», heisst es in einem Communiqué. Französische Medien spekulieren, dass die Kinobetreiber sich vor Vergeltungsaktionen der Rechtsradikalen fürchten könnten.

Auf seinem Blog macht der Regisseur seinem Ärger Luft: «Wenn das so bleibt, heisst das, dass der Film vor seinem Start bereits gestorben ist. Er kommt nicht in die Kinosäle, obwohl Filmkritiker mir ständig sagen, wie ‹wichtig› und ‹nötig› mein Film ist.»

«Rechtsextreme müssen heute nicht mehr auf Gewalt zurückgreifen»

20 Minuten fragte Frankreich-Experte Gilbert Casasus, Professor für Europastudien an der Universität Freiburg, nach den Hintergründen.

Herr Casasus, wovor fürchten sich die Kinobetreiber?

Die Debatte, die der Film «Un Français» in den französischen Medien generiert hat, muss man mit Vorsicht betrachten. Es hat tatsächlich im Jahr 1988 ein Vorfall gegeben, als der Film «Die letzte Versuchung Christi» von Martin Scorsese in die Kinos kam. Damals gab es aus der rechtsextremen Ecke Demonstrationen und Anschläge auf den Film. Das hat viele Kinobetreiber eingeschüchtert. Ob das hier der Fall ist, ist fraglich. Es riecht mehr nach einer ausgeklügelten PR-Kampagne für einen Regisseur, der in seinem Land kaum bekannt ist.

Wie gross ist also die Gefahr, dass es bei der Ausstrahlung des Films zu Gewaltausbrüchen kommt?

Nicht gross. Heute ist die französische Jugend aufgeklärt und die Toleranz in der französischen Gesellschaft ist viel grösser als noch vor 15 Jahren. Man darf nicht vergessen, dass nach dem Anschlag auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» am 11. Januar vier Millionen Menschen auf die Strasse gingen, um gegen Rassismus zu protestieren.

Wie stark ist die Skinhead-Szene heute in Frankreich?

Grundsätzlich kann man sagen, dass je schwächer eine politische Bewegung ist, desto gewaltsamer wird sie. Heute ist der rechtsextreme Front National salonfähig geworden. Die Partei gewinnt mit 25 bis 30 Prozent bei den Wahlen. Das heisst, die Rechtsextremen braucht nicht mehr auf Gewalt zurückzugreifen, um ihre Stimme hörbar zu machen.

Wie viele ehemalige Skinheads sitzen heute wie anständige Politiker mit Krawatte im Front National (FN)?

Eine genaue Zahl ist nicht bekannt. Es ist aber tatsächlich so, dass die Partei gesellschaftsfähig geworden ist. Nicht in Hinblick auf ihre Ideen. Die sind gleich geblieben, aber schon in Hinblick auf die Art und Weise, wie sie sich in der Öffentlichkeit präsentiert und wie sie Anhänger rekrutiert.

Inwiefern spiegelt der Film «Un Français» die Situation der Rechtsextremen in Frankreich wider?

In gewissen Kreisen ist die rechtsextreme Szene noch präsent. Aber es muss auch gesagt werden, dass die Tendenz klar rückgängig ist.

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