Jurafrage: Ein neuer Kanton – oder gestärkte Berner?
Aktualisiert

JurafrageEin neuer Kanton – oder gestärkte Berner?

Wie soll es mit dem Jura weitergehen? Heute hat die Interjurassische Versammlung einen entsprechenden Bericht veröffentlicht – und präsentierte zwei Varianten. Nun soll das Volk entscheiden.

Zwei Modelle legte die Interjurassische Versammlung vor: Zum einen das Modell «Status Quo plus». Es sieht vor, dass der Berner Jura beim Kanton Bern bleibt. Seine Stellung soll aber weiter gestärkt werden. Ein Modell, das wenig Risiken birgt, dafür aber auch nicht so wirkungsvoll ist.

Das zweite Modell ist ein kühnerer Wurf, deshalb aber auch mit grösseren Risiken behaftet. Es sieht vor, aus dem Berner Jura und dem heutigen Kanton Jura einen neuen Kanton zu schaffen. Die drei Amtsbezirke des Berner Juras und die drei Bezirke des Kantons Jura sollen zu einem neuen Kanton zusammengeführt werden. Dabei sollen die insgesamt 132 Gemeinden, die Ende 2008 in der Region bestanden, zu sechs Grossgemeinden fusionieren. Die Stadt Moutier wäre der Hauptort des neuen Kantons.

Die Lösung der Jurafrage müsse im interjurassischen Dialog erfolgen, schreibt die Interjurassische Versammlung in ihrem Fazit. Der Dialog soll in der gemeinsamen Institution, die die Versammlung verkörpere, weitergeführt werden. Später soll das Volk entscheiden, welche Lösung es will. Dazu müssten die Kantone Bern und Jura unter Federführung des Bundes eine Volksabstimmung organisieren.

Eine Minderheit der Interjurassischen Versammlung lehnt dies jedoch strikte ab. Die Bevölkerung im Berner Jura habe sich bei entsprechenden Abstimmungen stets für den Verbleib beim Kanton Bern ausgesprochen. Diesen Volkswillen gelte es zu respektieren.

Wiedervereinigung verworfen

Eine reine Wiedervereinigung der sechs Bezirke im Sinne eines Anschlusses wurde verworfen. Die Gründung eines neuen Kantonsgebildes müsse für die interjurassische Gemeinschaft und ihre Institutionen einen Mehrwert hinsichtlich Glaubwürdigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität bewirken. In dem Bericht wird darauf hingewiesen, dass die Gründung eines neuen, aus sechs Gemeinden bestehenden Kantons nach dem von der IJV skizzierten Muster in finanzieller Hinsicht existenzfähig und sogar von Vorteil ist.

Berner Regierung gibt sich sechs Monate

Die Berner Kantonsregierung will den am Montag von der Interjurassischen Versammlung vorgestellten Bericht zum Berner Jura prüfen und die weiteren Schritte definieren. Auch wenn der Bericht keinen abschliessenden Lösungsvorschlag enthalte, seien die Inhalte für die Zukunft der Region von grosser Bedeutung. Die Regierung werde keine Lösung favorisieren, ohne zuvor die Auswirkungen auf die Stadt Biel aber auch auf die Beziehungen zwischen der Region Biel und dem Berner Jura vertieft abgeklärt zu haben. Für die Analyse des Berichts veranschlagt der Kanton Bern rund sechs Monate.

Die berntreuen Gruppierungen Force Démocratique und Sangliers liessen erwartungsgemäss kein gutes Haar an dem Bericht. Force Démocratique wirft der Interjurassischen Versammlung vor, die Variante eines neuen Kantons zu favorisieren, was einer Annexion des Berner Jura gleichkomme. Der anderen Variante habe die Interjurassische Versammlung nicht die nötige Aufmerksamkeit geschenkt, kritisieren auch die Sangliers.

Lage ist ruhig

Die Lage in Moutier präsentierte sich ruhig. Einzig das Gebäude, in dem der Bericht präsentiert wird, war unter Polizeischutz. Militante Aktivisten sind bisher nicht in Erscheinung getreten, wie ein Augenschein vor Ort eines SDA-Korrespondenten ergab. Moutier hatte sich auch für einen Aufmarsch militanter Kräfte sowohl von Seiten der Berntreuen wie der Separatisten gewappnet. Die Stadt hatte zu Ruhe und Besonnenheit aufgerufen.

(Quelle: SDA/AP)

30 Jahre Suche nach einer Lösung

Die Schaffung des Kantons Jura 1979 vermochte die Jurafrage nicht endültig zu lösen. Das Tauziehen um die «Wiedervereinigung» des bernischen Südjuras mit dem Kanton Jura dauerte an. Hier die wichtigsten Entwicklungen:

1. Jan. 1979: Nach einer Serie von Volksabstimmungen entsteht aus drei nördlichen Bezirken des ehemaligen bernischen Jura der Kanton Jura als 26. Stand der Eidgenossenschaft. Die drei südlichen Bezirke und das Laufental bleiben bei Bern, letzteres wechselt 1994 zu Basel-Landschaft.

Ab 1984: Wiederaufflammen der Gewalt: Zusammenstösse zwischen jurassischen «Béliers» und anti-separatistischen «Sangliers», Bomben- und Brand-Anschläge von Separatisten, 1993 Tod des Bélier- Bombenlegers Christophe Bader bei einem versuchten Bombenanschlag in Bern, Entwendung des Unspunnensteins durch Separatisten.

1990-1993: Der Bundesrat setzt eine Konsultativkommission unter alt Nationalrat Sigmund Widmer ein (»fünf Weise»). Diese schlägt 1993 die Schaffung eines neuen Kantons vor, in dem sich der heutige Kanton Jura und der Berner Jura vereinen sollen.

1993: Das Berner Stimmvolk nimmt die neue Kantonsverfassung an, die dem Berner Jura eine «besondere Stellung» zubilligt.

25. März 1994: Der Bundesrat und die Kantone Bern und Jura verständigen sich auf einen Jura-Dialog. Nahziel ist die Versöhnung, Fernziel allenfalls die Wiedervereinigung des Jura. Gesprächsplattform wird die Assemblée interjurassienne (AIJ).

2002-2004: Die bernische Regierung arbeitet ein Sonderstatut für den Berner Jura und Welschbiel aus. Die Gebiete erhalten eine beschränkte Autonomie im Schul- und Kulturbereich.

2002: Die jurassische Autonomiebewegung MAJ, entstanden 1994 aus dem Rassemblement Jurassien der Unité Jurassienne, gibt mit ihrer Initiative «Un seul Jura» den Anstoss zu neuen Bemühungen für eine Jura-Wiedervereinigung.

7. Nov. 2005: Die Regierungen der Kantone Bern und Jura beauftragen unter der Ägide von Bundesrat Blocher die AIJ, Studien über die Zukunft der jurassischen Region auszuarbeiten.

2006-2008: Die AIJ zeichnet verschiedene Optionen auf: Die Vereinigung von Jura und Berner Jura (eventuell mit sechs Grossgemeinden), die Schaffung von zwei Halbkantonen, oder die Stärkung des Berner Jura innerhalb des Kantons Bern.

4. Mai 2009: Die AIJ legt ihren Schlussbericht vor. (sda)

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