«Time-Out»: Ein neuer Reto von Arx?
Aktualisiert

«Time-Out»Ein neuer Reto von Arx?

Die Playoffs 2011 haben doch noch einen neuen Helden: Klotens Michael Liniger (34). Ist er der neue Reto von Arx?

von
Klaus Zaugg

Ausgerechnet der Langnauer Michael Liniger entscheidet das fünfte Spiel mit seinem Tor zum 4:3 (nach 74:58 Min.) in der Verlängerung. Er hatte auch das 3:3 erzielt, das offiziell Mark Bell zugeschrieben worden ist. Er entschied bereits die zweiten Halbfinalspiel gegen den SC Bern in der Verlängerung (nach 64:39 Min.) den Sieg (3:2). Wahrlich ein Mann der wichtigen Tore.

Seine Fans verehren ihn schon lange als den wahren Reto von Arx. Reto von Arx ist der ultimative Langnauer Hockeyheld, der als charismatischer Leitwolf den HC Davos schon zu vier Titeln (2002, 2005, 2007 und 2009) geführt hat.

Michael Lingier gehörte zu den Helden des Langnauer NLA-Aufstiegsteam von 1998, wechselte im Sommer 2000 für eine Saison nach Biel in die NLB, kehrte bei Ambri in die NLA zurück (2001 bis 2005), spielte noch einmal zwei Jahre in Langnau und stürmt nun seit 2007 für die Kloten Flyers. Er kommt aus einer grossen Sportlerfamilie. Sein Vater Max, Kult-Sekundarlehrer, ehemaliger Sommertrainer und TK-Chef des SC Langnau und Handball-Nationalspieler, war auch ein gefeierter Filmstar. Im Film «Hast noch der Söhne ja» spielte er 1959 unter der Regie von Lukas Ammann inmitten von Grössen wie Schaggi Streuli, Walter Roderer und Heinrich Gretler eine Hauptrolle und wurde im Emmental heiss verehrt wie George Clooney. Seine Söhne haben die Sportbegeisterung geerbt: Andreas Liniger führte in den 1990er Jahren (bis 1993) während der «Ära Bykow» zeitweise den dritten Sturm und hatte nicht einmal Angst vor dem bösen SCB-Leitwolf Alan Haworth. Daniel Liniger gehörte jahrelang zu den besten Erstliga-Stürmern.

Wir sind kurz vom Thema abgekommen. Es geht um die Frage: Ist Michael Liniger Klotens Antwort auf Reto von Arx? Nein, das ist er nicht. Reto von Arx ist der talentiertere Spieler und die eigenwilligere, charismatischere Persönlichkeit. Ein Emmentaler Urgestein und auch 15 Jahre nach seinem Wechsel nach Davos hinauf spricht er noch immer breitestes Berndeutsch. Durch seine Freundschaft mit Trainer Arno Del Curto spielt er auch neben dem Eis eine wichtige Rolle. Anders als Michael Liniger passt er nicht ins urbane Gross-Zürich passen.

Michael Liniger ist im Wesen und Wirken kein Hardcore-Emmentaler. Er verkörpert eher den modernen, pflegeleichten Emmentaler des 21. Jahrhunderts, der in Bern oder Zürich nicht mehr auffällt. Anders als Reto von Arx spielte er in der Nationalmannschaft noch nie eine Rolle und hätte nicht die Chuzpe, um ein Aufgebot abzulehnen. Er spielt in der gleichen Position (Mittelstürmer) wie Reto von Arx, ist aber weniger schlau und durchtrieben und kann das Spiel nicht so in allen drei Zonen dominieren. Das zeigt auch seine Punkteproduktion: Reto von Arx hat bisher fast 0,90 Punkte pro Spiel gebucht. Bei Michael Liniger sind es knapp 0,40 und anders als sein grosses Vorbild wird er nie Topskorer des Teams sein. Die Statistik in diesen Playoffs: 12 Skorerpunkte für Reto von Arx (1 Tore/11 Assists) aus 13 Spielen. 7 Punkte (3 Tore/4 Assists) aus 17 Partien für Michael Liniger.

Reto von Arx ist in Davos DAS Alphatier. Aber Michael Liniger in Kloten in der Hierarchie nie vor den wichtigsten einheimischen Spielern stehen. Eher ist er ein Leitwolf wider Willen: Einer, der sich in den Dienst der Mannschaft stellt, hin und wieder – so wie in diesen Playoffs – vorübergehend zum Leader wird und im Rampenlicht erscheint und dann wieder die zweite Geige spielt. Er ist in dieser Liga einer der besten Geiger in der zweiten Reihe.

Michael Liniger hat für die Kloten Flyers ein hochstehendes Spiel entschieden. Ist noch besseres Hockey möglich? Nein. Am Samstag haben wir eine der hockeytechnisch besten Playoff-Partien der Neuzeit gesehen: Maximales Tempo, maximale Disziplin, maximale Härte, maximale Intensität, aber auch maximaler gegenseitiger Respekt.

Wir haben den Pulverdampf der Härte und der Provokationen gerochen. Schon nach 14 Sekunden muss Reto von Arx wegen eines Stockschlages gegen Tommi Santala auf die Strafbank. Mark Bell fährt nach seinem 1:0 Torhüter Leonardo Genoni über den Haufen und kassiert zwei Minuten. Plexiglas und Bande müssen je einmal repariert werden. Und schliesslich würzte eine Prise Hollywood-Spannung und Drama den Spielverlauf: Der HC Davos ist nach dem 3:1 schon fast Meister. Vielleicht denken das die Spieler auch. Sie werden eine Spur zu passiv, versuchen den Vorsprung zu verwalten und werden schliesslich von den Kloten Flyers überrolt.

Die Davoser hätten durch die Entfesselung aller Energien in den letzten fünf Minuten den Titel doch noch holen können – aber es kommt nicht zu einem Schlussspurt. Im Gegenteil. Arno Del Curto muss nach dem 3:3 ein Time-Out nehmen um Ebbe und Flut des Spiels wieder unter Kontrolle zu bringen.

Michael Liniger ein neuer Reto von Arx? Ich habe diese Frage mit «Nein» beantwortet. Aber wenn die Kloten Flyers als erste Mannschaft in unserer Geschichte im Finale nach einem 0:3 den Titel holen, dann ist dieses Fragezeichen durch ein Ausrufezeichen zu ersetzen. Der HCD hat nun im Finale die erste unerwartete, schmerzhafte, richtige Niederlage erlitten. Am Dienstag werden wir sehen, ob der wahre HC Davos (und der wahre Reto von Arx) wieder aufstehen. Oder ob die Kloten Flyers (mit Michael Liniger) vom Aussenseiter zum ernsthaften Titelanwärter gereift sind.

Oder war es ein Irrtum, die Mannschaft im Finale als Aussenseiter zu bezeichnen, die Meister SC Bern im siebten Spiel aus den Playoffs gekippt hat?

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