Vladimir Petkovic: Ein neuer Stil in der Schweizer Nati
Aktualisiert

Vladimir PetkovicEin neuer Stil in der Schweizer Nati

An der Seitenlinie der Schweizer Fussball-Nati fand in den letzten Tagen ein Generationenwechsel statt. Der Unterschied zwischen Ottmar Hitzfeld und Vladimir Petkovic ist spürbar.

von
Sandro Compagno und Eva Tedesco

Es sind jetzt schon Unterschiede erkennbar zwischen der Ära Hitzfeld (2008 bis 2014) und der jungen Amtszeit seines Nachfolgers Vladimir Petkovic, von der noch unklar ist, ob sie dereinst als Ära oder Episode in die Geschichte des Schweizer Fussballs eingehen wird. Dabei lassen wir System-Diskussionen nach 4-2-3-1 oder 4-3-3 einfach mal bleiben. Erstens geht es dabei um Nuancen und zweitens hielt Petkovic am Tag nach dem 0:2 gegen England fest: «Das System ist unwichtig.»

Imposante Erscheinung

Einen (ebenfalls unwichtigen) Unterschied hat ausgerechnet die zurückhaltende «NZZ» am Montagabend in Basel erkannt und Petkovic kategorisch als «bestgekleideten Schweizer Fussball-Coach der letzten Jahrzehnte» beschrieben. Das liegt nicht etwa daran, welche Anzüge er trägt, sondern wie er das tut. Mit 1,91 m Körpergrösse, seinem gebräunten Teint und den grauen Haaren ist Petkovic eine imposante, attraktive Erscheinung.

Ein weiterer Unterschied wurde am Dienstagvormittag offenkundig: Wie Hitzfeld hält auch Petkovic am Mediengespräch am Tag nach dem Spiel fest - im kleinem Kreis, ohne den Druck des nahenden Redaktionsschlusses. Im Gegensatz zu Hitzfeld, dem man bei Niederlagen beim Altern förmlich zusehen konnte, tritt Petkovic frisch und selbstsicher vor die Medien. Er spricht Deutsch, obwohl er sich im Italienischen wohler fühlt. Er habe ausgezeichnet geschlafen, sagt der 51-Jährige, lacht und streicht sich mit den Händen über die Wangen: «Schauen Sie mich an. Das ist kein Lifting!» Er ist lockerer gekleidet als am Vorabend: Erneut trägt er ein schwarzes Sakko über dem weissen Hemd, diesmal aber keine Krawatte, dafür Jeans.

Der ungeliebte «Jugoslawe»

Petkovic ist ein Mensch, der viel Selbstvertrauen ausstrahlt und bemüht ist, dieses auf seine Spieler zu übertragen. Einer, dem nichts geschenkt worden ist. Der in Sarajewo geborene Sohn eines Lehrers hat eine fussballerische Tellerwäscher-Karriere hinter sich: Vom ungeliebten «Jugoslawen», der beim FC Chur zu wenige Tore schoss, bis zum Cheftrainer der Schweizer Nationalmannschaft, der übernehmen durfte, nachdem andere abgesagt hatten.

Die 0:2-Niederlage zum Auftakt der EM-Ausscheidung gegen England hat ihn zumindest äusserlich nicht erschüttert. «Wir hätten ein Unentschieden verdient», hält er fest und liefert die Argumente nach: «Wir haben ja nicht nur unsere eigenen Torchancen vorbereitet, sondern auch die der Engländer.» Das Ziel sei, dass sich die Mannschaft im nächsten Spiel in Slowenien verbessere.

Denn auch Petkovic weiss um die Unterschiede zwischen ihm und seinem Vorgänger: Ottmar Hitzfeld, Welttrainer 1997 und 2001, genoss mehr Vertrauen als der Emporkömmling, der einzig die Coppa Italia mit Lazio Rom vorweisen kann. Hitzfeld konnte sich zu Beginn seiner Zeit als Nati-Trainer ein 2:2 in Israel (nach 2:0-Führung) und ein 1:2 gegen Luxemburg leisten, ohne medial ernsthaft in Bedrängnis zu geraten. So viel Kredit hat Petkovic kaum. Ein Misserfolg in Slowenien würde ihn früh unnötig unter Druck setzen.

Ein Kaffee mit Kollegen

Doch für solcherlei Schwarzmalereien ist es zu früh an diesem wunderbaren Herbsttag in Basel. Als die Medienkonferenz vorbei ist, wird Petkovic von drei Freunden aus Rom erwartet. Zu viert setzen sie sich in die Gartenbeiz beim Swissôtel Le Plaza und trinken Kaffee. Noch ein Unterschied zu Ottmar Hitzfeld.

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