Totale Konfusion: Ein neues Florida-Debakel - oder ein klarer Fall?
Aktualisiert

Totale KonfusionEin neues Florida-Debakel - oder ein klarer Fall?

In wenigen Tagen wählt Amerika. Die Nervosität ist gross. Die Statistik spricht für Obama, doch ein Patt oder eine «gespaltene» Wahl sind nicht unwahrscheinlich.

von
Peter Blunschi
New York
Romney- und Obama-Puppen mit Boxhandschuhen, aufgenommen bei einem Wahlkampfanlass in Florida.

Romney- und Obama-Puppen mit Boxhandschuhen, aufgenommen bei einem Wahlkampfanlass in Florida.

Während Tagen dominierte Hurrikan Sandy die Berichterstattung in den US-Medien. Von Normalität kann in der betroffenen Region zwar nicht die Rede sein, im Rest des Landes aber kehrt der Alltag zurück. Und damit auch der Politzirkus, denn am nächsten Dienstag wird definitiv gewählt. Einen Tag nach seinem Besuch im Katastrophengebiet begab sich Präsident Barack Obama wieder auf Wahlkampfreise in drei umkämpfte Bundesstaaten. Sein Herausforderer Mitt Romney absolvierte bereits tags zuvor drei Auftritte in Florida.

Der Einsatz der Kandidaten ist bitter nötig, denn wenige Tage vor dem Showdown herrscht die totale Konfusion. In den Umfragen liefern sich Obama und Romney ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Entsprechend heftig wird in der Wahlkampfzentrale des Republikaners in Boston und jener des Amtsinhabers in Chicago auf den Fingernägeln gekaut. Während Team Obama fürchtet, dass die (wenigen) unentschlossenen Wähler aus lauter Frust am Ende für Romney stimmen werden, um etwas neues in Washington zu versuchen, ist man auf Seiten des Herausforderers besorgt, dass dessen Momentum zum Stillstand gekommen ist.

Anzeichen von Panik

Für beide Annahmen gibt es Indizien, weshalb es in den letzten Tagen zu panikartigen Reaktionen kam. Konservative Kreise haben Werbespots in Michigan, Minnesota und Pennsylvania ausstrahlen lassen – drei Staaten, die als sichere Beute von Barack Obama gelten. Doch in einzelnen Umfragen konnte Mitt Romney seinen Rückstand verkleinern. Prompt schickte Obamas Wahlkampfteam am Dienstag Ex-Präsident Bill Clinton nach Minnesota, einen Staat, der seit 1976 immer demokratisch gewählt hat.

Umgekehrt halten die Republikaner im Gliedstaat Ohio unverdrossen an ihren umstrittenen Radio- und Fernsehspots fest, in denen sie den Eindruck erwecken, die Autobauer Chrysler und General Motors wollten ihre Produktion nach China auslagern. Die beiden Konzerne reagierten empört, sie betonten, in den USA keinen Abbau zu planen, sondern zusätzliche Leute einstellen zu wollen. Die Republikaner kümmert das nicht, ohne Sieg in Ohio haben sie noch nie eine Präsidentschaftswahl gewonnen – und Mitt Romney liegt in den meisten Umfragen hinter Barack Obama, dem «Retter» der Autoindustrie (siehe Infobox).

Im Wirrwarr der Umfrage-Zahlen ist kein klarer Trend zugunsten der einen oder anderen Seite erkennbar. Deshalb werden in den US-Medien diverse Szenarien erläutert, die eintreffen könnten, falls die beiden Kandidaten bis zuletzt auf gleicher Höhe liegen:

Eine «gespaltene» Wahl: Ein Kandidat gewinnt am meisten Wählerstimmen, der andere aber erobert mehr Wahlmänner und wird damit Präsident. Ein solcher Ausgang ist durchaus denkbar: Mitt Romney könnte prozentual besser abschneiden und Barack Obama trotzdem im Weissen Haus verbleiben. Das umgekehrte Szenario ist hingegen wenig wahrscheinlich. Erst vor zwölf Jahren kam es zu einem solchen Ergebnis: Al Gore holte eine halbe Million Stimmen mehr als George W. Bush. Der jedoch wurde Präsident, dank einem umstrittenen Urteil des Obersten Gerichtshofs. Was uns auch schon zum nächsten Streitfall bringt.

Ein zweites Florida-Debakel: Bei der Wahl 2000 konnte im entscheidendenden Staat Florida kein klarer Sieger ermittelt werden. Es kam zu einer wochenlangen Nachzählung, die ebenfalls keine Klarheit brachte und erst durch besagtes Gerichtsurteil zugunsten von Bush gestoppt wurde. Vier Jahre später hätte sich dieses Drama in Ohio beinahe wiederholt. Erst nach mehreren Stunden räumte John Kerry seine Niederlage gegen Bush ein. Nun könnte es angesicht der knappen Umfragen in diversen Wackelstaaten wieder zur Zitterpartie kommen. Beide Wahlkampfteams haben ihre Anwälte in Stellung gebracht.

Ein Patt: Obama und Romney könnten je 269 Wahlmänner für sich gewinnen, es gäbe folglich keinen Sieger. Experten halten dies für höchst unwahrscheinlich. Falls es bei der Wahl durch das so genannte Electoral College am 17. Dezember trotzdem zu einem Patt käme, müsste laut Verfassung das Repräsentantenhaus den Präsidenten wählen. Die Republikaner dürften dort die Mehrheit behalten, der Sieger hiesse wohl Mitt Romney. Der Vizepräsident aber würde vom Senat gewählt, und der bleibt vermutlich in demokratischer Hand. Ein Präsident Mitt Romney und ein Vize Joe Biden an der Spitze des Landes? Eine absurde Vorstellung.

Obama doch der klare Sieger?

Am wahrscheinlichsten bleibt, dass der Sieger am Abend des 6. November feststehen wird. Und es könnte sein, dass es entgegen den Erwartungen nicht zu einem knappen Ergebnis kommt. Wettbüros, Wahlbörsen und Statistik-Modelle gehen alle davon aus, dass Barack Obama wiedergewählt wird. Der «New York Times»-Statistiker Nate Silver, dessen Blog «FiveThirtyEight» fast schon Kultstatus besitzt (538 ist die Zahl der Wahlmänner), hat ausgerechnet, dass Mitt Romneys Momentum bereits Mitte Oktober zum Stillstand kam. Er gibt dem Amtsinhaber eine Siegeschance von mehr als 80 Prozent.

Obamas «Firewall» habe dem Ansturm Romneys standgehalten, schreibt Silver. Der 34-Jährige, vom Aussehen her der Prototyp eines «Nerds», hat sein Modell für Baseball-Prognosen entwickelt. Es enthält nicht nur jede verfügbare Umfrage, sondern auch demographische Daten und Wirtschaftszahlen. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 erzielte er damit eine sensationelle Trefferquote: In 49 der 50 Bundesstaaten sagte der den Sieger richtig voraus, ebenso die Ergebnisse sämtlicher 35 Senatswahlen. Das Magazin «Time» bezeichnete Nate Silver 2009 als einen der 100 einflussreichsten Menschen der Welt.

Doch keine Statistik ist unfehlbar. Auch Silver räumt ein, man könne darüber diskutieren, «wie sehr Obama der Favorit ist». Er hat auch nicht wenige Gegner, vor allem Journalisten, die zwecks Quote ein spannendes Rennen brauchen, wie die «Washington Post» schreibt. Die Nervosität wird bis Dienstag nicht abnehmen. Obama und Romney jedenfalls scheren sich nicht um die Statistiken und Wettquoten. Sie werden bis Montag praktisch nonstop durch die Swing States jetten und versuchen, auch noch den hintersten und letzten Wähler zu mobilisieren.

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Obama voraus

Wenige Tage vor der Präsidentschaftswahl sehen neue Umfragen Amtsinhaber Barack Obama in den zwei besonders umkämpften US-Staaten Florida und Ohio vorne. Nach einer jüngsten Wählerbefragung des «Wall Street Journals» und des Fernsehsenders NBC liegt Obama in Florida mit 49 zu 47 Prozent vor seinem republikanischen Herausforderer Mitt Romney.

Deutlicher fällt der Vorsprung demnach in Ohio aus, wo der Amtsinhaber mit 51 zu 45 Prozent die Nase vorne hat. Wähler in beiden Staaten hätten Obama vor allem sein Krisenmanagement nach den Verwüstungen an der Ostküste durch Megasturm «Sandy» zugutegehalten, berichtete das «Wall Street Journal.» (dapd)

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