Entlassener General: Ein offenes Wort zu viel
Aktualisiert

Entlassener GeneralEin offenes Wort zu viel

General Stanley McChrystal wurde auch deshalb geholt, weil er kein Blatt vor den Mund nimmt. Genau diese Eigenschaft aber wurde ihm jetzt zum Verhängnis.

von
Anne Flaherty
AP
Stanley McChrystal stolpert über seine eigenen Aussagen.

Stanley McChrystal stolpert über seine eigenen Aussagen.

In der Öffentlichkeit ruhig und überlegt, wenn auch etwas schroff wirkend, fehlt dem hageren General jede Geduld mit Dummköpfen. Doch über den Präsidenten und dessen Mitarbeiter herzuziehen, ist schon etwas anderes. So wurde er für Mittwoch ins Oval Office zitiert, um sich zu Äusserungen in einem Interview des Musikmagazins «Rolling Stone» zu erklären. Anschliessend erklärte Obama, er habe ein Rücktrittsgesuch McChrystals angenommen.

Der «Rolling Stone»-Artikel strotzt von ätzenden Bemerkungen über die Kollegen in der Regierung. Leute, die den 55-Jährigen kennen, halten seine Äusserungen für eine schwere Fehlleistung - ausgelöst von den Strapazen des schwierigen Krieges und erschwert noch von undisziplinierteren Mitarbeitern. Die eigentliche Ursache des Wutausbruchs ist ihrer Einschätzung nach aber wohl in der unverblümten und kompromisslosen Art des Generals zu suchen, eben jenen Charakterzügen also, die ihn auf den Posten des US- und ISAF-Kommandeurs für Afghanistan gebracht haben.

«Abgebrühter Realist»

«Sie haben einen abgebrühten Realisten gesucht», erklärt Anthony Cordesman, ein Sicherheitsexperte mit guten Kontakten zum Verteidigungsministerium. «Man holt jemanden, der nach acht Jahren der Versäumnisse und des Versagens die Sache hinkriegen soll. Man holt jemanden im Grunde, der sich durch die bürokratischen und organisatorischen Hindernisse durchschlagen soll.»

Das Lavieren im Washingtoner Politikbetrieb gehörte nicht zu McChrystals Ausbildung. Den grössten Teil seiner militärischen Laufbahn brachte er in der Schattenwelt der Sondereinsätze zu, darunter fünf Jahre als Chef des Joint Special Operations Command in Fort Bragg. Anders als viele andere hohe Offiziere verbrachte er nur zwei Jahre im Pentagon, als stellvertretender Einsatzleiter und kurzfristig als Direktor des Joint Staff, bevor Präsident Barack Obama ihn im Mai 2009 zum Befehlshaber für Afghanistan berief.

Stattdessen stand er lange an der Front der Terrorbekämpfung. Seinen Einsatzkräften wurde die Ergreifung von Abu Musab Al Sarkaui 2006 zugeschrieben, dem Anführer des Terrornetzwerks Al Kaida im Irak. Im selben Jahr wurden seine Sondereinsatzkommandos von Menschenrechtsorganisationen auch beschuldigt, im Camp Nama am Bagdader Flughafen gefangene misshandelt zu haben.

«Schmerzliche» Zeit

In die öffentliche Diskussion geriet McChrystal erst mit der Berufung auf den Afghanistan-Posten. Er löste General David McKiernan ab, der kein Jahr auf dem Posten war und auf Truppenverstärkung gedrungen hatte - ein unpopuläres Ansinnen. Seine Erfahrung im Guerillakrieg sollte die Wende bringen. Im Herbst 2009 kam auch McChrystal zu dem Schluss, dass Verstärkung vonnöten sei, und forderte im Pentagon vertraulich 40.000 Soldaten zusätzlich an.

Das sickerte durch und brachte die Mannschaft im Weissen Haus auf die Palme. Obamas Mitarbeiter glaubten, McChrystal habe den Präsidenten in eine Zwickmühle gebracht - entweder einen hochdekorierten General zu ignorieren oder Verstärkung zu schicken und an politischem Rückhalt zu verlieren. Später stimmte Obama der Entsendung von 30.000 zusätzlichen Soldaten zu unter der Bedingung, dass sie schon ab Juli 2011 wieder abziehen. Obama habe ihm eine «unvertretbare Position» aufgehalst, beklagte McChrystal nun in dem Artikel des Anstosses. Er habe diese Zeit als «schmerzlich» empfunden.

Rasmussen: McChrystals Strategie weiter gültig

Auch nach der Entlassung von US-General Stanley McChrystal wird die von der NATO geführte Afghanistan-Schutztruppe ISAF weiter nach der von McChrystal entwickelten Strategie eingesetzt. Das erklärte NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen am Mittwochabend in Brüssel zum Rücktritt des Generals.

«Auch wenn er nicht mehr der Oberbefehlshaber sein wird, so bleibt die von ihm eingeführte Herangehensweise doch die richtige», heisst es in der Erklärung Rasmussens. «Die Strategie hat weiterhin die Unterstützung der NATO und unsere Streitkräfte werden sie weiter anwenden.»

Rasmussen unterstrich: «Unsere Einsätze in Afghanistan werden heute unvermindert fortgesetzt. Wir haben ein starkes militärisches Team in Afghanistan.» Die afghanische Bevölkerung dürfe «keinen Zweifel daran haben, dass wir auch weiterhin unseren Einsatz in Partnerschaft mit ihr durchführen werden».

Rasmussen sagte, er habe von McChrystals Rücktritt Kenntnis genommen und danke diesem «für seinen Dienst für die NATO und für die enorme Anstrengung, die er in die Führung der ISAF investiert hat».

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