Der Neue im Vatikan: Ein Papst zum Anfassen
Aktualisiert

Der Neue im VatikanEin Papst zum Anfassen

Mit Volksnähe und Bescheidenheit bringt Papst Franziskus frischen Wind in die katholische Kirche. Der neue Stil wird als «Kampfansage» an den Vorgänger interpretiert.

von
Peter Blunschi

Seit rund zwei Wochen ist Papst Franziskus im Amt. Jetzt kennt man einen wesentlichen Grund, wie es dazu gekommen ist: In den Beratungen vor dem Konklave hat Franziskus in einer «Brandrede» heftige Kritik am Zustand der katholischen Kirche geäussert. Sie sei zu sehr mit sich selbst beschäftigt und müsse sich wieder mehr nach aussen orientieren, gab der kubanische Kardinal Jaime Ortega die Worte wieder, die Franziskus noch als Kardinal Jorge Bergoglio vor seinen Mitbrüdern sprach.

«Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und sich an die Ränder zu bewegen – nicht nur an die geografischen, sondern an die existenziellen: die der Sünde, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz und der Distanz von Religion, des Denkens und des Leids», sagte Bergoglio nach Angaben des Erzbischofs von Havanna. Später habe ihm der Argentinier eine handgeschriebene Version seiner Bemerkungen gegeben und ihm erlaubt, sie zu verbreiten, sagte Ortega dem katholischen Magazin «Palabra Nueva».

«Meisterhaft, aufschlussreich, mitreissend und wahr»

«Kardinal Bergoglio hat eine Rede gehalten, die ich für meisterhaft, aufschlussreich, mitreissend und wahr hielt», meinte Jaime Ortega weiter. Diese Bemerkungen zeigten die Richtung, in die der neue Papst die Kirche führen wolle. Eine deutliche Mehrheit der Kardinäle scheint bereit, ihm dorthin zu folgen, wie sie mit ihrer Entscheidung im Konklave gezeigt haben. Bereits in seinen zwei ersten Wochen hat Franziskus markante neue Akzente gesetzt – die Veröffentlichung seiner «Bewerbungsrede» ist einer davon, denn die Vorgänge rund um die Wahl eines neuen Papstes unterliegen in der Regel strenger Geheimhaltung.

Franziskus gilt als konservativ und volksnah

Für den neuen Stil auf dem Stuhl Petri stehen auch Volksnähe und Bescheidenheit, die Papst Franziskus schon fast demonstrativ vorlebt. Am Dienstag bekräftigte er, dass er seine inzwischen hergerichtete Wohnung im Apostolischen Palast vorerst nicht beziehen, sondern im Gästehaus Santa Marta des Vatikans bleiben will. Er bewohnt dort die Suite 201, die über kleine Privatsalons verfügt. Jeden Morgen feiert Franziskus in der Kapelle des Gästehauses einen Gottesdienst, zu dem er Gärtner, Strassenfeger und andere Angestellte einlädt. Das Essen nimmt der Pontifex zusammen mit den übrigen Gästen im Speisesaal ein.

Jorge Mario Bergoglio ist Papst Franziskus

Kein zweiter «Prada-Papst»

Mit dem öffentlichen Verkehr wie in Buenos Aires kann Franziskus nicht mehr fahren, doch die Benutzung der päpstlichen Luxuslimousine verweigerte er. Sein Auftreten unterscheidet sich fundamental von jenem seines Vorgängers Benedikt XVI.. Dieser benutzte beim Essen feinstes Porzellan und kleidete sich gerne in prunkvolle Gewänder wie hermelinbesetzte Umhänge und Mützen, die seine Vorgänger in der Mottenkiste verstaut hatten. Wegen seinen edlen roten Lederschuhen verspotteten die italienischen Medien ihn als «Prada-Papst». Franziskus zieht normale Halbschuhe und die schlichte weisse Soutane vor.

In seinen öffentlichen Auftritten lebt der 76-Jährige die von ihm angemahnte Kirche vor, die «aus sich selbst herausgeht». Auch darin unterscheidet der neue Papst sich von seinem distanzierten Vorgänger. Franziskus liebt das Bad in der Menge, nach dem Gottesdienst an Palmsonntag liess er sich im offenen Papamobil über den Petersplatz chauffieren. Immer wieder suchte er den direkten Kontakt zu Leuten, schüttelte Hände und küsste Babys. Für Schweizergarde und vatikanische Gendarmerie, die für die Sicherheit des Papstes zuständig sind, ist dies ein Albtraum. Seine spontane Art bereitet ihnen beträchtliches Kopfzerbrechen.

Dialog mit dem Islam

Offenheit signalisierte er auch gegenüber Andersgläubigen. Bei einem Empfang für die beim Vatikan akkreditierten Diplomaten kündigte Franziskus an, den Dialog mit anderen Religionen zu verstärken. «Ich denke besonders an den mit dem Islam», fügte er an. Auch zum Auftakt der Osterfeierlichkeiten am Gründonnerstag setzte er bewusst neue Akzente. Die traditionelle Fusswaschung nahm er nicht wie üblich in der Lateranbasilika vor, sondern im römischen Jugendgefängnis Casa del Marmo. Nach dem Vorbild Jesu wusch er zwölf jungen Insassen mehrerer Nationalitäten und Religionen die Füsse, darunter muslimischen.

Damit erinnert Franziskus an Papst Johannes XXIII., mit dem er bereits verglichen wird. Dieser hatte nach seiner Wahl 1958 eine Weihnachtsmesse in einem Gefängnis gefeiert, Spitäler und Obdachlosenheime besucht. Mit der Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils wurde Johannes zum grössten Erneuerer der Kirche seit der Gegenreformation und zur Lichtgestalt der Progressiven. Eine ähnliche Rolle als «Revolutionär» wird Franziskus kaum zugetraut. So offen und unverkrampft er in seinem Auftreten ist – seine theologischen Positionen entsprechen weitgehend der konservativen Linie der letzten Jahrzehnte.

Kardinäle wollten den Wechsel

Die Feierlichkeiten zu Ostern dürften mehr Aufschluss über die Richtung geben, in die der Papst die Kirche führen will. Seine Rede vor dem Konklave jedenfalls lädt zu verschiedenen Interpretationen ein. Während Franziskus für «Die Welt» darin «den konkreten Vorgaben seines Vorgängers» treu bleibt, erkennt die «Süddeutsche Zeitung» das glatte Gegenteil: Eine «Kampfansage» auf das Bild der Kirche seines deutschen Vorgängers, das geprägt ist «vom höfischen Gebaren der Kurie, von der Heiligung der Form statt des existenziellen Inhalts, von einer skandalös mit sich selbst beschäftigten Kirchenführung, mit einem zwar absolut integren und gelehrten, aber zunehmend überforderten Papst an der Spitze».

Die Kardinäle hätten mit dem Argentinier Jorge Bergoglio «den Wechsel gewählt, den sie 2005 noch nicht wollten», so die «Süddeutsche» weiter. Nun müssten sie Papst Franziskus gegen die Kräfte des Beharrens unterstützen. Einen Markstein könnte der Pontifex setzen, wenn er sich dazu entschliessen sollte, den geheimen Untersuchungsbericht zur Vatileaks-Affäre zu veröffentlichen. Dieser soll ein verheerendes Bild von den Zuständen im Vatikan zeichnen und entscheidend zum Rücktritt von Benedikt XVI. beigetragen haben.

Mit Material von SDA

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