«London Calling»: Ein Pferdeflüsterer wie Robert Redford
Aktualisiert

«London Calling»Ein Pferdeflüsterer wie Robert Redford

Hollywood könnte diesen olympischen Springreit-Champion nicht besser erfinden: Steve Guerdat – der Jurassier, der mit den Pferden spricht.

von
Klaus Zaugg
London

Der Sieg im Springreiten ist der grösste Triumph im Reitsport. Für einen Schweizer heute ungefähr so schwierig zu erringen wie eine Formel-1-Weltmeisterschaft. Denn es braucht nebst Talent und Beharrlichkeit auch unanständig viel Geld, um sich eines der besten Pferde der Welt leisten zu können.

Steve Guerdat (30), ein Olympiasieger wie in Hollywood modelliert. Ein eigenwilliger Reiter besiegt auf einem feurigen, schwierigen Pferd die ganze Welt.

London, Greenwich Park. Der neue olympische Champion ist überglücklich und doch ist es ihm nicht ganz wohl. Er sitzt noch nicht einmal eine halbe Stunde nach seinem Goldritt im Medienzentrum der olympischen Reitanlage vorne auf dem Podium und beantwortet mit einem charmanten französischen Akzent die Fragen der Weltmedien in englischer Sprache.

Medaillenfeier Steve Guerdat

Seine Welt sind die Pferde

Aber diese Bühne ist nicht seine Welt. Seine Welt sind die Pferde. Er wirkt ein wenig steif und schüchtern und introvertiert. Er ist kein charismatischer Kommunikator für Presse, Rundfunk und Fernsehen, strahlt aber eine überaus sympathische Bescheidenheit und Schüchternheit aus. Er ist eben im besten Wortsinne ein Pferdeflüsterer.

Pferdeflüsterer? Ja, das ist eine durchaus treffende Bezeichnung für unseren Olympiasieger. Robert Redford spielt im Hollywood-Klassiker «The Horse Whisperer» («Der Pferdeflüsterer») einen Mann (Tom Booker), der nicht nur junge Pferde einreitet. Er kommuniziert selbst mit Problempferden in einer für die Tiere verständlichen Körpersprache.

Steve Guerdat, der Mann, der mit den Pferden spricht. Wie Robert Redford im Film. Er ist auf Nino des Buissonnets zu olympischem Gold geritten. Aber Nino ist ein schwieriges Pferd. Der elfjährige Wallach (ein kastriertes männliches Pferd) aus französischer Zucht gilt als eigenwillig, ungestüm, ja feurig und wild. Aber auch als genial. Nino scheint eine Nummer kleiner, sicherlich 15 Zentimeter weniger gross als Willi Melligers Kultpferd Calvaro (Olympiasilber 1996). Aber es ist ein elegantes, fliegendes Pferd.

Steve spricht nicht, sondern berührt

Steve Guerdat hatte die Wahl zwischen mehreren Pferden aus dem Stall des Milliardärs Urs E. Schwarzenbach. Er entschied sich für Nino, für die grösste Herausforderung. Wohl wissend, dass ein olympischer Triumph nur mit einem aussergewöhnlichen Pferd möglich sein würde.

Diese Zähmung des widerspenstigen Nino sollte sich als der Schlüssel zum olympischen Triumph erweisen. Steve Guerdat wird deshalb von einem vorwitzigen Reporter gefragt, in welcher Sprache er sich mit Nino jeweils unterhalte: Französisch, Deutsch oder Englisch? Der Pferdeflüsterer klärt den Unwissenden auf: Es gehe nicht um Worte, sondern um die Art und Weise, wie mit einem Pferd umgegangen werde. Um die Stimme, um die Berührungen. Es ist wohl wie im Film «Avatar»: Da vernetzen die Reiter ihr Nervensystem mit ihren futuristischen Pferden.

Der Olympiasieger sagt zwischendurch in englischer Sprache einen Satz, der seine ganze Karriere, seinen Triumph erklärt: Sein Ziel seien diese Olympischen Spiele gewesen. «Aber ich reite nicht für das, was ich hier erreicht habe. Ich reite, weil es meine Leidenschaft ist. Ich würde auch reiten, wenn es bloss um regionale Konkurrenz ginge und um die Ausbildung junger Pferde.»

Leidenschaft machts aus

Es ist die Leidenschaft, die jeden grossen Champion auszeichnet. Gewürzt mit Ehrgeiz. Steve Guerdats Triumph ist eine moderne Version von Geld und Geist. Das goldene Rezept: Die Beharrlichkeit, die den Jurassiern, diesen Emmentaler der lateinischen Welt, eigen ist. Dazu auf den Jurahöhen über Generationen erworbenes und von Vätern an die Söhne überliefertes Urwissen im Umgang mit edlen Pferden. Und dazu das Geld eines Milliardärs aus Zürich, um sich ein Pferd wie Nino leisten zu können. Ninos Marktwert wird inzwischen auf rund fünf Millionen Franken geschätzt.

Steve Guerdat war ein Wunderkind und wurde, als er noch ein Teenager war, im Rahmen eines regionalen Springens in Wängi (TG) nebenbei gefragt, was sein Ziel sei. Ob er so gut werden wolle wie sein Vater. Der Reiter-Dreikäsehoch soll gesagt haben, er wolle viel besser werden als sein Vater.

Der neue Olympiasieger stammt aus einer alten Pferdehändlerdynastie aus Bassecourt im Jura. In dieser wunderbaren Juralandschaft, die vor allem an ihrem westlichen Rand ein wenig an Montana und die Rocky Mountains erinnert (dort spielt der Film von Robert Redford), wissen die Menschen mindestens so viel über die Seele der Pferde wie die Cowboys in Montana.

Vater Philippe auch dabei

Steves Grossvater war Pferdehändler, sein Vater Philippe bereits ein erfolgreicher Springreiter und Olympiateilnehmer 1984 (auf Pybalia 5. mit der Mannschaft) und 1988 (auf Lanciano II 7. mit Mannschaft). Philippe hat als Equipenchef der Belgier den Triumph seines Sohnes hier in London live miterlebt.

Am 27. Juli 1924 ist der Kavallerie-Oberleutnant Alphonse Gemuseus auf Lucette in Paris als letzter Schweizer zu Gold geritten. Der damals 26-jährige Jurist besiegte einen italienischen Baron (Tommaso Laquio di Assaba auf Trebecco) und einen polnischen Grafen (Adam Krolikiewicz auf Picador). Zu dieser Zeit war der Reitsport noch etwas billiger und es brauchte keinen Milliardär als Sponsor: Die Armee hatte die Stute «Lucette» 1922 für 48 Pfund in Irland gekauft. So viel Geld hat Steve Guerdat 2012 in London jeden Tag für Pferdefutter ausgegeben.

Wir werden nicht wieder 88 Jahre auf das nächste Gold warten müssen. Steve Guerdats goldener Triumph hat eine grössere Nachhaltigkeit als jedes andere Schweizer Resultat hier in London: Es ist nämlich das Signal an alle Milliardäre dieser Welt: Wenn Du olympischen Ruhm ernten willst, dann musst Du, wie Urs E. Schwarzenbach, Deine Pferde einem Schweizer Reiter anvertrauen. Steve Guerdat wird auch 2016 in Rio zu den Gold-Favoriten gehören.

Deine Meinung