Aktualisiert 09.04.2014 13:37

Expertin sagt«Ein Prostitutions-Verbot hilft den Frauenhändlern»

Geht es nach dem Europarat, dürfen Freier keinen Sex mehr kaufen. Rebecca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel warnt davor, solche Schritte in der Schweiz zu ergreifen.

von
Camilla Alabor
«Wir müssen aufhören damit, Frauen im Sexgewerbe als Opfer zu betrachten», sagt Rebbeca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration.

«Wir müssen aufhören damit, Frauen im Sexgewerbe als Opfer zu betrachten», sagt Rebbeca Angelini von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration.

Der Europarat empfiehlt seinen Mitgliedern, Personen, die zu Prostituierten gehen, zu bestrafen. In der Schweiz hingegen sprechen sich zahlreiche Politiker gegen ein solches Vorgehen aus. EVP-Nationalrätin Marianne Streiff-Feller befürchtet deshalb, die Schweiz würde zu einem Magneten für Menschenhandel. Besteht diese Gefahr tatsächlich?

Rebbeca Angelini: Nein. Wer so argumentiert, hat etwas Grundsätzliches nicht verstanden – dass nämlich Menschenhandel und Prostitution zwei separate Phänomene sind. Sexarbeit ist eine legale Arbeit, Menschenhandel eine schwere Straftat. Wir müssen endlich aufhören damit, alle Frauen im Sexgewerbe als Opfer zu betrachten. Ein Prostitutionsverbot wäre, als ob man wegen häuslicher Gewalt die Ehe kriminalisieren würde. Es braucht Massnahmen gegen Gewalt in der Ehe, doch niemand kommt auf die Idee, die Ehe zu verbieten.

Würde ein Verbot nach schwedischem Modell – die Freier werden bestraft, nicht aber die Prostituierten – nicht wenigstens den Sexarbeiterinnen helfen?

Nein, im Gegenteil. Unabhängige Studien zeigen, dass auch die Sexarbeiterinnen dadurch in den Untergrund gedrängt werden und sich kaum noch gegen Gewalt und Ausbeutung wehren können. Sie haben kein Interesse daran, dass ihre Kunden bestraft werden. Das ist, wie wenn eine Bäckerei Weggli verkaufen darf, die Kunden aber kriminalisiert werden. Da sorgt der Bäcker auch dafür, dass er seine Weggli dort an den Kunden bringt, wo die Polizei nicht ist. Zudem werden in Schweden nicht nur die Freier bestraft, sondern auch Drittparteien, die von der Prostitution profitieren, zum Beispiel Wohnungsvermieter.

Warum ist das ein Problem?

Weil es für die Sexarbeiterinnen somit sehr viel schwieriger wird, eine Wohnung für ihre Arbeit zu finden. Die Vermieter nutzen das aus, indem sie Wucherpreise verlangen. Ein weiterer Punkt ist, dass es bei einem Verbot für Sexarbeiterinnen aus dem Ausland unmöglich ist, legal einzureisen und zu arbeiten. Das wiederum bedeutet, dass die Frauen vermehrt von Zuhältern und Frauenhändlern abhängig sind. In anderen Worten: Ein Prostitutionsverbot spielt den Frauenhändlern in die Arme.

Wie gross ist der Anteil Zwangsprostituierter unter den Sexarbeiterinnen?

Das ist schwierig zu beziffern, weil alle Zahlen auf Schätzungen beruhen. Man geht von rund 20'000 Prostituierten in der Schweiz aus. Wir schätzen, dass davon rund 5 Prozent Opfer von Menschenhandel sind.

In Deutschland war käuflicher Sex bisher sehr billig zu haben, was zu einem regelrechten Sex-Tourismus geführt hat. Droht das nicht auch der Schweiz, wenn Nachbarländer wie Frankreich und Deutschland die Prostitution verbieten?

Es stimmt zwar, dass seit der Einführung des Prostitutionsverbots viele schwedische Freier nach Dänemark oder Deutschland reisen. Doch im Moment ist ein solches Verbot in unseren Nachbarländern noch vollkommen hypothetisch.

Wie steht die Schweiz bei der Bekämpfung von Menschenhandel da?

Es gibt grosse Unterschiede zwischen den Kantonen, aber in den letzten zehn Jahren ist viel passiert. In Zürich werden zum Beispiel verhältnismässig viele Fälle aufgedeckt, weil dort genügend Ressourcen für die Ermittlung und den Opferschutz zur Verfügung gestellt werden.

Was muss die Schweiz noch tun, um die Bedingungen der Prostituierten zu verbessern?

Die Sexarbeiterinnen brauchen mehr Rechte. Noch immer gilt ihre Arbeit als sittenwidrig. Das heisst, dass sie ihren Lohn nicht vor Gericht einfordern können, wenn der Kunde oder der Arbeitgeber nicht bezahlt. Und das, obwohl die Frauen legal arbeiten und Steuern zahlen. Das ist eine völlig absurde Situation. Es gibt aber Bestrebungen, die Sittenwidrigkeit in der Schweiz abzuschaffen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.