Holenwegers Freispruch: Ein Prozess mit vielen «Opfern»
Aktualisiert

Holenwegers FreispruchEin Prozess mit vielen «Opfern»

Der Prozess gegen Oskar Holenweger endet mit einem Freispruch. Der Fall ist mehr als ein Wirtschaftskrimi. Er wurde zum Stolperstein für Justizbeamte und Politiker.

von
Peter Blunschi

Der Zürcher Privatbankier Oskar Holenweger ist vom Bundesstrafgericht in Bellinzona freigesprochen worden. Die Bundesanwaltschaft warf ihm Geldwäscherei, Urkundenfälschung, ungetreue Geschäftsbesorgung und Bestechung vor. Ein jahrelanges, an Irrungen und Wirrungen reiches Verfahren findet damit seinen vorläufigen Abschluss. Im Gestrüpp des weitverzweigten Falles verfing sich manche teils illustre Persönlichkeit. Ein Überblick:

Der Drogenbaron

José Manuel Ramos war ein führendes Mitglied des kolumbianischen Medellín-Kartells und 1991 in den USA verurteilt worden. Weil er mit den Behörden kooperierte, kam er zehn Jahre später frei. Ende 2002 holte ihn Bundesanwalt Valentin Roschacher in die Schweiz. Er erhoffte sich von Ramos Informationen über Drogenkonten in der Schweiz. Dabei fiel der Name Oskar Holenweger. Im Sommer 2003 begannen die Ermittlungen gegen den Bankier. Drei Jahre später enthüllte die «Weltwoche», dass es sich bei José Manuel Ramos um eine dubiose Quelle und einen Doppelagenten im Dienste der USA handelte. Wo sich der Kolumbianer heute befindet, ist unklar. Im aktuellen Prozess spielt die Akte Ramos keine Rolle mehr.

Der V-Mann

Um die Vorwürfe gegen Holenweger zu erhärten, setzte die Bundesanwaltschaft im August 2003 einen deutschen Polizeibeamten als verdeckten Ermittler auf ihn an. Dieser soll Holenweger unter dem Tarnnamen «Markus Diemer» dazu gebracht haben, rund 830 000 Euro angebliche Drogengelder zu «waschen». Als Beweis, dass Holenweger über die fingierte Herkunft des Geldes Bescheid wusste, sollte eine Tonbandaufnahme dienen, sie erwies sich jedoch als unbrauchbar. Der Fall «Diemer» ist dennoch Teil der Anklage.

Der Bundesanwalt

Am 1. März 2000 nahm Valentin Roschacher seine Arbeit als Bundesanwalt auf. Bald erwarb er sich den Ruf, spektakuläre Ermittlungen zu lancieren, die wenig bis gar nichts ergaben. So das Verfahren gegen die Hells Angels, das erst kürzlich ergebnislos eingestellt wurde. Mit dem Fall Holenweger witterte Roschacher erneut einen dicken Fisch. Als die «Weltwoche» die dubiose Rolle des Informanten Ramos publik machte, geriet Roschacher unter Druck. Auch das Verhältnis zu seinem Vorgesetzten, Bundesrat Christoph Blocher, war angespannt. Am 5. Juli 2006 trat Valentin Roschacher zurück. Die genauen Hintergründe sind nicht bekannt. Heute widmet er sich ganz seinem Hobby, dem Malen von Berglandschaften.

Die Nationalrätin

Die Ramos-Enthüllungen veranlassten die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Nationalrats, eine Subkommission unter Leitung der St. Galler CVP-Vertreterin Lucrezia Meier-Schatz mit einer Untersuchung zu beauftragen. Am 5. September 2007 stellte sie ihren Bericht vor. Dabei verwies Meier-Schatz auf Papiere, welche die deutsche Polizei bei Oskar Holenweger beschlagnahmt hatten, den so genannten «H-Plan». Dieser weise auf ein Komplott zur Absetzung von Bundesanwalt Roschacher hin. Was die Nationalrätin nicht offen sagte, aber andeutete: Christoph Blocher war darin verwickelt. Beweise dafür gab es nicht. Lucrezia Meier-Schatz musste in der Folge monatelang Polizeischutz beanspruchen. Als Kandidatin für den St. Galler Regierungsrat scheiterte sie 2008 kläglich.

Der Bundesrat

Christoph Blocher wies die Komplott-Anschuldigungen vehement zurück. Allerdings hatte die GPK dem Justizminister auch vorgeworfen, er habe Valentin Roschacher ohne gesetzliche Grundlage eine Abgangsentschädigung von einem Jahresgehalt zugesprochen und unzulässige Weisungen betreffend Medieninformationen erteilt. Im Dezember 2007 wurde Blocher, der Oskar Holenweger nach eigenem Bekunden flüchtig kannte (seine Frau Silvia war mit dem Bankier zur Schule gegangen) als Bundesrat abgewählt. Die Roschacher-Affäre war dafür nicht entscheidend, sie trug aber dazu bei. Eine Klage Blochers gegen die Eidgenossenschaft wegen der Komplott-Vorwürfe wurde im März 2011 mit einem Vergleich beigelegt.

Der Untersuchungsrichter

Im März 2004 übernahm Ernst Roduner die Voruntersuchung im Fall Holenweger. Der Aargauer Sozialdemokrat war mit dem komplexen Fall heillos überfordert. Vier Jahre später, am 9. Juli 2008, trat Roduner aus «gesundheitlichen Gründen» als Untersuchungsrichter zurück. Ein Jahr später kam die Wahrheit ans Licht: Ernst Roduner hatte von einer Poststelle einen Fax an sich selbst geschickt, laut dem er und seine Familie wegen der Holenweger-Untersuchung bedroht wurden. Pech für ihn, dass er von einer Überwachungskamera gefilmt wurde. Die Zürcher Staatsanwaltschaft verhängte gegen ihn eine bedingte Geldstrafe.

Der neue Bundesanwalt

Zum Nachfolger von Valentin Roschacher wurde der Schaffhauser Erwin Beyeler ernannt. Er war bereits zuvor in den Fall Holenweger involviert, als Chef der Bundeskriminalpolizei (BKP). Letztes Jahr tauchten Vorwürfe auf, wonach Beyeler an der Rekrutierung des umstrittenen Informanten José Manuel Ramos beteiligt gewesen sei. Der Bundesanwalt selber bestritt dies. Welche Rolle er wirklich spielte, bleibt unklar. Nach dem Freispruch für Holenweger nahm der Druck auf Beyeler weiter zu. Die Bundesversammlung zog die Konsequenzen und verweigerte ihm am 15. Juni 2011 die Wiederwahl.

Der Angeklagte

Oskar Holenweger war von 1989 bis 1995 Vorsitzender der Geschäftsleitung der noblen Zürcher Privatbank Vontobel. Nach einem Zerwürfnis mit der Besitzerfamilie verliess er das Institut und gründete die Tempus-Privatbank. Diese soll laut Anklage kurz vor der Pleite gestanden sein, weshalb sich Holenweger in kriminelle Geschäfte verstrickt habe. Die letzten sieben Jahre verbrachte Oskar Holenweger vorwiegend mit der Vorbereitung seiner Verteidigung. Obwohl er freigesprochen wurde, ist sein Ruf schwer beschädigt.

Deine Meinung