Ein Pullover reist um die Welt
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Ein Pullover reist um die Welt

Die Wahl von Evo Morales zum künftigen Präsidenten Boliviens hat Aufsehen erregt - aber seine Politik interessiert die Medien offenbar nicht halb so sehr wie die Kleidung, die er trägt.

Und die ist recht einfach gestrickt: Bei seinen offiziellen Auslandsreisen begrüsste Morales seine Gastgeber von Spanien über China bis Südafrika im immer gleichen Wollpullover.

Der 46-jährige Aymara-Indio kommt aus armen Verhältnissen und steht zu seiner Herkunft. Ein Foto aus dem Jahr 1977 ist das einzige bekannte Bild, das den künftigen Staatschef in Anzug und Krawatte zeigt. Sonst trägt Morales am liebsten schwarze Jeans, ein kurzärmliges Hemd und Turnschuhe. Seit seinem Wahlsieg hat er sich ausserdem ein schwarzes Leder-Jackett zugelegt, Freizeithosen - und den bekannten bunt gestreiften Alpaka-Pullover.

Ein «Kleidungsstück der Missstimmung, weit entfernt vom offiziellen Protokoll», schrieb die mexikanische Zeitung «Reforma». Auf einer ganzen Seite zeigte das Blatt Bilder des reisenden Morales im Pullover. Was für die Bolivianer vermutlich ein schönes Kleidungsstück sei, komme bei der spanischen Presse als Beleidigung an, lästerte «Reforma».

Für sein Treffen mit dem französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac entschied sich Morales immerhin für seine schwarze Lederjacke. Als er sie ablegte, stand er jedoch im Kurzarmhemd vor Chirac, der staatsmännisch Anzug und Krawatte trug.

Der portugiesische Schriftsteller und Nobelpreisgewinner José Saramago verteidigte Morales gegen jede modische Kritik: Diese spiegle lediglich «den dummen Stolz zivilisierter Staaten» wider, sagte Saramago. Dem schliesst sich die Designerin Beatriz Canedo Patino an, die in La Paz einen Modeladen führt. Alpaka sei einer der feinsten Stoffe überhaupt, erklärte sie. Die Wolle sei besonders leicht, von Natur aus wasserdicht und Alpaka-Strick könne 30 oder 40 Jahre halten, ohne lästige Knötchen zu bilden.

Aber auch die bolivianischen Medien spekulieren darüber, was Morales wohl bei seiner Vereidigung am 22. Januar tragen wird. Einen Anzug? Einen Poncho? Seine schwarzen Jeans? Um elegant zu wirken, müsse ein Mann jedenfalls nicht notwendigerweise eine Krawatte tragen, betont Mode-Expertin Canedo. «Wirkliche Eleganz kommt von innen. Es kommt nicht darauf an, ob man die teuerste Mode trägt».

(dapd)

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