Aktualisiert 03.12.2013 08:37

Abstimmung«Ein richtiger Kroate ist nicht schwul»

Mirko R.* ist gebürtiger Kroate und schwul. Der 25-Jährige aus Zürich sagt, was er vom Verbot der Homo-Ehe im Heimatland hält.

von
D. Pomper
Mirko R.: «Es grenzt an Landesverrat, wenn sich ein Kroate als homosexuell outet.»

Mirko R.: «Es grenzt an Landesverrat, wenn sich ein Kroate als homosexuell outet.»

Mirko, Kroatien hat sich eindeutig für ein Verbot der Homo-Ehe ausgesprochen. Hat Sie das Resultat überrascht?

Ich habe den Abstimmungskampf intensiv mitverfolgt. Ich habe bis zuletzt gehofft, dass die Gleichstellung homosexueller Paare nicht verhindert wird. Es haben sich zahlreiche nationale Musikstars, Sportler und Schauspieler gegen ein Verbot engagiert. Genützt hat es nichts. Das war ein schwarzer Abstimmungssonntag.

Was haben die kroatischen Bürger denn gegen Schwule und Lesben, die heiraten wollen?

Die Mehrheit der Kroaten hat Angst vor Schwulen und Lesben. Sie glauben, dass Homosexualität eine Krankheit ist, die sich ausbreitet und plötzlich auch ihre Töchter und Söhne befallen könnte. Vor ihrem geistigen Auge sehen sie bereits knutschende Homopaare auf den öffentlichen Plätzen. Aus dieser Angst entwickelt sich Hass.

Worin wurzelt diese Ablehnung Ihrer Meinung nach?

Homosexualität ist weder mit dem Glauben noch mit der kroatischen Nationalität vereinbar. Die katholische Kirche in Kroatien ist sehr konservativ und mischt sich in alle Belange ein. Kirche und Staat sind nicht wirklich getrennt. Der Bischof von Zagreb etwa ist zugleich auch ein wichtiger konservativer politischer Akteur. Ausserdem gilt: Ein richtiger Kroate ist nicht schwul. Es grenzt an Landesverrat, wenn sich ein Kroate als homosexuell outet.

Weiss Ihre Familie, dass Sie schwul sind?

Ich habe mich vor zwei Jahren gegenüber meiner engsten Familie geoutet. Es hat in einer Katastrophe geendet. Meine Mutter wurde arbeitsunfähig, bekam Depressionen, wurde von nächtlichen Heulkrämpfen geschüttelt. Sie dachte, sie habe in der Erziehung versagt. Deshalb habe ich darauf verzichtet, meinen Vater, der in Kroatien lebt, aufzuklären.

Sind Sie froh, in der Schweiz zu leben?

Oh ja. In Kroatien wäre ich viel mehr Repressionen ausgesetzt. Zwar gibt es zumindest in der Hauptstadt Zagreb Schwulenbars und -clubs. Aber auch dort kommt es immer wieder zu Übergriffen. Als Reaktion auf eine Schwulenparade in Split gab es eine riesige Gegendemo, bei der zum Schwulenmord aufgerufen wurde. Ausserdem wird Homosexualität auch in der Familie und im Beruf völlig tabuisiert. Seit meinem Outing fühle ich mich befreit. Ich muss nicht länger mit diesen Lügen leben und geniesse es, dass ich endlich die Person sein kann, die ich bin.

*Name geändert

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