Zugfahren in den USA: Ein rollendes Desaster
Aktualisiert

Zugfahren in den USAEin rollendes Desaster

Der Hamburger im Speisewagen kostet den Steuerzahler 16 Dollar. Dies, weil die US-Bahn Amtrak bei der Verpflegung jedes Jahr Millionen verliert. Generell gilt: Nur der Hartgesottene fährt im Zuge.

von
Martin Suter
Ein Amtrak-Personenzug unterwegs im Westen der USA.

Ein Amtrak-Personenzug unterwegs im Westen der USA.

Wer sich in einem amerikanischen Eisenbahnzug verpflegen will, betritt ein System von Verschwendung, Diebstahl durch Angestellte und fehlende Aufsicht. Zu diesem Befund ist eine Untersuchungskommission gelangt, die im Auftrag des US-Kongresses den Speise- und Getränkeservice der staatlichen Eisenbahn Amtrak untersuchte. Letztes Jahr verlor Amtraks «food and beverage service» 84,5 Millionen Dollar. In den vergangenen zehn Jahren betrug der Verlust sage und schreibe 834 Millionen Dollar - dabei wäre Amtrak seit 1981 dazu verpflichtet, ausgeglichene Zahlen zu präsentieren.

An einem Hearing Anfang Monat präsentierte der zuständige Kongressausschuss Details der Misswirtschaft: Eine Dose Cola, für die Amtrak 2 Dollar verlangt, kostet die Steuerzahler 3.40 Dollar. Wenn ein Passagier für einen Hamburger 9.50 Dollar zahlt, beläuft sich der interne Preis auf 16 Dollar. Bei jedem Angestellten von Amtraks Verpflegungsdienst muss der Steuerzahler für einen jährlichen Verlust in Höhe von 68 477 Dollar aufkommen.

«Diese Kosten sind unerhört», sagte der Ausschussvorsitzende, der republikanische Abgeordnete John Mica aus Florida. «Es muss einen besseren Weg geben - wir können diese Subventionen nicht mehr zahlen.» Amtrak-Chef Joseph Boardman beteuerte: «Wir suchen noch immer Wege, um einen höheren Anteil der Kosten hereinzuholen.» Unter anderem will die Staatsbahn Verkäufe mit Kreditkarten vorantreiben, um dem Diebstahl von Bargeld durch Angestellte entgegenzuwirken.

Wifi gratis, aber unzuverlässig

Das finanzielle Debakel ist nur ein Aspekt der unbefriedigenden Situation bei der Zugsverpflegung. In den Amtrak-Zügen kursieren keine Wägelchen, Essen und Trinken gibt es nur im Speisewagen in der Mitte des Zugs. Alleinreisende müssen ihr Gepäck unbeaufsichtigt zurücklassen, während sie Snacks und Getränke aus einem mageren Angebot auswählen und dann durch schwergängige Türen zum Sitz zurückbalancieren.

Überhaupt löst Reisen in US-Zügen bei allen, die europäische und asiatische Standards gewohnt sind, immer wieder ungläubiges Kopfschütteln aus. In der New Yorker Penn Station beginnt es mit dem unsäglichen Warten auf die Gleis-Information. Jeden Morgen stehen Hunderte von Reisenden in der unterirdischen Amtrak-Wartehalle und starren auf eine riesige Anzeigetafel. Die Gleisnummer der Züge wird meist erst fünf Minuten vor der Abfahrt enthüllt. Steht die Zahl an der Tafel, eilen die Passagiere Richtung Perroneingang - und stauen sich in einer Traube vor einer schmalen Rolltreppe, die sie ganz gemächlich hinunter zum Gleis führt. Unten angekommen, müssen die letzten Reisenden rennen, um noch rechtzeitig in den Zug zu kommen.

Während der Fahrt geht die Unbill weiter. Auf der meistbefahrenen Strecke nach Washington sind viele Streckenabschnitte und Brücken so alt, dass der Zug auf den Gleisen ruckelt und zuckelt. Der Wifi-Zugang in den Wagen ist zwar kostenlos, dafür aber notorisch langsam und unzuverlässig. Im Überfluss vorhanden sind einzig die Kondukteure: Kaum hat man Platz genommen, kommen sie schon vorbei, knipsen ein Loch ins Billett und stecken, wie zu Grossvaters Zeiten, ein Quittungskärtchen in einen Spalt in der Rücklehne der Sitzbank.

Zugreisen nehmen zu

Das veraltete, ineffiziente System mit zu vielen Angestellten verhindert zuverlässig, dass Amtrak auf einen grünen Zweig kommt. Zum Betrieb der Züge auf 35 000 Streckenkilometern in 46 Bundesstaaten, die Amtrak mit Fracht- und Vorortsbahnen teilt, erhält die Bahn jährlich etwa 1,3 Milliarden Dollar Zuschuss aus Washington. Dennoch schreibt sie Defizite, letztes Jahr 1,2 Milliarden Dollar.

Dabei finden Amtraks Züge zunehmend Zuspruch: Die Zahl der Zugreisenden steigt seit einigen Jahren ständig an. Auf dem «Northeast Corridor» zwischen Washington und Boston hat die Bahn inzwischen das Flugzeug als bevorzugtes Transportmittel von Geschäftsreisenden abgehängt. Vor 2001 reisten von jenen, die nicht mit dem Auto fuhren, bloss ein Drittel per Zug zwischen New York und Washington. Doch die verschärften Sicherheitsprozeduren auf den Flughäfen verlängerten die Reise mit dem Flugzeug, während schnellere «Acela»-Züge die Reisedauer auf der Schiene verkürzten. Heute benutzen dreimal so viele Reisende die Schiene wie die Luft.

Romney droht mit Kürzungen

In einem kühnen Anlauf für eine Vorwärtsstrategie hat Amtrak im Juli Ausbaupläne für den Nordostkorridor vorgelegt, wonach die ganze Strecke bis 2040 mit ultraschnellen Zügen von bis über 300 Stundenkilometern befahren werden soll. Die Kosten für Rollmaterial, Streckenausbau und neue Bahnhöfe betragen 151 Milliarden Dollar. «Es geht um den wirtschaftlichen Motor des Nordostens», sagte Amtrak-Chef Boardman bei der Vorstellung der Pläne.

Die Hälfte der Investitionen soll nach Amtrak-Vorstellungen die Bundeskasse tragen. Doch da dürfte die bei Republikanern unpopuläre Bahn in Washington auf Granit beissen. Deren Präsidentschaftskandidat Mitt Romney hat letzte Woche angekündigt, im Fall einer Wahl selbst bei den regulären Zuschüssen an Amtrak den Rotstift anzusetzen. Wenn die Staatsbahn Politiker für sich gewinnen will, sollte sie sich vielleicht erst darum bemühen, den Verpflegungsservice kostentragend zu machen.

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