Aktualisiert 13.08.2009 11:53

Umnutzung des ReduitsEin Schlachtschiff fürs Heidiland

Die Umnutzung der Alpenfestung für öffentliche und private Zwecke liegt im Trend. Und das nicht erst seit der Reduit-Show vom Schweizer Fernsehen. Die Festungen werden zu Seminarräumen oder Eventlokalen umgerüstet.

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Harry Rosenbaum/AP

Die am Freitag zu Ende gehende Fernseh-Sommer-Soap «Alpenfestung - Leben im Reduit» stösst bei den Betreibern von Festungsmuseen auf unterschiedliche Reaktionen. «Immer wenn im Fernsehen über das Reduit berichtet wird, steigen bei uns die Anfragen», sagt Kaj-Gunnar Sievert von der Armasuisse, welche die VBS-Immobilien verwaltet. Zu Verkäufen von Festungen oder Festungsteilen komme es aber aufgrund von Fernsehsendungen nur selten. Die Werke seien sehr eingeschränkt in ihrer Nutzung, weil sie in der Regel ausserhalb der Bauzone stünden.

Gastwirt Lothar Bichsel senior aus dem Thurgau beabsichtigt in den nächsten zwei Monaten die Festung Furggels in Pfäfers im Kanton St. Gallen zu kaufen. Er will darin ein Museum und einen Event-Betrieb einrichten. «Das vergessene Schlachtschiff in den Bergen des Heidilands» heisst das Projekt. «Die Eröffnung ist im Frühjahr 2010 geplant», sagt Bichsel. Die Sendung von «Schweiz aktuell» über das Leben im Reduit sei für ihn sehr anregend gewesen. Die Idee, die Festung zu kaufen, sei ihm aber nicht erst durch das Fernsehen, sondern schon vor vier Jahren gekommen.

In Vitznau kann man im Bunker absteigen

Ebenfalls Kaufinteresse gibt es für das Artilleriewerk Ellhorn A6224. Die Felsnase ist in den 1950-er Jahren von der Schweiz dem Fürstentum Liechtenstein abgekauft worden, um die Festung Sargans auszubauen. Jetzt will sie der «Verein Festung Tschingel» erwerben. Der als AG organisierte Verein hat vor fünf Jahren die Bündner Festung Tschingel gekauft. Nun besteht auch Interesse für die dazugehörigen Aussenwerke. Der Verein führt private Seminare und Schulungen im ehemaligen Fort durch. Das 190 Meter hohe Festungswerk Tschingel ist auf vier Etagen angelegt, verfügt über eine Standseilbahn und Lifte. Auf Anfrage können auch Teile davon besichtigt werden.

Bei den Fachleuten für die touristische Umnutzung der ausgedienten Alpenfestung ist die Reduit-Soap des Fernsehens auf unterschiedliche Reaktionen gestossen. Alex Waldis von der luzernischen Erlebnis-Festung Vitznau, wo «Swiss Army Nights» in Soldatenbetten aus dem Zweiten Weltkrieg verbracht werden können, und Paul Hardegger von der Stiftung Schwyzer Festungswerke finden, dass die TV-Sendungen realistisch waren und das Interesse an der historischen Alpenfestung verstärkt haben. «Es kommen merklich mehr Besucher und Besucherinnen in unsere Festungsmuseen», sagen die beiden.

TV-Reduit ist ein «Hallodri-Betrieb»

Für Hans Sonderegger von der Artilleriefestung Heldsberg bei St. Margrethen im Kanton St. Gallen jedoch war das Fernseh-Reduit ein «Hallodri-Betrieb», der nie und nimmer der Wirklichkeit entsprochen habe und nur ärgerlich gewesen sei.

Bernhard Stalden, Präsident von FORT-CH, dem Dachverband von 52 zivilen Festungsorganisationen, spricht von einem konstant zunehmenden Interesse der Öffentlichkeit an der historischen Alpenfestung. Der Grund sei aber nicht das Fernsehen, sondern der Mythos, die Faszination für das Geheime und das Unterirdische. Zudem spiele das Festungsdenken auch eine immer grössere Rolle im Alltagsleben einer stark auf Sicherheit ausgerichteten Gesellschaft, sagt Stalden. Hermetisch abgeschlossene Pilotenkanzeln in Flugzeugen, bunkerähnliche öffentliche Bauten und Autos mit Panzerungen und Zentralverriegelung seien schliesslich auch nichts anderes als Festungen.

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