Aktualisiert 13.01.2015 09:15

Länger schlafen?

«Ein Schulbeginn vor acht Uhr ist viel zu früh»

In Bern sollen Oberstufenschüler künftig morgens länger schlafen dürfen, damit sie effizienter lernen können. In anderen Kantonen sieht man diese Idee kritisch.

von
R. Kayser
Gemäss Schlafforschern sind Jugendliche frühmorgens weniger leistungsfähig.

Gemäss Schlafforschern sind Jugendliche frühmorgens weniger leistungsfähig.

Die Stadt Bern will die Gähnstunden streichen: Weil sich die Schüler vor 8 Uhr nur schlecht konzentrieren können, soll der Unterricht erst eine Lektion später beginnen. Berner Politiker sind laut «Berner Zeitung» überzeugt, dass so nicht nur der Unterricht effizienter genutzt, sondern auch der morgendliche ÖV entlastet werden könnte. Ein entsprechendes Pilotprojekt soll im Schuljahr 2017/18 starten.

«In der Pubertät verschiebt sich der biologische Schlaf-wach-Rhythmus der Jugendlichen», erklärt Schlafforscher Christian Cajochen von der Universität Basel. Jugendliche würden später müde, gingen dementsprechend später ins Bett und bräuchten morgens mehr Schlaf. Ein Schulbeginn von 7.40 Uhr oder früher sei deshalb für Oberstufenschüler viel zu früh, bekräftigt er. «Beim Aufstehen am frühen Morgen werden Jugendlichen mitten aus dem Tiefschlaf gerissen. Da ist der Körper auf einem Leistungstief.»

«Vor 8 Uhr sind Kinder müde und unkonzentriert»

«Wenn der Schulanfang nur um zwanzig Minuten nach hinten verschoben würde, wären die Schüler viel wacher und leistungsfähiger», ist Cajochen überzeugt. Dass die Politik angesichts der deutlichen Forschungsergebnisse nicht längst reagiert hat, versteht der Schlafforscher nicht. «Das ist wohl die Schweizer Mentalität: Wir sind eine frühe Gesellschaft.»

Tatsächlich zeigen sich die meisten Kantone skeptisch: Im Kanton Zürich etwa ist ein späterer Unterrichtsbeginn laut dem Leiter des Volkschulamts, Martin Wendelspiess derzeit kein Thema. Er bezweifelt, ob die Schüler auch tatsächlich zu mehr Schlaf kämen. «Die Gefahr ist, dass einfach der ganze Tagesablauf nach hinten geschoben wird: Die Schule, das Fussballtraining, die Bettgehzeit.» Auch dem Argument, dass ein späterer Schulbeginn den ÖV entlasten könnte, kann Wendelspiess nicht viel abgewinnen: «Um 8 Uhr ist die Rushhour noch längst nicht vorbei. Da müsste man den Schulbeginn um mehr als nur 45 Minuten verschieben.»

Im Kanton Aargau sieht man ebenfalls keinen Anlass, den geltenden Unterrichtsbeginn von 7.30 Uhr anzupassen. «Stundenplantechnisch wäre es nicht einfach, alle Lektionen unterzubringen», sagt Simone Strub Larcher vom Bildungsdepartement. Auch weitere Kantone, wie etwa Solothurn, äussern sich kritisch.

«Kinder müssen auch mal Zeit haben, nichts zu machen»

Dem Vorbild von Bern folgen könnte dagegen St.Gallen: BDP-Kantonsrat und Oberstufenlehrer Richard Ammann hat einen Vorstoss eingereicht, dass der Unterricht in der Oberstufe später beginnen soll. «Die Effizienz in den frühen Unterrichtsstunden ist im Durchschnitt viel tiefer, die Kinder sind müde und unkonzentriert», weiss Amman aus eigener Erfahrung. «Wir müssen Rücksicht auf die natürlichen Bedürfnisse und Entwicklungspsychologie der Jugendlichen nehmen.»

Der Kanton Basel-Stadt ist bislang der einzige Kanton, der den Unterrichtsbeginn bereits in einigen Sekundarschulen auf acht Uhr angesetzt hat. Dies aber im Rahmen der kantonalen Schulharmonisierung, wie der Erziehungsdirektor Basel-Stadt Christoph Eymann (LDP) betont. Eine Verschiebung des Unterrichtbeginns aufgrund der Schlafbedürfnisse der Jugendlichen steht Eymann kritisch gegenüber: «Wenn die Schule später beginnt, kann das zu Engpässen bei der Verteilung der Spezialräume, wie etwa Musik-, oder Geographiezimmer, führen.» Zudem würde auch der Mittagstisch zu Hause oder die Freizeit darunter leiden, wenn die verschlafenen Stunden zu Randzeiten nachgeholt werden müssten. «Die Kinder müssen auch mal Zeit haben, nichts zu machen.»

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