HC Lugano: Ein seltsamer Hockey-Alpaufzug
Aktualisiert

HC LuganoEin seltsamer Hockey-Alpaufzug

Der HC Lugano verbringt diese Woche auf einer Alp. Endlich wissen wir, warum eine der wunderbarsten und teuersten Mannschaften so grosse Probleme hat, sportlich in der Liga eine Rolle zu spielen.

von
Klaus Zaugg
Capanna Predör - Hier verbringt der HC Lugano die aktuelle Woche

Capanna Predör - Hier verbringt der HC Lugano die aktuelle Woche

Die Idee ist gut und hilft uns, den HC Lugano besser zu verstehen: Die Spieler verbringen diese Woche mit den Trainern, den Betreuern und Sportchef Habisreutinger auf einer Alp in der SAC-Berghütte «Capanna Predör» auf 1740 Metern Höhe in der Leventina - im Herzland von Erzrivale Ambri am Fusse des Pizzo d'Era und Pizzo Campello. Die insgesamt 26 Herren sind in zwei grossen Schlafsälen untergebracht. Keine Einzelzimmer. Keine Jacuzzi-Suite. Gleiches Recht für alle.

Solche Massnahmen dienen dem sogenannten «Teambuilding». Sie sollen den Zusammenhalt der Mannschaft stärken. Die Spieler lernen sich mal ausserhalb des Alltages besser kennen. Die Idee kommt aus Amerika. Die New York Rangers machen solche Lager sogar im miltitärischen Schutzgebiet von West Point. Genützt hat es den Rangers übrigens wenig.

Wir rätseln ja in Zeiten wie diesen oft, warum es dieser wunderbaren Mannschaft des HC Lugano mit so viel Talent nicht mehr gelingen will, sportlich in unserer Liga eine Rolle zu spielen. Wo ist bloss das «Grande Lugano» geblieben?

Ausnahmen für Superstars

Mit der «Überlebenswoche» auf der Alp liefert uns Lugano eine Antwort auf diese Frage. Wenn wir nämlich bei diesem Alpaufzug genau hinschauen, sehen wir, dass zwei Superstars nicht dabei sind: Petteri Nummelin und Hnat Domenichelli. Die zwei bestverdienenden Spieler. Genau das ist Luganos Problem: Für die Superstars gibt es immer Ausnahmen. Sportchef Roland Habisreutinger wehrt sich vehement gegen diese polemische Schlussfolgerung: «Domenichelli hatte bereits die Ferien mit seiner Familie geplant, als wir entschieden, auf die Alp zu gehen. Das mussten wir respektieren. Und Nummelin befindet sich in dieser Zeit in einem Camp in Finnland.»

Habisreutinger hat ja recht. Aber er verschärft so das Kernproblem: Es gelten in Lugano halt doch nicht für alle gleiche Regeln: Selbstverständlich gehen bei Domenichelli Ferienwünsche vor. Selbstverständlich ist zu respektieren, dass Nummelin daheim in Finnland besseres zu tun hat. Aber das gilt natürlich nicht bei allen anderen Spielern! Potz Donner! Die haben sich anzupassen und in Gottes Namen halt einmal ein Opfer zu bringen und müssen ausnahmsweise verschieben und umdisponieren und annullieren, wenn sie was anderes vorgehabt haben, Die haben sich zu fügen. Das darf man ja wohl bei so gut bezahlten Arbeitnehmern verlangen. Es geht ja um den Teamgeist. Wo kämen wir denn hin, wenn jeder einfach macht, was er will?

Management muss Regeln durchsetzen

So lange es das Management nicht schafft, für alle Spieler die gleichen Regeln durchzusetzen und auch die bestbezahlten Stars auf und neben dem Eis ins Team zu integrieren, so lange wird Lugano nicht mehr «Grande» und so lange folgt in den Playoffs der sportliche Alpabzug. So einfach ist das.

Und Luganos Alpaufzug wirft noch eine Frage auf: Wenn es wirklich darum geht, den Zusammenhalt der Mannschaft zu fördern, dann braucht es keine Medienpräsenz. Aber Habisreutinger hat extra die Reporterinnen und Reporter am Donnerstag auf die Alp eingeladen (die Einladung ist auch an mich gegangen). Das ist nett, das ist in einem gewissen Sinne sehr professionell. Gutes tun und darüber reden. Aber diese offensichtliche Inszenierung führt eben auch zum Schluss, dass es um etwas anderes geht als um Pflege des Teamgeistes. Es geht auch darum, öffentlich zu demonstrieren, dass man die Lehren aus der letzten Saison gezogen hat und aktiv neue Wege geht. Gute, professionelle Öffentlichkeitsarbeit eben.

Aber dann sollte man wenigstens auch sicherstellen, dass dabei nicht vor der Öffentlichkeit entlarvt wird, dass die Superstars in Lugano jene Privilegien geniessen, die am Ende des Tages die Chemie in der Kabine stören.

Luganos Alpaufzug ohne Nummelin und Domenichelli zeigt uns auf schöneArt und Weise, was wir letzte Saison auf dem Eis gesehen haben: Wenn es wirklich darauf ankommt, wenn es wirklich hart auf hart geht, wenn es darum geht, ein Opfer zu bringen, dann sind Petteri Nummelin und Hnat Domenichelli, abgesichert mit langjährigen Verträgen, nicht dabei. Die Bilanz von Nummelin und Domenichelli in den letzten Playoffs: Je vier Spiele und null Tore.

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