14.07.2014 20:16

Kischis Einwurf

Ein Sonntag wie kein anderer

Der WM-Final zwischen Deutschland und Argentinien hat geschafft, wovon Millionen brasilianischer Männer sonst nur träumen können!

von
M.Kistler, Rio de Janeiro

Gott hat am siebten Tag Brasilien erschaffen, sagen hier die Einheimischen. Ich allerdings dachte, ich hätte als Kind im Religionsunterricht mitbekommen, dass man am siebten Tag ruhen soll. Wobei das hier in Brasilien mit dem Ruhen - oder besser gesagt dem Ausruhen - auf jeden Tag zutreffen könnte. Denn mit dem Arbeiten, vor allem dem speditiven, stehen die meisten hier auf Kriegsfuss. Und da brauchen wir Gringos vor allem eines: Geduld. Und Nerven!

Aber zurück zu den Wochenenden: Freitag und Samstag gehst du mit Freunden weg oder eine halbe Kompanie trifft sich bei irgendjemandem zuhause. Das geht um neun Uhr abends los und endet dann so um zwei Uhr in der Nacht. Und es wird gequasselt, als hätte man sich Jahre nicht mehr gesehen. Und am Samstag - nicht vor 13 Uhr - bedankt man sich gegenseitig, und schon werden wieder die letzten Neuigkeiten ausgetauscht. Als ob während des Schlafens was hätte passieren können ...

Und dann ist er da, der Sonntag! Und ich weiss jetzt: Weder hat Gott am siebten Tag Brasilien erschaffen, noch sollst du am siebten Tag ruhen - Gott hat den Sonntag fürs Telefonieren reserviert!

Handy wird nicht aus Hand gelegt

Die Erste, die sich am Sonntagmittag mittels WhatsApp und den neusten Bildern des vergangenen Abends bemerkbar macht, ist das «Wild». Jetzt gehts nur darum, so schnell wie möglich zu reagieren: Telefon in die Hand nehmen, Nummer wählen - und hoffen, dass keine andere schneller ist. Ist das der Fall, stellt sich eine Art Resignation ein. Man hat sich ja so viel zu erzählen! Aber eines steht fest: Ab jetzt wird das Handy nicht mehr aus der Hand gelegt, das Festnetztelefon nicht mehr aus den Augen gelassen. Alles was zählt, ist der Handy-Ton für WhatsApp. Machts Bling, ist es wie eine Erlösung.

Also schnell ans Telefon, Nummer wählen - und hoffen, dass kein Besetztzeichen kommt. Ist die Leitung frei, die andere nimmt ab - Gott sei Dank! Jetzt wird schnell der letzte Abend besprochen. Nach einer geschlagenen Stunde (dabei hat man wirklich nur über das Notwendigste gesprochen und es gäbe ja noch so viel zu sagen) wird dann aufgelegt, nicht ohne sich gegenseitig zu versprechen, sich bald wieder zu melden.

Im gleichen Takt gehts weiter. Die nächste Amiga wartet ja schon ... Und einer Sache kann man sich sicher sein: Die ganze Zeit wird versucht, bei dir anzurufen! Also verwundert es nicht, wenn plötzlich in einer freien Sekunde das Telefon klingelt. So um 19 Uhr nimmt der Spuk langsam ein Ende. Schliesslich müssen sieben Stunden reichen, um das, was Männer in zwei Minuten hinter sich gebracht hätten, zu einem mehr oder minder guten Ende zu führen. Und ein Gedanke hilft dabei: Der nächste Sonntag kommt bestimmt!

Brasilianerinnen hoffen auf Zeitverschiebung

Am Sonntag, 13. Juli 2014 war das für einmal ganz anders. Den ganzen Nachmittag klingelte nicht einmal das Telefon - WM-Final sei Dank! Doch den gibts nur alle vier Jahre. Und die Brasilianerinnen hoffen schon jetzt, dass mit der Zeitverschiebung in Russland der Final nicht mitten am Nachmittag gespielt wird!

Für die geschätzten Leserinnen in der Schweiz habe ich hier noch einen Tipp, wie Sie Ihre Freundin erreichen, auch wenn bei der ständig das Besetztzeichen kommt: Man hat ja schliesslich Festnetz und Handy. Kommt bei einer der beiden Nummern das Besetztzeichen, wählt man die andere Nummer! Das Verrückte daran ist, es funktioniert! Dann sind sie in so einer Art Telefonkonferenz. Dann wird zu dritt gequasselt. Versuchen Sie es einmal ?

Markus «Kischi» Kistler, Leiter Produktion Print bei 20 Minuten, weilt während der WM in Rio de Janeiro und bleibt in seiner zweiten Heimat mit seinen Einwürfen auch abseits des Spielgeschehens immer auf Ballhöhe.

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