29.10.2020 18:58

Finanzsumpf im Schweizer Eishockey«Ein Spiel ohne Zuschauer kostet uns rund 400’000 Franken»

Der neue Bundesratsentscheid trifft die Schweizer Clubs knallhart. Es könnten Defizite von rund 10 Millionen Franken entstehen.

von
Marcel Allemann
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Mysports-Experte Ueli Schwarz ist auch Verwaltungsrat beim EHC Biel.

Mysports-Experte Ueli Schwarz ist auch Verwaltungsrat beim EHC Biel.

Foto: Pius Koller (Freshfocus)
ZSC-
CEO Peter Zahner sieht Millionenverluste auf die Vereine zukommen.

ZSC-
CEO Peter Zahner sieht Millionenverluste auf die Vereine zukommen.

Foto: Andy Müller (Freshfocus)
Für Marc Gianola, CEO des HC Davos, geht es nur noch um Schadensbegrenzung.

Für Marc Gianola, CEO des HC Davos, geht es nur noch um Schadensbegrenzung.

Foto: Imago Images

Darum gehts

  • Die Corona-Massnahmen des Bundes stellen die Eishockeyvereine vor eine Herkulesaufgabe.

  • Es drohen finanzielle Einbussen in Millionenhöhe.

  • Die Regel mit 50 Zuschauern kommt bei den Clubs nicht gut an.

«Ein Spiel ohne Zuschauer kostet uns rund 400’000 Franken.» Das sagte Biels Verwaltungsrat Ueli Schwarz auf Mysports. Man rechne: Bislang hatte Biel vier Heimspiele, es bleiben demnach ohne Berücksichtigung des Playoff oder des neuen Pre-Playoff noch 22. Rechnet man diese 400’000 Franken auf diese 22 verbleibenden Heimspiele bis zum geplanten Ende der Qualifikation am 22. März 2021 hoch, dann ergibt dies 8,8 Millionen Franken. Würde die neue Bundesratsregelung bis Weihnachten gelten, würde dies den EHC Biel immer noch gegen 5 Millionen kosten, danach sind für die Seeländer im aktuellen Spielplan noch zehn Heimspiele angesetzt.

Defizite von rund 10 Millionen Franken

Einen Fehlbetrag von 400’000 Franken pro Heimspiel meldet also Biel. Wie sieht das bei anderen Clubs aus? «Ich kann da keinen Betrag nennen. Bei uns hängt es davon ab, ob ein Heimspiel auf einen Dienstag, einen Samstag oder auf die Ferienzeit fällt und wer der Gegner ist», sagt Davos-CEO Marc Gianola. Sein Amtskollege bei den ZSC Lions, Peter Zahner, will sich ebenfalls nicht auf eine fixe Zahl festlegen: «Es kommt immer darauf an, wie so etwas berechnet wird.» Wenn man aber die Sponsoren, Saisonkarten, Einzeltickets und Gönnerorganisationen einbeziehe und nicht eine reine Milchbüchleinrechnung mache, komme man auf einen Betrag von rund 500’000 Franken.

Zahlen nennen sowohl der ZSC wie auch der HCD, wie gross das Defizit ungefähr sein werde, wenn die neuen Bundesratsregelungen bis Ende Saison gelten sollten. «Wir gehen von 6 bis 7 Millionen Franken aus, wobei hier die Lohnverzichte aller Angestellten bereits eingerechnet sind», sagt Gianola. Und Zahner erklärt: «Überschlagsmässig ergibt eine erste Schätzung einen Betrag von 8 bis 10 Millionen. Wenn aber Sponsoren oder Saisonkarteninhaber Geld zurückverlangen, wird er höher sein.»

Dass gemäss Bundesratsbeschluss noch 50 Leute in die jeweiligen Stadien dürfen, bringe nichts. Darüber sind sich Gianola und Zahner einig. «Abzüglich des Managements, des Verwaltungsrates und Gästevertretern bleiben vielleicht noch 20 Eintritte. Da schreiben wir doch nicht unsere 7019 Saisonkartenbesitzer an, verlosen diese 20 Tickets und enttäuschen danach 6999 Leute», sagt Zahner. Man werde mit den noch verfügbaren Plätzen so verfahren, dass man die Präsidenten der Gönnerorganisationen einladen werde. Und Gianola sagt: «Ob 50 oder 0 Zuschauer ist dasselbe.» Interessant werde es erst ab einer Grössenordnung ab 1000 Leute, denn es gehe darum, die Dauerkartenbesitzer im Stadion halten zu können.

«Im besten Fall können wir im Januar 1000 Zuschauer reinlassen.»

HCD-CEO Marc Gianola

In den letzten Monaten war vieles bei den Clubs auf Hoffnung abgestützt. Deshalb wurden im Eiltempo aufwendige Schutzkonzepte erstellt, die bis zu 500’000 Franken (im Fall des SC Bern) gekostet haben. Diese nutzen konnten die Clubs nun nicht einmal einen Monat oder im Fall des HC Davos gerade mal für ein Heimspiel. Bei Gianola hat die Hoffnung nun dem Realismus Platz gemacht: «Wir müssen davon ausgehen, dass die geltenden Regeln nun für Monate andauern werden. Im besten Fall kommt es danach im Januar zu einer Lockerung, und wir können für den Rest der Saison 1000 Zuschauer reinlassen.» Seine neue grosse Hoffnung ist eine «baldige Impfung und dass wir ab September 2021 wieder in vollen Stadien spielen können. In dieser Saison geht es nur noch um Schadensbegrenzung.»

Und letztlich um das Überleben der Clubs. Diese haben am Donnerstag verlauten lassen, ihren Meisterschaftsbetrieb vorerst bis am 1. Dezember fortzuführen und danach eine neue Lagebeurteilung vorzunehmen. Diese umfasst einerseits die epidemiologische Situation in der Schweiz, andererseits den Status bezüglich der zugesagten Finanzhilfen des Bundes. Die Liga und die Clubs haben in ihrer Mitteilung noch einmal darauf hingewiesen, dass Staatshilfen unabdingbar seien. «Wir brauchen jetzt finanzielle Unterstützung wie andere Branchen auch», sagt Zahner. Man benötige neben Darlehen auch A-fonds-perdu-Beiträge und Kurzarbeit für befristete Arbeitsverträge.

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168 Kommentare
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RedSea Diver

30.10.2020, 17:25

Mit 100 Millionen dieses Jahr sollen Sportverbände unterstützt werden, dazu kommt ein Teil sicher noch von den 365 Millionen von Swisslos. Bekommt jeder Spieler einen Goldpokal?

ben

30.10.2020, 10:13

man sollte bei all den diskussion nicht vergessen, dass es ein leben nach der pandemie geben wird. eishockey und fussball sind nun mal die beliebtesten sportarten in der schweiz. verbunden mit emotionen, freude etc. für viele menschen ist der sport ein teil vom leben. alle beteiligten müssen (club, spieler, fans, bund, kantone) ihren beitrag dazu leisten damit die vereine überleben können. es geht nur gemeinsam! genau so erwarte ich aber dass auch die unterstützungsleistungen für oper, theater etc. überprüft bzw. hingerfragt werden weil sportvereine haben eine gleiche bedeutung...

Vorschlag

30.10.2020, 09:08

Mit der aktuellen Situation musste man seits der Clubs rechnen. Wieso sind keine Pay-TV-Lösungen vorbereitet worden. Übertragungen der Spiele am TV wären doch eine Lösung für die Clubs, um in der aktuellen Situation zu etwas Geld zukommen > Ideen sind gefragt.