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Wo ist MH370?«Ein Suchroboter bearbeitet 40 km² pro Tag»

Marcel Rothenbeck ist Experte im Auffinden von Trümmerteilen abgestürzter Flugzeuge. Er rechnet damit, dass er für die Suche nach MH370 angefragt wird.

von
K. Moser

Noch immer weiss man nicht, über welcher Stelle des Indischen Ozeans der Flug MH370 genau abgestürzt ist. Zwar hat ein chinesisches Schiff ein Signal empfangen, ob dieses aber wirklich vom verschwundenen Flugzeug stammt, ist derzeit noch unklar.

Die Suche nach dem Flugschreiber läuft auf Hochtouren. Grund für den Zeitdruck: Die Blackbox wird voraussichtlich am Montag verstummen. Danach kann man nicht mehr nach Signalen, sondern nur noch nach Trümmerteilen suchen. Einer, der dann zum Einsatz kommen könnte, ist Marcel Rothenbeck vom Institut Geomar in Kiel. Der Deutsche hat im Jahr 2010 die Blackbox der abgestürzten Air-France-Maschine im Atlantik gefunden.

Marcel Rothenbeck, die Suche nach Trümmerteilen der abgestürzten MH370 ist in vollem Gang. Sie sind diesbezüglich ein Experte. Haben Sie die Koffer schon gepackt?

Nein. Zurzeit bereiten wir normale wissenschaftliche Ausfahrten vor.

Rechnen Sie mit einer Anfrage?

Ja, es ist durchaus möglich, dass wir angefragt werden. Allerdings muss das Suchgebiet erst genauer eingegrenzt werden.

Wie schnell könnten Sie vor Ort sein?

Das dauert etwa vier Monate.

So lange?

Ja, denn zuerst müssen wir die Autonomen Unterwasserfahrzeuge in Container verpacken und diese zum Starthafen transportieren. Und dann muss noch ein passendes Schiff gefunden werden. Das dauert bereits zwei bis drei Wochen. Die Fahrt ins australische Perth würde dann etwa drei Monaten dauern.

Wie bereiten Sie sich auf eine solche Expedition vor?

Wir müssen die Suchroboter gründlich durchchecken und genügend Ersatzteile organisieren. Sie müssen sich vorstellen, dass wir vielleicht einen Monat auf See verbringen, da kann man nicht so schnell etwas nachbestellen.

Sie waren 2010 an der Suche nach Tümmerteilen der AF447 beteiligt, die Ende Mai 2009 abgestürtzt ist. Wie läuft so eine Aktion ab?

Als Erstes muss man eine Karte des Gebiets erstellen, um herauszufinden, wie gebirgig die Gegend unter Wasser ist. Im Fall der AF447 hat ein französisches Forschungsschiff diese Aufgabe übernommen. Danach erst kann man den Roboter entsprechend programmieren.

Was sind das für Roboter?

Es sind sogenannte autonome Unterwasserfahrzeuge. Diese können bis zu 6000 Meter tief tauchen und bewegen sich – eben autonom – mit einer Geschwindigkeit von rund 3 Knoten pro Stunde. Wir programmieren, wo sie suchen müssen, und dann grasen sie das Gebiet ab wie ein Rasenmäher. Oder besser: wie einer dieser Traktoren in den USA, die mit GPS ausgerüstet sind und diese riesigen Felder völlig selbstständig beackern. Pro Tag sucht so ein Roboter ein Gebiet von fast 40 km² ab.

Wie genau macht er das?

Der Roboter ist an beiden Seiten mit Seitensichtsonaren ausgestattet, die beide bis zu 700 Meter abdecken, also insgesamt 1400 Meter. Diese Sonare tasten die Umgebung mit Schall ab und speichern die Daten.

Und wie erkennen Sie, ob der Roboter ein natürliches Objekt oder ein Trümmerteil entdeckt hat?

Geologen können das anhand der Daten erkennen. Metall reflektiert besonders stark.

Wie sieht ihr Arbeitstag auf dem Schiff aus?

Wenn wir, wie bei der Suche nach den Trümmern der AF447, drei Roboter einsetzen, dann lassen wir die Unterwasserfahrzeuge an drei verschiedenen Stellen ins Wasser. Danach werten wir die Daten aus, die wir vom Vortag erhalten haben. Sobald die Roboter «ihr Gebiet» bearbeitet haben, holen wir sie wieder an Bord. Wir entnehmen die neuen Daten, checken die Unterwasserfahrzeuge durch, warten sie und verstauen sie.

Und wenn Sie Trümmerteile entdeckt haben, was passiert dann?

Dann setzen wir Kameras ein. Bei der Suche nach der AF447 habe ich rund 80'000 Fotos gemacht. Auf denen war dann auch das Heck der Maschine zu sehen. Flugschreiber sind meistens im Heck verbaut. Aufgrund der Bilder kann man dann die Bergung planen.

Was sind die Parallelen und Unterschiede verglichen mit der Suche nach der AF447?

Der grösste Unterschied ist, dass immer noch niemand weiss, wo die MH370 abgestürzt ist, das ging bei der AF447 schneller. Ausserdem sind die Wetterverhältnisse sehr schlecht, das Gebiet ist sehr stürmisch und jetzt steht der Herbst vor der Tür. Allerdings hat man dieses Mal aufgrund der Erkenntnisse aus der Suche nach der AF447 schneller mit dem Einsatz von Suchrobotern begonnen.

Welches war Ihre aufregendste Expedition?

Jede Expedition ist aufgregend! Loszufahren und ein Gebiet zu erforschen, das noch völlig unbekannt ist, das ist ein einmaliges Erlebnis. Aber wenn ich so darüber nachdenke, dann sind es wohl die Suchexpeditionen nach Schwarzen Rauchern, diesen hydrothermalen Quellen am Grund der Tiefsee. Wenn wir dann Hinweise auf einen neuen Schwarzen Raucher finden, den Roboter voller Erwartung nochmals runterschicken, auf die Resultate warten und dann den Beweis erhalten – das ist ein unbeschreibliches Gefühl!

Marcel Rothenbeck

Der Ingenieur Marcel Rothenbeck arbeitet für das Geomar Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel, eine der führenden Einrichtungen auf dem Gebiet der Meeresforschung in Europa. Ab 2010 nahm er an der Suchaktion nach Trümmerteilen des Air-France-Flugs AF447 teil, der am 31. Mai über dem Südatlantik abgestürzt war.

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