Reportage: Ein Tag als Model
Aktualisiert

ReportageEin Tag als Model

Was die Gewinnerin von «Germany's Next Top Model» im Final am 10. Juni bekommt, hat Tamara Petrovic schon: ­einen Vertrag mit einer Model­agentur. Seit 2006 ist sie in der Kartei der Model­agentur Option in Zürich, seit diesem Januar auch bei Elite Milano.

von
Cécile Blaser

Im TV bei Heidi klingt so ein Vertrag wie ein Lottogewinn – dabei ist es eher ein Ticket. Und zwar nicht für eine Glamourreise nach L.A. inklusive Übernachtung in einer Luxusvilla und Promi-Partys. Sondern ein Ticket zum Beispiel in die Residence Pola, eine Model-WG in Mailand: kleine Küche, ein Zimmer mit drei Betten. Hier wohnt Tamara, wenn sie wochenlang von Go See (unverbindliches Vorstellungsgespräch) zu Casting (Vorstellungstermin für einen konkreten Job) rennt. Und hofft, gebucht zu werden. Wir haben Tamara einen Tag lang begleitet.

9:15 Uhr

Aufstehen, duschen. Tamara schlüpft in schwarze Baumwoll­leggins, T-Shirt und Blazer. Schnell noch ein bisschen Wimperntusche und Lippenstift. Am Morgen verliert Tamara nicht gerne Zeit, lieber schläft sie so lange wie möglich. In ihrer Tasche: ein Wasserfläschchen, hohe Schuhe für die Castings, ein Stadtplan und der Fax der Agentur, den sie gestern Abend bekommen hat. Darauf stehen ihre Termine für heute. Sie verlässt ihr Zimmer in der Via Pola, winkt der Dame in der Lobby zu und eilt Richtung Metrostation.

10:05 Uhr

Etwa zehn Mädchen warten schon. «Who's last?», fragt Tamara, und stellt sich hinter das hinterste Mädchen. Ein Casting, es geht um einen Haar-Job, ein Editorial – so nennt man Mode- und Beautystrecken in einem Magazin. Tamara hat kräftiges, langes, dunkelbraunes Haar und schon einmal für ein Produkt von L'Oréal gemodelt. Schon mal gut. Sie redet mit niemandem. «Die anderen Mädchen interessieren mich nicht», erklärt sie. «Manche sind Zicken, am schlimmsten sind die Russinnen. Die haben ja nichts anderes.» Nach 20 Minuten ist sie an der Reihe. Im Nebenzimmer wartet eine Frau auf sie. Tamara zeigt ihr Buch und ergänzt: «Ich hatte schon einen Haar-Job für L'Oréal.» Das ist alles. Die Frau nimmt sich eine Sedcard aus dem Buch. Dafür wird Tamara ihrer Agentur fünf Euro zahlen müssen - meistens landet die Karte direkt im Abfall. Nach zwei Minuten ist das Vorstellen vorbei. Ob sie den Job bekommt, wird Tamara später von ihrer Agentur erfahren.

11:00 Uhr

Tamara steht vor dem Gartentor von Paolo Candian. Er wird heute neue Fotos für ihr Buch schiessen. Sein Studio im Süden Mailands ist auch seine Wohnung, und so kocht er erst mal starken Kaffee und zeigt seine Arbeiten. Danach wird geknipst. Er hinter, Tamara vor der Kamera. Sonst ist da niemand. Paolo bestimmt die Posen, die Outfits und das Make-up - Tamara muss sich selbst schminken. Umziehen kann sie sich auf dem Klo. Das ist nicht immer so: «Es kommt schon vor, dass man nur in Unterhosen vor einem fremden Mann steht. Mein Freund ist deswegen mega eifersüchtig. Doch für mich gehört das halt zum Job.»

14:20 Uhr

In der Pizzeria Malastrana Azzurra bestellt Tamara einen Salat, eine Pizza Margherita und Wasser. Sie hat Hunger, gefrühstückt hat sie nicht. «Seit ich modle, habe ich ein paar Kilo abgenommen. Nicht absichtlich. Mein Body Mass Index ist zwar unter 18, ich bin aber nicht magersüchtig oder so», versucht sie zu beruhigen. Und schiebt nach: «Es ist seltsam: Die meisten Mädchen werden fraulicher, wenn sie älter werden, sie gehen in der Hüfte auseinander. Meine Hüften haben sich seit dem Elite Model Look aber sogar um zwei Zentimeter verkleinert.»

15.35 Uhr

Besprechung in der Agentur. Als Tamara im Januar nach Mailand kam, stellte sie sich bei vier Agen­turen vor. Alle vier wollten sie. Tamara entschied sich für Elite. Die Agentur ist ihr Fixpunkt, von hier aus wird alles koordiniert: Castings, Go Sees, Testshootings, Jobs. Und tatsächlich, Tamara hat einen Auftrag: das spanische «Singular Magazine» hat sie für eine Modestrecke gebucht. Aber nicht alle Aufträge sind toll. Manchmal arbeitet Tamara auch als Hostess an Messen. «Ich mag Modeschauen. In der Schweiz laufe ich jedes Jahr für Beldona. Da verdient man besser.» Für Tamara heisst das im Moment 300 oder 400, manchmal 1000 Franken pro Auftrag. Das reicht kaum fürs Leben. Deshalb wohnt sie bei ihren Eltern, wenn sie in der Schweiz ist.

16:45 Uhr

Noch ein Go See, dann ist für heute Schluss. «Es kommt auch vor, dass ich zehn Termine am gleichen Tag habe. Das ist ohne Fahrer unmöglich.» Den bucht sie über die Agentur, 100 Euro pro Tag, die ihr direkt von ihren Honoraren abgezogen werden. «Auf der Rückbank kann ich dann aber zwischen den Terminen schlafen, das tut gut.»

18:15 Uhr

Zurück in der Model-WG. Tamara ist gerädert. Ihre deutsche Mit­bewohnerin hat im Zimmer geraucht, das nervt sie gewaltig. Und überhaupt: «Ich freue mich immer, wenn ich wieder zurück in die Schweiz kann. Hier bin ich immer alleine.» Sie klappt ihren Laptop auf, geht auf Facebook, chattet mit ihrem Freund. Zum Znacht gibt es Pasta. Später checkt sie in der Lobby, ob der Fax von der Agentur schon gekommen ist. Das Programm für morgen steht bereits: vier Go Sees, zwei Castings.

Es war Mamas Idee

«Willst du da nicht mitmachen?», fragt ihre Mutter. Vor ihr liegt ein Inserat: Für den Elite Model Look 2006 werden Mädchen gesucht, die das Zeug zum international gefragten Model haben. Tamara will, wird Fünfte und bekommt einen Vertrag bei Option Model Schweiz. Sie entschliesst sich, zuerst die Matura zu machen. Danach geht sie nach Mailand und wird im Januar 2010 bei Elite Model unter Vertrag genommen.

Tamara Petrovic

Alter: 19

Wohnort: Reinach BL

Masse: 181 cm / 86-60-87

Schuhgrösse: 39

Haare: Dunkelbraun

Augen: Grün

Entdeckt: Am Elite Model Look 2006 / 5. Platz. Modelt seit 4 Jahren.

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