Home-Story in Teheran: Ein Tag im Leben von Mahmud Ahmadinedschad

Aktualisiert

Home-Story in TeheranEin Tag im Leben von Mahmud Ahmadinedschad

Ein US-Fernsehsender durfte den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad einen Tag lang bei der Arbeit begleiten. Herausgekommen ist eine unkritische – und doch faszinierende Homestory.

von
Omid Marivani

Die Berichterstattung über Mahmud Ahmadinedschad ist seit Jahren fester Bestandteil der UNO-Vollversammlung in New York. Dieser Tage war es wieder so weit: Der iranische Präsident gewährte zahlreichen amerikanischen Leitmedien ausführliche Interviews. Wie erwartet brachte er die Journalisten mit seinen ausweichenden, langatmigen Antworten an den Rand der Verzweiflung. Trotzdem ist dieses Jahr etwas anders: Der US-Fernsehsender NBC hat offensichtlich vor der Bauernschläue Ahmadinedschads kapituliert und verzichtete für einmal auf kritische Fragen. Stattdessen begleitete er ihn während eines Arbeitstages in Teheran. Herausgekommen ist eine Art Homestory, inhaltlich harmlos und doch irgendwie faszinierend.

«Zum ersten Mal haben wir Einblick hinter die Kulissen eines Tagesablaufs von Präsident Ahmadinedschad erhalten», moderiert NBC-Reporter Ann Curry in einem roten Kopftuch ihren Beitrag aus Teheran an. Der Tagesablauf des Präsidenten beginnt demnach um fünf Uhr morgens, wenn er seine Residenz nach Verrichtung des Morgengebets verlässt und sein Fitnessprogramm absolviert. «Good morning, Mr. President», grüsst Curry artig und Ahmadinedschad erwidert den Gruss auf Englisch. Zuerst steht Joggen auf dem Programm und der Medienprofi hebt zeitweise in Rocky-Manier die Hände. Darauf folgen einige Minuten auf dem Fahrrad im Fitnessraum. «Präsident Ahmadinedschad achtet auf seine Gesundheit und trainiert darum jeden morgen über 30 Minuten», erfährt der Zuschauer. Mahmud Ahmadinedschad – ein Mensch wie du und ich.

Nur drei Stunden Schlaf

Noch vor sieben Uhr betritt er sein «geräumiges, aber einfaches» Büro, wo er seine Schuhe auszieht. Dann studiert er lokale Zeitungen und eine internationale Presseschau, die seine Mitarbeiter vorbereitet haben. Um acht Uhr nimmt er seinen ersten Termin wahr, ein Auftritt vor einer Versammlung von Geistlichen. Um neun Uhr besteigt er ein Regierungsflugzeug für einen Besuch in der Provinz Chorasan, wo er sich die Sorgen der kleinen Leute anhören wird. Curry und ihr Filmteam dürfen mit, ein bisschen Air-Force-One-Feeling kommt auf. «Sogar während des Flugs berät er sich mit seinen Ministern», zeigt sich Curry beeindruckt. Sein Mitarbeiterstab behaupte, er schlafe nur drei Stunden pro Tag. «Sogar der oberste Führer Chamenei habe ihn angewiesen, mehr zu schlafen», schiebt sie nach. Mahmud Ahmadinedschad – der am härstesten arbeitende Präsident der Welt.

Nach der Landung besucht Ahmadinedschad zunächst einen Basar und unterhält sich mit Kunsthandwerkern. Curry fragt höflich, was der Anlass dieses Besuchs ist. Der Präsident antwortet, Kunst sei geeignet, um die «gemeinsamen Werte der Menschheit» aufzuzeigen. «Schliesst das die USA ein?», hakt Curry nach. «Überall, wo es Menschen gibt», erklärt Ahmadinedschad. Nach dem kleinen Seitenhieb verfällt Curry umgehend wieder in die Rolle der Hofberichterstatterin. «Mr. President, woher holen Sie die Motivation, so hart zu arbeiten?», fragt sie. Ahmedinedschad überrascht mit einer schlagfertigen und unterschiedlich auslegbaren Antwort: «Hart arbeiten? Es ist noch nicht einmal Mittag, wir haben doch noch gar nicht angefangen zu arbeiten.»

Danach folgt ein Besuch in einer Siedlung mit subventionierten Wohnungen für die Armen und ein Gespräch mit einem alten Mann, dessen drei Söhne im Krieg gegen den Irak gefallen sind und dessen Frau nun erkrankt ist. Mahmud Ahmadinedschad – der Barmherzige.

Ahmadinedschad bleibt ein Rätsel

Der PR-Charakter ihrer Reportage über den iranischen Präsidenten ist NBC nicht verborgen geblieben. Curry betont zum Schluss, dass sie Ahmadinedschad am folgenden Tag zu einem Interview treffen und sich dabei den kritischen Fragen annehmen wird. Das tat sie und sprach unter anderem das Schicksal der beiden im Iran inhaftierten Amerikaner und das umstrittene Atomprogramm an.

Die sensationelle Ankündigung Ahmadinedschads, Shaun Bauer und Josh Fattal würden bald freikommen, haben Vertreter der iranischen Justiz inzwischen relativiert. Dass Iran angeblich Atomwaffen aus religiösen, politischen und militärischen Gründen ablehnt, ist auch nichts Neues. Bei Licht betrachtet hatte die Homestory aus Teheran den grösseren Informationswert. Dass sich der iranische Präsident auch in diesem Genre zu inszenieren weiss, dürfte niemanden ernsthaft überraschen. Wie dieser Mann tickt, darüber weiss man allerdings nicht mehr als vorher. Mahmud Ahmadinedschad - der Rätselhafte.

Das «kritische» Folge-interview:

(Video: NBC)

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