Iranischer Terrorplan: Ein Taugenichts als Super-Terrorist?

Aktualisiert

Iranischer TerrorplanEin Taugenichts als Super-Terrorist?

Ein notorischer Versager soll die Tötung des saudischen Botschafters in den USA geplant haben. Auch das Motiv für den angeblichen iranischen Terrorplan bleibt rätselhaft.

von
Peter Blunschi

Er ist das, was man gemeinhin als verkrachte Existenz bezeichnet. Der 56-jährige Manssor Arbabsiar wird von Freunden und Nachbarn als hoffnungslos unzuverlässig und inkompetent geschildert. «Seine Socken haben nicht zueinander gepasst. Er hat ständig seine Schlüssel und sein Handy verloren», sagte sein Freund Tom Hosseini der «New York Times». In seinen 30 Jahren in Texas hat der gebürtige Iraner Arbabsiar mehrfach als Geschäftsmann Schiffbruch erlitten. Ein ehemaliger Konkurrent bezeichnete ihn als «Taugenichts».

Und doch machen die USA diesen Manssor Arbabsiar verantwortlich für die Planung eines Terroranschlags auf den Botschafter Saudi-Arabiens in Washington. Kaum jemand aus seinem Umfeld glaubt, dass er dazu fähig wäre. Tatsächlich flog der amateurhafte Plan mit dem Decknamen «Chevrolet» prompt auf. Entsprechend schwer tut sich die Regierung Obama mit der Frage, warum die Al-Kuds-Einheit der iranischen Revolutionsgarden ausgerechnet diesen Dilettanten mit einer solch riskanten Operation betrauen sollte.

Die Spur führt nach Teheran

Man habe anfangs selber gezweifelt, dass iranische Regierungskreise hinter dem Plan stecken, räumten US-Regierungsvertreter gegenüber der «Washington Post» ein. Doch Banküberweisungen und abgehörte Telefongespräche sollen eine eindeutige Verbindung mit der Al-Kuds-Einheit belegen. Man sei überzeugt, dass Kuds-Kommandant Kassim Suleimani und Ajatollah Ali Chamenei, der oberste Führer des Iran, dem die Einheit direkt unterstellt ist, zumindest Bescheid gewusst haben, hiess es aus dem Weissen Haus weiter.

Hier kommt Manssor Arbabsiar ins Spiel. Einer seiner Cousins besetzt laut Anklageschrift einen hohen Posten bei der Elitetruppe. In den letzten zwei Jahren soll Arbabsiar zudem laut seinem Freund Tom Hosseini wiederholt Zeit in seinem Geburtsland Iran verbracht haben und dort zu Geld gekommen sein. Hat sich der notorische Versager aus finanziellen Gründen auf die waghalsige Aktion eingelassen? Möglich wäre es, doch damit ist ein Problem nicht beseitigt: Das stümperhafte Vorgehen entspricht nicht den Standards von Al Kuds.

Inner-iranischer Machtkampf

Auch das Motiv bleibt dubios. Für einen Angriff auf Saudi-Arabien gibt es viel einfachere und eindeutigere Ziele als den Botschafter in Washington – schliesslich liegt das Königreich praktisch vor der iranischen Haustür. Auch die USA sind leichter zu treffen. Und eine Operation gegen beide Länder käme aus iranischer Sicht politischem Selbstmord gleich. Das Verhältnis zu Amerikanern wie Saudis befindet sich ohnehin auf einem Tiefpunkt.

Kommentatoren und Analysten vermuten die Hintergründe des eigenartigen Plans im inner-iranischen Machgerangel. Verschiedene Gruppen bekämpfen sich seit Monaten bis aufs Messer. «Ein derart tief gespaltenes Regime ist zu allem fähig», meinte der «Le Monde»-Kolumnist Alain Frachon gegenüber der «New York Times». Eine der Gruppen sei vermutlich in der Lage, eine solche Operation zu lancieren, um die anderen zu blamieren.

Annäherung an den Westen sabotieren?

Einige Experten spekulieren laut «Washington Post», die Revolutionsgarden könnten den «Anschlag» absichtlich so schludrig geplant haben, damit er von den US-Geheimdiensten aufgedeckt wird. Ziel wäre demnach, jegliche Annäherung Teherans an den Westen und vor allem die USA zu sabotieren. Ultrakonservative Hardliner verdächtigen vor allem Präsident Mahmud Ahmadinedschad derartiger Absichten. Dieser ist in letzter Zeit innenpolitisch stark in die Defensive geraten und könnte einen solchen «Befreiungsschlag» planen.

Selbst US-Regierungskreise räumen ein, Ahmadinedschad und seine Regierung hätten möglicherweise nichts von der Aktion gewusst. Dennoch bleibt dies pure Spekulation, denn letztlich würden mögliche iranische Komplotteure damit auch einen Militärschlag gegen ihr eigenes Land in Kauf nehmen. Der regimekritische Ökonom und Publizist Saeed Laylaz brachte es gegenüber der «Washington Post» auf den Punkt: «Wer immer dahinter steckt – ob innerhalb oder ausserhalb des Landes – ist entschlossen, eine internationale Front gegen den Iran zu bilden.»

US-Ermittler zweifelten an Mordkomplott - Obama droht mit «härtesten Sanktionen»

Die USA sammeln Verbündete für eine konzertierte Aktion gegen den Iran wegen des möglichen Mordkomplotts gegen den saudiarabischen Botschafter in den USA. Unterdessen wurden die Zweifel am angeblichen Komplott immer lauter.

Selbst US-Ermittler seien lange skeptisch gewesen, weil die Verschwörung so bizarr und ungewöhnlich schlecht organisiert erschien, berichteten die «Washington Post» und das «Wall Street Journal» am Donnerstag unter Berufung auf nicht näher bezeichnete Beamte. Dass die iranische Führung verwickelt sei, basiere lediglich auf Schlussfolgerungen.

Justizminister Eric Holder hatte «Elemente der Regierung» im Iran, konkret den militärischen Arm Al-Kuds der Revolutionsgarden, für den angeblichen Mordkomplott gegen den Botschafter Abdel al- Dschubair verantwortlich gemacht.

Nun räumten Beamte ein, das Komplott trage nicht die Handschrift der Spezialeinheit. «Was wir sehen, scheint unvereinbar mit den hohen Standards, die wir aus der Vergangenheit kennen», heisst es. «Der operative Flügel der Al-Kuds ist zu intelligent und erfahren, um solch eine schlampige Operation durchzuführen», sagte der auf Iran spezialisierte politische Analyst Roozbeh Mirebrahimi dem «Wall Street Journal».

Erst nach monatelangen verdeckten Ermittlungen seien die Fahnder zunehmend überzeugt gewesen. Sie stützen ihre Anschuldigungen auch auf die Tatsache, dass der verhaftete Drahtzieher Manssor Arbabsiar - ein Iraner mit US-Pass - in engem Kontakt mit dem hochrangigen Al- Kuds-Mitglied Gholam Shakuri gestanden habe. Dieser sei als Unterstützer des internationalen Terrorismus bekannt.

In der «New York Times» äusserte sich der Nahostexperte des Kongress-Wissenschaftsdienstes, Kenneth Katzman, kritisch. «Es gibt einfach keinen Präzedenzfall - und noch nicht einmal eine angemessene Begründung - dafür, dass der Iran einen Komplott plant - ganz egal wo - mit nichtmuslimischen Dritten wie mexikanischen Drogenbanden», sagte er.

US-Präsident Barack Obama hat den Zweifeln am Donnerstag widersprochen. Die Attentatsplanungen seien von «Individuen in der iranischen Regierung» bezahlt und dirigiert worden, sagte Obama in Washington. Die USA würden solche Vorwürfe nicht erheben, wenn sie nicht die notwendigen Beweise hätten. Weiter drohte Obama dem Iran die «härtesten Sanktionen» an. Diese würden darauf abzielen, die Islamische Republik weiter zu isolieren.

Der britische Aussenminister William Hague sagte am Donnerstag in London, seine Regierung arbeite mit den USA, der Europäischen Union und Saudi-Arabien an einer angemessenen Reaktion. Die aufgedeckten Pläne seien offenbar ein Beleg dafür, dass der Iran seine Unterstützung von Terrorismus im Ausland ausweite, sagte Hague im Parlament. Nähere Angaben machte er nicht. Saudi-Arabien erklärte, es werde den Iran für jede feindliche Handlung zur Rechenschaft ziehen und man erwäge resolute Schritte.

Der ehemalige iranische Präsident Mohammed Chatami warnte unterdessen seinen Nachfolger Mahmud Ahmadinedschad vor einem möglichen Militärangriff der USA. Er bezeichnete die US-Vorwürfe als eine Verschwörung der Regierung in Washington, um sich Vorteile für die Präsidentschaftswahlen 2012 zu verschaffen. Die Regierung in Teheran hatte die Vorwürfe bereits am Mittwoch als haltlos zurückgewiesen. (sda)

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