Telefonat aus Dschungel von Myanmar: «Ein Blutbad steht unmittelbar bevor»
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Telefonat aus Dschungel von Myanmar«Ein Blutbad steht unmittelbar bevor»

Die Schweizer UN-Sondergesandte warnt vor einem Blutbad in Myanmar– doch Dave Eubank und sein Team erleben dieses Blutbad an der Grenze zu Thailand bereits seit Tagen. Ein Telefonat aus dem Dschungel.

von
Ann Guenter

«Das Militär nimmt Zivilisten, auch Kinder ins Visier», so Dave Eubank, «Free Burma Ranger».

Deutliche Worte von Christine Schraner Burgener, der Schweizer UN-Sondergesandten für Myanmar: «Wenn wir nur darauf warten, dass sie bereit sind zu reden, wird sich die Situation nur verschlechtern. Ein Blutbad steht unmittelbar bevor.»

Mit «sie» meint die gebürtige Meiringerin die Militärjunta Myanmars. Angesichts ihres immer härteren Vorgehens drohe dem Land ein Bürgerkrieg, warnte die 57-Jährige den UN-Sicherheitsrat an seiner Dringlichkeitssitzung. Sie appellierte, dass «eine Katastrophe im Herzen Asiens verhindert werden muss».

«Ich glaube, es waren Jets vom Typ MIG-29»

Für Tausende ist die Katastrophe schon seit Wochen und Monaten Wirklichkeit. Seit letztem Samstag wurde die Gewalt noch schlimmer. «Seit dem Putsch sehen wir täglich Luftschläge», berichtet Dave Eubank von den «Free Burma Rangers» am Telefon. Seine Hilfsorganisation ist seit Jahren im Karen-Staat im Osten des Landes tätig, um Angehörige der gleichnamigen ethnischen Minderheit zu unterstützen. Die Karen werden, wie andere ethnische Gruppen in der Militärdiktatur Myanmars, seit Jahrzehnten verfolgt.

«Vor dem Putsch gab es hier 3000 Binnenflüchtlinge, jetzt sind es bereits über 20’000», schätzt Eubank. Tausende versteckten sich im Dschungel und in Höhlen. «Das Militär nimmt Zivilisten, auch Kinder ins Visier». Auch Schulen, medizinische Einrichtungen und eine Goldmine seien aus der Luft beschossen worden – «Ich glaube, es waren Jets vom Typ MIG-29», so Eubank.

Seit dem 27. März sehe er täglich Tote, sagt Eubank

Reisspeicher würden in Brand gesetzt, auch Tiere von Dorfbewohnern getötet. Kümmern sie sich um Verletzte aus den bombardierten Dörfern, werden Eubank und sein Team immer wieder beschossen. «Luftschläge, Mörser, Maschinengewehre – seitdem die Militärs auch Operationen am Boden gestartet haben, benutzen sie einfach alles.» Er zeigt Fotos von verkohlten Leichen nach den Luftschlägen, von blutüberströmten Verletzten und zerstörten Holzdörfern. Seit dem 27. März sehe er täglich Tote, sagt Eubank.

Nach dem blutigen Wochenende hat die Militärjunta einen Waffenstillstand angekündigt – «aber dem schenkt niemand Glauben. Sie denken, dass sei nur eine Taktik. Deswegen bleiben sie lieber in ihren Verstecken, statt in die Dörfer zurückzukehren». Eubank fordert die internationale Gemeinschaft auf, humanitäre Hilfsgüter zu schicken. «Hier müssen 20’000 Menschen versorgt werden. Derzeit kaufen wir das Nötigste aus noch intakten Dörfern, aber das ist nur ein Tropfen auf den heissen Stein.»

Aktivist: «Es ist absolut wahr, dass Thailand Menschen wegweist»

Die Hilfe der internationalen Gemeinschaft ist das eine, die der direkten Nachbarländer das andere. Gut 3000 Personen sind seit dem gewalttägigen letzten Wochenende nach Thailand geflüchtet. Doch an der Grenze werden viele von ihnen abgewiesen, wie Menschenrechtler und Journalisten etwa im Grenzort Mae Sam Laep beobachteten. Die thailändische Regierung bestreitet dies: Man heisse Notleidende aus dem Nachbarland willkommen.

Zwei Aktivsten an der Grenze berichten 20 Minuten jedoch: «Es ist absolut wahr, dass Thailand Menschen wegweist». Von den Tausenden, die in den letzten Tagen nach Thailand geflohen waren, sei ein Grossteil nach einer Nacht wieder über die Grenze abgeschoben worden. Unabhängig und von der Schweiz aus lässt sich dies kaum verifizieren.

Deine Meinung

26 Kommentare
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B. Kerzenmacher

04.04.2021, 20:41

Inzwischen flüchten schon Soldaten aus Myanmar nach Indien. Die Karen flüchten aus Myanmar nach Thailand. Und da gibt es noch die Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch Es wird sich also zeigen, ob Thailand, Indien und Bangladesch auch im nächsten Jahr noch Abgesandte zur Militärparade nach Myanmar schicken werden...

Peter w

04.04.2021, 13:50

Wenn die Leute sturmgewehre haben dann können sie sich gegen eine Terroristen Regierung wehren. Unbewaffnet und sie sind völlig wehrlos.

A. Lukaschenko

04.04.2021, 12:49

Die Schweiz soll Impfstoff beschaffen und sich nicht in Fremde Angelegenheiten einmischen.