Aktualisiert 02.11.2011 13:25

Vom Wert des Lebens

«Ein toter Soldat ist besser als ein entführter»

Die Heimkehr Gilad Schalits hat in Israel einen alten Streit neu entfacht. Einige Armee-Offiziere wollen Entführungen mit aller Gewalt verhindern – und dabei wenn nötig den Entführten töten.

von
kri

Wie viel ist das Leben eines Soldaten wert? 1027 palästinensische Häftlinge. So entschied die israelische Regierung, als sie sich auf den Gefangenenaustausch mit der Hamas einliess, der den 2006 entführten Gilad Schalit vor zwei Wochen nach Hause brachte. Die Empörung über das numerische Missverhältnis ist in der Öffentlichkeit weitgehend abgeklungen – in der Armee hingegen hat sie eine alte Kontroverse neu entfacht.

Im Zentrum steht das sogenannte Hannibal-Protokoll, das in den späten 1980er-Jahren nach einigen Entführungsfällen im damals von Israel besetzten Südlibanon erlassen wurde. Es erlaubt laut der israelischen Zeitung «Haaretz» den Kommandanten jegliche Massnahmen zur Vereitelung einer Entführung - sogar wenn dadurch das Leben des verschleppten Soldaten gefährdet wird. Aufgrund heftiger Kritik der Öffentlichkeit und von Reservisten wurde die umstrittene Regelung nach der Jahrtausendwende ausgesetzt.

Besser Selbstmord als Gefangenschaft

Nach der Entführung Schalits wurde das Hannibal-Protokoll überarbeitet und wieder in Kraft gesetzt. Zu spät? Die interne Untersuchung der israelischen Armee hatte ergeben, dass ein Panzer-Kommandant in der Nähe des ägyptisch-israelischen Grenzübergangs Kerem Schalom die Entführung beobachtet und um Feuererlaubnis gebeten hatte. Probleme mit der Funkverbindung verzögerten die Antwort. Letztlich eröffnete er mit dem Maschinengewehr des Panzers das Feuer, was die Entführung aber nicht verhinderte. Schalit fiel der Hamas lebend in die Hände und verbrachte im Anschluss 1941 Tage in Gefangenschaft.

In einem Interview mit «Haaretz» hatte Brigadier Motti Baruch 2009 erklärt: «Die Botschaft ist, dass kein Soldat gefangen genommen wird, und es ist eine eindeutige Botschaft.» Ein anderer wurde noch expliziter: Während der Operation «Gegossenes Blei» 2008 zeigte das israelische Fernsehen einen Kommandanten, wie er seinen Soldaten vor dem Sturm auf den Gazastreifen ins Gewissen redete: «Kein Soldat dieses Bataillons wird entführt, um keinen Preis. Eher soll er sich selbst und seine Entführer mit einer Handgranate in die Luft sprengen.»

«Monströse Einstellung»

Laut «Haaretz» ist das Hannibal-Protokoll in manchen Einheiten zu einem ungeschriebenen Gesetz geworden: «Ein toter Soldat ist besser als ein entführter». In letzter Konsequenz bedeutet dies, dass nicht mehr der Entführer, sondern der Entführte zur primären Zielscheibe wird. Zahlreiche Offiziere sollen in der Praxis sogar den Beschuss des Fluchtfahrzeugs mit Panzergranaten und Luftschlägen befürworten. Ein hochrangiger Armee-Vertreter warnte vergangene Woche am Rand einer Tagung vor einer «gefährlichen, inoffiziellen Interpretation» des Protokolls: «Absichtlich ein Fahrzeug unter Beschuss zu nehmen, um den Entführten zu töten, ist ein völlig illegaler Befehl», sagte er.

Auch Professor Asa Kasher, der in den 1990er-Jahren den Verhaltenskodex der israelischen Streitkräfte verfasst hatte, meldete sich zu Wort: «Die Einstellung, dass ein toter Soldat besser ist als ein entführter, ist monströs», kritisierte er. Die Armeeführung täte gut daran klarzumachen, dass ein solches Verhalten inakzeptabel ist. Generalstabschef Benny Gantz betonte denn auch am Montag, das Hannibal-Protokoll erlaube nicht, einen Soldaten zu töten, um seine Entführung zu verhindern.

Sorge um die Moral

Der Hintergrund dieser Klarstellung von höchster Stelle ist offensichtlich: Israelische Bürger in Uniform haben den jüdischen Staat in zahllosen Kriegen seit seiner Gründung vor dem Untergang bewahrt. Die Vorstellung, im Gefecht von den eigenen Kameraden vorsätzlich getötet zu werden, könnte die Moral der Milizarmee unterwandern. «Wer ein einziges Menschenleben Israels zerstört, zerstört eine ganze Welt», heisst es schon im Talmud.

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